Ein weiteres Wort reizt die Gemüter von Linken und Grünen

Pleite der Windkraft_ Droht eine neue Dolchstoßlegende_

In der Generaldebatte am Mittwoch warf Alexander Gauland ein Wort in den Raum: »Dolchstoßlegende«. Und schon waren die Tugendwächter auf »Hab Acht!«

Eines muss man Alexander Gauland lassen: Er schafft es, mit Reizworten und aufreizenden Formulierungen die Aufmerksamkeit von Politikern und Medien auf sich zu ziehen. Das lässt mitunter einiges klarer erscheinen, wie im Fall von Aydan Özoğuz, die einen etwas beschränkten Begriff von deutscher Kultur hat; in anderen Fällen stand er, Gauland, buchstäblich knietief im – Sorry – Schiss.

In der Generaldebatte am Mittwoch warf Alexander Gauland nun ein anderes Reizwort in den Raum: »Dolchstoßlegende«. Sofort gingen die Tugendwächter auf den Sitzen von Linken, Sozialdemokraten und Grünen in Hab–Acht–Stellung. »Dolchstoßlegende« – das hatten auch die überwiegend historisch halbgebildeten Abgeordneten schon einmal gehört. Sie riefen: »Oh!«

Natürlich stand umgehend die Frage im Raum: Was hat Gauland damit gemeint ? Sie, die Frage, schaffte es sogar ins gutefrage–Portal. Dabei hatte Gauland deutlich gesagt, was gemeint hat:

Es ging um die Windkraft, genauer: Um deren momentane Schwierigkeiten und mögliches Scheitern. Gauland betonte, dass das Scheitern notwendig sei, weil die Windkraft sich ökonomisch nicht trägt und weil sie eine Katastrophe sei für die Umwelt. Doch die Einsicht für das Scheitern fehle bei den Betreibern und ihren Unterstützern. Sie schöben die Schuld auf Bürgerinitiativen, die immer häufiger Windmühlen blockieren. Gauland:

»Bis auf 350 Meter sind die Windmühlen schon an Wohnhäuser herangerückt. Wer die Welt retten will, meine Damen und Herren, kann auf Petitessen wie die Gesundheit der Anwohner natürlich keine Rücksicht nehmen. – Immobilien verlieren massiv an Wert, wenn Windräder in der Nähe stehen. Leider stehen sie natürlich nicht im Prenzlauer Berg oder in München-Schwabing. Es sind immer die anderen, die den Preis zahlen.«

Nach dem Beifall bei der AfD führt Gauland aus: »Die politische Windkraftlobby versucht inzwischen, Kritiker als Rechte zu denunzieren – na, ist ja üblich.« Und dann ergänzt er: »Hier entsteht eine neue Dolchstoßlegende.«

Die Gegenseite reagiert mit Zurufen und einem großen »Oh!«. Umgehend erklärt Gauland, wie das gemeint ist: »Aber auch dieser Krieg ist an der Front verloren, nämlich an den unerbittlichen Fronten der Physik und der Ökonomie.«

Was ist die Dolchstoßlegende ? – Es ist die Mär, das Kaiserliche Deutsche Heer habe den Ersten Weltkrieg nicht etwa an der Front, sondern durch einen Stoß mit einem Dolch in den Rücken verloren. Ausdrücklich Mär, Märchen, Geschichte. Tatsächlich hat Deutschland den Ersten Weltkrieg zuerst an der Westfront verloren; die Revolution verhinderte lediglich einen Endkampf auf deutschem Boden. Die Mär vom Dolchstoß wurde in der Nachkriegszeit von rechten Kreisen sehr erfolgreich gegen die Weimarer Republik ins Felde geführt.

Verbreiten die Windkraftbetreiber und ihre Lobbyisten eine Dolchstoßlegende ? – Allerdings! Statt das objektive, also ökonomische und physikalische Scheitern ihres Wunderwaffe gegen den Klimawandel einzugestehen, schieben sie die Schuld an ihrem eigenen Scheitern auf böse Bürger, die man vorsorglich schon einmal als rechts denunziert. Diese Bürger haben, so die neue Mär, die Windkraftindustrie und ihre Subventionskraftwerke von hinten erdolcht.

Die feine Spitze dieser reizvollen Bemerkung Alexander Gaulands liegt jedoch noch etwas tiefer: Denn eigentlich werden die Vertreter der Windkraft mit den Vertretern der Rechten der Weimarer Republik auf eine Stufe gesetzt. Das werden die sicherlich ungerne hören. Fraglich bleibt allerdings auch, was die aus der AfD, die sich mit den Deutschnationalen jener Tage verbunden fühlen und die Dolchstoßlegende für bare Münze nehmen, dazu sagen. Denn mit der Windkraft haben die meisten herzlich wenig am Hut.

Und so erweist sich einmal mehr, dass Wörter mehr als nur Schall und Rauch sind. Sie machen Wind. Mitunter können sie Stürme auslösen. Der wäre entstanden, wenn Gauland die Energiewende als Dolchstoß in den Rücken der deutschen Kohle– und Kernkraftindustrie dargestellt hätte. Aber genau das hat er nicht. Wenngleich genau dieser Vergleich nicht so ganz weit hergeholt ist.

Sven von Storch

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