Es ist ein bekanntes Phänomen, dass Menschen in Zeiten von Kriegen und Pest brutalisieren. Sie gewöhnen sich an die Gewalt. Und sie gewöhnen sich auch an die Methoden, mit denen Gewalt ausgeübt wird. Die Corona-Pandemie liefert immer wieder Bestätigungen für diese Entwicklung.
In einem Gespräch mit der Welt beschreibt Stefan Dräger, der Chef des weltgrößten Herstellers von Beatmungsgeräten »Dräger«, wie er mit den Ungeimpften umgehen würde. Zur Impfung zwingen will er sie nicht. »Eine Pflicht ist für mich grundsätzlich immer die zweitbeste Lösung.« Es störe ihn, »dass dann wieder der Staat für die Menschen die Entscheidung trifft und ihnen die Verantwortung abnimmt.«
Doch was der Zuhörer als Ablehnung einer Impfpflicht deuten könnte, erweist sich beim Nachfragen durch die Welt-Redaktion als besonders bösartige Variante der Impfpflicht. Denn Dräger ergänzt: »Meiner Meinung nach sollte jeder Bürger ein Impfangebot bekommen. Wenn er das ablehnt, gilt dies automatisch als eine Patientenverfügung darüber, bei einer Erkrankung durch das Virus auf eine Behandlung im Krankenhaus zu Lasten der Allgemeinheit zu verzichten.«
Mit anderen Worten: Wer sich nicht impfen lässt, wird gezwungen, auf sein Recht zu verzichten, im Krankenhaus medizinisch behandelt zu werden. Dräger kümmert sich weder um den Hippokratischer Eid, der Ärzte dazu verpflichtet, einem Kranken zu helfen, noch interessiert ihn, dass die meisten Ungeimpften versichert sind, und daher einen Anspruch haben auf die entsprechende Leistung. Und um seinem schlechten Gewissen Genüge zu tun, redet Dräger sich auf eine angebliche Patientenverfügung heraus. So, als hätte der Ungeimpfte freiwillig auf die Behandlung verzichtet. Was ja nicht stimmt, denn diese Art der Patientenverfügung entstand unter der Drohung mit einer Impfung, für die es nach wie vor nur eine Notfallzulassung gibt. Allein die Rede von einer Patientenverfügung ist blanker Hohn.
Doch statt seine inhumanen Ausführungen noch einmal zu überdenken, redet Dräger unbedacht den Regierenden nach dem Mund, wenn er davon spricht, die Ungeimpften wären Schuld, wenn »Behandlungen anderer Krankheiten oder Operationen aufgeschoben werden müssen«. Das müssen sie auch, wenn das Opfer eines schweren Autounfalls ein Bett auf der Intensivstation für sich beansprucht, die Autofahrt eine Vergnügungsfahrt war oder gar ein unerlaubtes Autorennen durch die Stadt. Wird solchen Menschen demnächst gleichfalls die Behandlung verweigert?
Als die Welt fragt: »Haben Sie die Preise angehoben, und wie viele Beatmungsgeräte haben Sie verkauft?« windet sich Dräger. Zunächst erklärt er: »Der Durchschnittserlös hat sich in den beiden vergangenen Jahren erhöht, aber wir haben in keinem einzigen Fall einen höheren Preis genommen als vor der Pandemie.« Um dann zu ergänzen: »Wir haben keine Rabatte mehr gegeben und stattdessen zum Listenpreis verkauft.«
Die Antwort auf die Gegenfrage nimmt Dräger vorweg: »Absatzzahlen zu den Beatmungsgeräten nennen wir nicht.« Das braucht Stefan Dräger auch nicht, denn der Geschäftsbericht 2020 spricht Bände. Der Umsatz stieg allein im letzten Quartal um 25 Prozent; die Aktie schaffte eine Steigerung von 51 Prozent innerhalb des ersten Jahres der Pandemie. Das von ihm geführte Unternehmen hat in der Corona-Krise also sehr wahrscheinlich mächtig Kasse gemacht.


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