In der Pandemie ist es eine gute Idee, immer wieder neue Wege zu suchen. Nachdem kürzlich die fünffache Menge Impfstoff gespritzt worden ist, wird nun vom Virologen Hendrik Streeck vorgeschlagen, den Versuchspersonen erst einmal nur die halbe Ration einzuimpfen. Nach Aussage von Streeck haben die Daten gezeigt, »dass nach der ersten Impfung schon ein Großteil der Menschen geschützt ist vor der schweren Erkrankung«.
Auch der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission, Stiko, am Robert Koch-Institut hält den Vorschlag für durchführbar. »Da der Abstand zwischen beiden Impfungen mit großer Wahrscheinlichkeit in weiten Grenzen variabel sein kann und der Schutz auch nach einer Impfung schon sehr gut ist«, sagte er, »ist es durchaus überlegenswert, bei Impfstoffmangel zunächst bevorzugt die erste Impfung zu verabreichen«.
Die Politik dürfte diese Möglichkeit mit Sicherheit erwägen, bringt sie doch eine Reihe von Vorteilen für die Akteure des Corona-Regimes. Nicht nur zeigen sie endlich zumindest ansatzweise Handlungsstärke. Sie können sich überdies brüsten, doppelt so viele Bürger mit einer Dosis versorgt zu haben. – Schon jetzt wird der Impfstoff praktisch überall knapp. Und das, nachdem erst einige wenige Tausend Bürger geimpft worden sind. Last but not least: Die Politik hat eine Erklärung, falls der Impfungsschutz nicht nachhaltig ist.
Dass eine zweite Impfung durchgeführt werden muss, steht dabei außer Frage. Denn ohne diese zweite Impfung beträgt die Sicherheit, die der Impfstoff vor einem schweren Verlauf bietet, nach Aussage von Streeck, »mehr als 50 Prozent« – doch wie viel mehr ist hier entscheidend.
Sind es 60 Prozent, dann ergibt sich folgende Rechnung: Statt 100 Personen werden 200 Personen geimpft, was erstmal gut klingt. Aber von denen sind 80 eben nicht sicher geschützt. Mit anderen Worten: Der Gewinn liegt bei 10 Prozent.
Die Behauptung von Streeck, dass »wenn man jetzt die zweite Booster-Impfung, wie wir das nennen, die Auffrisch-Impfung, später gibt, könnte man durch die ersten Chargen der Impfdosen eigentlich die Impfkapazitäten verdoppeln«, dann stimmte das nur genau dann, falls die erste Impfung sicheren Schutz bieten würde – was sie ja eben nicht tut.
Liegt die Sicherheit des Impfstoffes nach lediglich einer Impfung bei 50 Prozent, ergibt sich überhaupt kein Gewinn. Schlimmer: Liegt sie darunter, wird das Resultat sogar schlechter.
Streeck mag seinen Vorschlag nicht richtig durchgerechnet haben – Recht hat er mit seinem Vorschlag, endlich eine Langzeitstrategie zu entwickeln. »Wir haben wieder gesehen«, betont der Virologe, »dass der Großteil der Todesfälle wieder in den Alten- und Pflegeheimen passiert«. Regelmäßige Tests des Personals und für die Besucher ein Schleusensystem – damit »könnte man zumindest die größeren Einträge in diese Heime vermeiden und auch eine Verbreitung unter den Bewohnern«.


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