Am 7.Dezember 1941 begann der Pazifische Krieg

This is Not Drill! – 80 Jahre Pearl Harbor

Heute vor 80 Jahren erfasste der Zweite Weltkrieg mit dem Angriff der Japaner auf die US-Flotte in Pearl Harbor den ganzen Globus.

Vor 80 Jahren, am 7.Dezember 1941, attackierten japanische Torpedo- und Sturzbomber die amerikanische Pazifikflotte in ihrem Hauptstützpunkt auf der Insel Oahu, Hawaii. Es war Sonntagmorgen – Ruhezeit für die Matrosen der eng an ihren Liegeplätzen vertäuten Zerstörer, Kreuzer und Schlachtschiffe. Keine Zeit, zu der Kriege beginnen. Es sei denn...

Es sei denn, jemand will wirklich Krieg führen. Und das Japan von 1941 war wild entschlossen, Krieg zu führen, es sei denn, es würde seine Beute auch ohne Waffengang einstreichen können. Die Beute hieß nicht nur China, wo das Kaiserreich seit dem 7.Juli 1937 offen einmarschiert war und damit den Zweiten Weltkrieg lange bevor man in Europa begann, die Weltkriege durchzunummerieren, ausgelöst hatte; auf der Liste der kaiserlichen Stäbe stand ganz Südostasien.

Ernsthafter Widerstand war nur noch von den US-Amerikaner zu fürchten, denn die Kolonialmächte waren im europäischen Bürgerkrieg zu tief involviert, als dass sie für die japanische Flotte eine größere Gefahr hätten sein können. Frankreich und die Niederlande waren geschlagen; Portugal zählte nicht mehr; Großbritannien war im Pazifik nur noch ein Schatten einstiger Größe und Russland kämpfte ums bloße Überleben.

Der Gedanke, die Schlachtflotte der Amerikaner in einem Erstschlag vernichten zu wollen, klingt daher sehr viel weniger irrational, als manche das im Nachhinein sahen. Der Admiralstab wusste sehr genau, was er tat. Es war ein riskantes Spiel mit dem Feuer, aber aussichtslos war es nicht. Das wußte der Architekt des Angriffs, Admiral Yamamoto, als er die sechs Flugzeugträger der Kido Butai: ›Akagi‹ und ›Kaga‹ der Ersten, ›Soryu‹ und ›Hiryu‹ der Zweiten Flotte auslaufen ließ; erweitert um die beiden zwar moderneren Träger ›Shōkaku‹ und ›Zuikaku‹ der Dritten Flotte, deren Besatzungen jedoch die jahrelange Erfahrung fehlte, wie sie die Piloten und Mannschaften der Ersten und Zweiten Flotte mitbrachten.

Die geplante Überraschung der Amerikaner glückte praktisch komplett – vier versenkte Schachschiffe, vier weitere Schlachtschiffe schwer beschädigt, dazu einige Kreuzer, die zunächst nicht mehr eingesetzt werden konnten und fast 200 zerstörte Flugzeuge. Und das alles bei Verlusten, die im weiteren Verlauf des Krieges keine Meldung Wert sein sollten. Zuletzt und am bedeutsamsten: 2335 tote Matrosen und Soldaten.

Und doch war das Glück den Japanern nicht hold. Drei amerikanische Flugzeugträger, die ebenfalls in den Tagen vorher in Oahu angelegt hatten, hätten ebenso versenkt werden sollen. Indes, sie lagen am Morgen des Angriffs nicht vor Anker im Hafen, sondern führten südlich von Hawaii Übungen durch als es hieß: »Air raid Pearl Harbor. This is not drill!«

Und so erwies sich die taktische Meisterleistung der japanischen Piloten in den folgenden Monaten als strategischer Fehlschlag, ja als Desaster. Nicht nur hatte man die amerikanischen Träger nicht ausschalten können – schon sehr schnell erwies sich die US-Navy als äußerst gelehriger Schüler. Durch den Angriff auf Pearl Harbor zurückgeworfen auf ihre Flugzeugträger als dem einzigen Kriegsschiffstyp, der ihnen wirklich blieb, schliffen die US-Amerikaner um ›Enterprise‹, ›Lexington‹, ›Saratoga‹ und ihre Schwesterschiffe schlagkräftige Flottenverbände, deren technische Nachkommen heute die Ozeane beherrschen.

Und natürlich war da die Moral. Die 2335 toten Matrosen und Soldaten wurden niemals vergessen. Der Krieg gegen Japan hatte vom ersten Tag an etwas von einem Rachefeldzug gegen das Kaiserreich für das Verbrechen Pearl Harbor. Dass japanische Soldaten bereits seit vier Jahren in China einen der brutalsten Feldzüge der Weltgeschichte führten, blieb dagegen bis heute weitestgehend vergessen.

In einer propagandistischen Volte, die ihres gleichen sucht, hatte es Tokio in der Nachkriegszeit geschickt verstanden, gegen den verbrecherischen Anfang des Zweiten Weltkriegs im chinesischen Nanking den Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki zu setzen – und die Öffentlichkeit der meisten Länder fiel darauf herein. Pearl Harbor wurde vor diesem Hintergrund zu einem Symbol der Paradoxien des Krieges. Nicht zufällig fühlten sich Verschwörungstheoretiker zu allerlei Phantasienprodukten ermuntert.

Pearl Harbor hätte in der Antike zur Erkenntnis getaugt, dass ein moralisch verwerflicher Angriff auf einen unvorbereiteten Gegner, nicht gut enden kann. Die Götter werden sich früher oder später an den Tätern für ihre Taten blutig rächen. Allerdings hätte die Antike den erfolgreichen Angriff auch als Rache der Götter verstanden für die Trägheit der Seelen auf der überfallenen Seite. Wer meint, sonntags schlafen zu können, wenn die Welt in Kämpfen und Kriegen versinkt, verdient es nicht, als Großmacht zu zählen. Und diese Erkenntnis ist heute so wahr wie vor 80 Jahren, als die Sirenen im Hafen von Pearl Harbor aufheulten und der Zweite Weltkrieg auch für die Amerikaner aus Iowa, Arizona und New Jersey begann.

Sven von Storch

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