Nach der Lüge jetzt die Wahrheit:

Flugzeugabschuss im Iran_ Die Krux mit der Wahrheit

Nach Tagen des Lügens gesteht Teheran ein, das ukrainische Flugzeug mit 176 Menschen an Bord abgeschossen zu haben. - Ein Kommentar

Nun ist es amtlich: Die Maschine des Flugs PS752 wurde am frühen Morgen des 8. Januar über dem Iran von einer iranischen Luftabwehrrakete des russischen Typs SA 15 Gauntlet abgeschossen. Niemand an Bord hat überlebt. Die Regierung in Teheran bezeichnet den Abschuss als »einen unverzeihlichen Fehler«.

Dass Teheran Fehler gemacht hat, kann man wohl sagen. Dabei ist der Abschuss, so merkwürdig es klingen mag, noch der verzeihlichste Fehler. Denn die iranischen Luftabwehr befand sich nach dem zuvor Stützpunkte der US-Amerikaner im Irak vom Iran aus völkerrechtswidrig mit Raketen beschossen worden waren, mit hoher Wahrscheinlichkeit in höchster Alarmbereitschaft. Die zivile Maschine wurde irrtümlich als einfliegender Marschflugkörper identifiziert.

Solche Fehleinschätzungen sind in solch kritischen Situationen programmiert. Dem Kommandeur vor Ort einen Vorwurf zu machen, ist daher schwierig. Im Wissen, dass es sich um ein Zivilflugzeug handelt, hat er, schon wegen des Schadens für die Iraner, bestimmt nicht gefeuert. In zwei ähnlichen Fällen – 1988 beim Abschuss einer iranischen Passagiermaschine mit 270 Toten und 1983 beim Abschuss von Korean Air Lines Flug 007 – wurde von »barbarischen Akten« gesprochen; das war damals unangemessen und ist auch heute unangemessen. Der Abschuss folgt der Logik militärischer Konfrontationen. Und er war ein Fehler.

Doch der schlimmere Fehler der Teheraner Regierung und ihrer militärischen Verantwortlichen war das Lügen in den folgenden Tagen. Obwohl sehr viel auf einen Abschuss durch die Iraner hindeutete – im Netz kursierte sogar ein Foto mit Resten des Triebwerks der Abwehrrakete – suchten ihre Militärs und Zivilisten sich mit Ausreden und Ausflüchten zu retten.

Andererseits können zynische Realisten anmerken, dass auch das Eingeständnis des Fehlers ein Fehler ist. Außenminister Maas mag es ja für einen Fortschritt halten, dass der Iran jetzt die Wahrheit sage – aber tatsächlich goutiert keine politische Öffentlichkeit ehrliche Worte. Gerade das wissen Herr Maas und seine Chefin im Kanzleramt nur zu genau und handeln vor der deutschen Öffentlichkeit seit Jahren entsprechend, indem sie verschweigen und leugnen. Schutzbehauptung nennt man das vor Gericht. Der Volksmund würde es Notlüge nennen.

Die Hersteller und Lieferanten der SA 15 sind beim Umgang mit Zwischenfällen der Art raffinierter und verfahren nach dem Motto: Abstreiten, so lange es nur irgendwie geht. So wurde von Moskau beim Abschuss von Korean Air Lines Flug 007 im September 1983 die Verantwortung zunächst völlig bestritten, später wechselte man zur Version, bei der Maschine habe es sich um ein Spionageflugzeug gehandelt, zumindest sei es unterwegs gewesen in geheimer Mission. Für den Abschuss von Flug MH17 über der Ostukraine wird die Verantwortung von Moskau bis heute bestritten.

Dabei müssten die Iraner eigentlich wissen, wie es denen ergeht, die es mit der Wahrheit versuchen. Der von Teheran als Großer Satan gebrandmarkte Opponent USA hat nach dem Einmarsch in den Irak mit der gleichen Strategie ebenfalls Schiffbruch erlitten, als er die Waffen zur Massenvernichtung, die es nicht gab, im Irak auch tatsächlich nicht fand. Dabei ist sicher: Russen und Chinesen hätten mit absoluter Sicherheit Waffen gefunden. Bis heute hängt den Amerikanern die Ehrlichkeit an und wird immer wieder gerne zitiert. Die zahllosen Lügen aus Moskau und Peking sind dagegen vergessen. Oder weiß jemand heute noch von den bewussten Falschinformationen aus Moskau an Damaskus, um Syrien 1967 in den Krieg gegen Israel zu ziehen ? – Tonking steht dagegen für die politische Lüge schlechthin.

Schwer zu glauben, dass Teheran – selber oft genug Lügner gewesen – das nicht weiß. Und so darf man vermuten, dass das Eingeständnis viel über den inneren Zustand der Führung des Landes verrät. Das Land findet keine brauchbare Antwort auf die neue Strategie der US-Amerikaner und handelt daher immer öfter unkoordiniert. Ob das ein Grund zur Hoffnung ist, muss sich zeigen.

Sven von Storch

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