Christliche Nächstenliebe oder Hilfsindustrie?

Benedikt XVI_ Viele in der kirchlichen Sozialarbeit verdunkeln den Glauben

Die Kirche ist in Deutschland durch ihre sozialen Einrichtungen präsent – zum Nachteil des Glaubens, der in den Hintergrund tritt.

Die Kirche ist in Deutschland kaum mehr durch ihre Kirchen und Gottesdienste, sondern ganz zuerst durch ihre sozialen Einrichtungen präsent: Kindergärten, Schulen, aber vor allem Diakonie und speziell die Caritas. Doch was wie die Verwirklichung christlicher Nächstenliebe und damit eines Grundpfeilers christlichen Glauben erscheint, hat mittlerweile ganz andere Züge erhalten und seinen Bezug zum wirklichen Glauben im Sinne der Katholischen Kirche an vielen Stellen völlig verloren.

Diesen Prozess beschreibt und kritisiert der emeritierte Papst Benedikt XVI in einem Gespräch mit deutlichen Worten. »In den kirchlichen Einrichtungen«, bemerkt Joseph Ratzinger, »Krankenhäusern, Schulen, Caritas – wirken viele Personen an entscheidenden Stellen mit, die den inneren Auftrag der Kirche nicht mittragen«. »Und damit«, hebt der Papst hervor, würden sie »das Zeugnis dieser Einrichtung vielfach verdunkeln«.

Zu diese Entwicklung passe, dass auch die »amtlichen Texte der Kirche in Deutschland«, so Benedikt, »weitgehend von Leuten geformt werden, für die der Glaube nur amtlich ist« – eine scharfe Kritik an der Kirchleitung in Deutschland. Bei solchen Texte »spräche nur das Amt, aber nicht das Herz und der Geist«. Im Ergebnis würde daher der »der Auszug aus der Welt des Glaubens anhalten«. Ausdrücklich ist also der Auszug der Kirche aus der Welt des Glaubens und nicht etwa der Auszug des Glaubens aus der Welt gemeint.

Benedikt betonte, dass »Verkündigung, Liturgie und Caritas prinzipiell denselben Stellenwert« haben. »Sie stehen gleichberechtigt nebeneinander«, heißt es ausdrücklich auch auf der Website der Deutschen Bischofskonferenz: »Sie bedingen sich gegenseitig und dürfen nicht voneinander getrennt werden«. Eine Abspaltung in Form einer Verweltlichung der Caritas widerspricht damit fundamentalen Prinzipien des Katholischen Glaubens.

Umgekehrt wird die Caritas auch gesellschaftlich mehr wegen ihres sozialen Engagements wahrgenommen und kaum noch als Institution christlichen Glaubens. Im gewissen Sinne, kann man sagen, ist die reine Fürsorge für andere Menschen wichtiger geworden als das Verhältnis des Menschen zu Gott. Meist und gerade auch von den Mitarbeitern wird vergessen, dass die Nächstenliebe im christlichen Glauben begründet ist: Weil alle Menschen Geschöpfe Gottes sind, ist die Fürsorge für alle Menschen Verpflichtung.

In der Praxis zeigt sich diese Entwicklung weg vom Glauben in der Lebensweise von immer mehr Mitarbeitern, die sich weiter und weiter von der Katholischen Lehre entfernt. Natürlich muss jemand die Lehre nicht teilen. Allerdings sollte er dann auch nicht zum Beispiel im Rahmen der Caritas arbeiten. Was bereits 2016 weit fortgeschritten war, ist heute fast so etwas wie ein Normalzustand geworden.

In der Evangelischen Kirche ist man auf diesem Weg sogar noch weiter. Grundsätzliche Glaubensfragen spielen praktisch keine Rolle mehr. Die Kirche ist dabei, zur Sozialeinrichtung zu verkommen, der Pastor übernimmt die Rolle des Psychologen oder Paarberaters. In einem sogenannten Zukunftspapier der Evangelischen Kirche sucht man das Wort Auferstehung vergeblich; dafür gibt es ein Kapitel »Digitalisierung«. Was für eine Zukunft soll das aber sein, die eine Auferstehung nicht mehr kennt ? – Christlich ist sie jedenfalls nicht. Jesus wird reduziert auf eine Vorbildfunktion, wenn es heißt: »Christliche Seelsorge orientiert sich an Jesu Art, mit Menschen umzugehen, und vertraut auf Gottes heilvolle Gegenwart in unserem Leben. Sie folgt dem Liebesgebot Jesu und ist Praxis des Evangeliums.«

Jesus als sozialistischer Vorarbeiter, der die sozialen Normen hochschraubt und selber übererfüllt ? – Von den Realitäten ist das nicht weit entfernt. Die Diakonie ist zum Zweig der Hilfsindustrie heruntergekommen; die Kirche ist noch bestenfalls die »Hintergrundorganisation der Diakonie«, resümiert der Theologe Ulrich Körtner.

Diakonie und schließlich Caritas dienen nicht mehr Gott, sondern sorgen für die Rundumversorgung durch den Staat und das angeschlossene dichte Netz von Psychologen, Pädagogen und anderen Mitarbeitern der Hilfsindustrie. Folgerichtig sinken die Einnahmen durch die Kirchensteuer, während die Sozialausgaben kontinuierlich steigen – allerdings fehlt letzteren die Wertschätzung, weil alle Wertschätzung des Glaubens bedarf.

Sven von Storch

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