Morde in Frankfurt und Kassel

Das namenlose Kind und der Politiker - Zwei Morde, zwei Maßstäbe

Am 2.Juni 2019 wurde Walter Lübcke in Kassel durch einen Kopfschuss ermordet. Am 29.Juli wurde ein Achtjähriger in Frankfurt durch einen Stoß vor einen Zug ermordet. Zwei Morde - aber zwei völlig verschiedene Maßstäbe in der medialen Debatte und bei den Reaktionen der Politiker. - Ein Kommentar

Der Mord an Walter Lübcke und der Mord an einem kleinen Jungen haben in der deutschen Medien- und Politikerlandschaft völlig andere Reaktionen bewirkt. Reaktionen, die den moralischen Abgrund beschreiben, über dem Deutschland schwebt.

Nach dem Mord an dem Politiker und insbesondere seit ein mutmaßlich Rechtsradikaler als Verdächtiger galt, kochten die Seelen der Politiker hoch. In den Medien wurde heiß diskutiert, welche Parteien für die schändlichen Bluttat an Walter Lübcke verantwortlich sind. Es hagelte Talk-Shows mit Betroffenheitsgesten und Hasstiraden gegen den politischen Gegner von der rechten Seite des Parlaments.

Nach dem Mord an einem Achtjährigen und dem versuchten Mord an seiner Mutter ist die Empörung in der Bevölkerung groß. Die böse Tat hat in Deutschland, attestiert die NZZ, »eine grosse kollektive Anteilnahme ausgelöst.« Nur die Staatsmedien halten sich wie immer bedeckt. Am Abend des Mordes schafft es die Nachricht in der Tagesschau auf die hinteren Plätze. Und seit die Täterschaft klar ist, seit bekannt ist, dass der Mörder aus Afrika stammt, verbiegen viele Medien sich den Fall zur Tragödie. Kein Foto mit der zerstückelten Leiche versucht das Volk aufzurühren. Kein Name bringt das Kind zu Bewusstsein, um es wenigstens vor dem Vergessen zu schützen, wenn wir schon sein Leben nicht schützen konnten vor dem Täter, den die Willkommenskultur frei durchs Land reisen ließ.

Wie sähen diese Berichte wohl aus, wäre ein Neger auf die Gleise gestoßen worden von einem Mitglied einer rechten Partei?

Selbst die Ermittler wiegeln, wie die NZZ dokumentiert, ab: »U-Bahn-Schubser gab es immer wieder, darüber ist aber häufig nicht bundesweit berichtet worden«, sagt des Fahrgastverbandes Pro Bahn. So etwas Grausames passiert eben mal; so etwa Grausames ist schon immer passiert.

Aus dem linken politischen Lager hört man eigentlich gar nichts. Kein Grüner echauffiert sich und nuschelt bajuvarisch: »Das Sterben auf deutschen Bahnhöfen muss endlich aufhören.« Keine NGO macht auf moralisch. Und im Lager der beiden christlichen Parteien sucht man nach einer politisch korrekten Wortwahl. Die Empörung kommt gefiltert herüber und wirkt wenig glaubhaft.

Die beiden Morde machen deutlich: Deutschland lebt in gespaltenen Welten. Den Regierenden liegt allein am Schicksal von Flüchtlingen und Migranten und am eigenen politischen Schicksal. Deshalb erhielt der Mord an Walter Lübcke eine solche Symbolkraft. Der Ermordete war einer der ihren. Er vertrat die Flüchtlingspolitik wie kaum ein zweiter, empfahl den Kritikern, das Land zu verlassen. Und wehe dem, der darauf verwiesen hätte, dass es politische Morde schon immer mal gab.

Einem immer größeren Teil der Bevölkerung liegt ebenfalls am eigenen Schicksal. Denn sie sind gefährdet. Sie werden in Freibädern immer offener und immer öfter bedroht. Sie müssen auf Autobahnen das rassistische Machtgehabe türkischer Hochzeitsgesellschaften ertrage. Sie müssen aufpassen, ob auf einem Bahnsteig kein Migrant hinter ihnen bereit steht. Sie fahren nach Polen oder Galizien, um ein christliches, friedliches Europa erleben zu dürfen.

Und so driftet Deutschland nach und nach scharf auseinander.

Dort eine politische Kaste, die sich in ihre Paläste verkriecht. Sie hält dem eigenen Volk und den anderen Völkern wohlfeile Reden über Moral. Ahnt, dass etwas grundlegend falsch läuft. Zittert. Hat Angst, wie Walter Lübcke zu enden. Wartet darauf, dass die Migranten schnell genug zu einer Mehrheit gelangen.

Hier das Volk, das sich ungeschützt weiß. Es findet noch immer nicht zur eigenen Sprache. Weiß, dass etwas grundlegend falsch läuft. Spürt die »Werteerosion«, von der ausgerechnet Seehofer spricht. Hat Angst, wie der acht-jährige Junge zu enden. Als Einzelfall, über den die Geschichte hinweggeht.

Und noch immer hat der kleine, am Frankfurter Hauptbahnhof ermordete Junge, keinen Namen. Aber der Mörder, der hat einen.

Sven von Storch

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