An der englischsprachigen Istanbuler Bosporus-Universität reißen die Proteste nicht ab. Professoren und Studenten der englischsprachigen Hochschule wehren sich gegen einen neuen Rektor, der ihnen von der Regierung Erdogan vorgesetzt wurde. Er gilt als inkompetent.
Erdogan bezeichnete die Protestierenden zunächst als »Terroristen«. Doch nun ist er auf einen anderen Propagandatrick umgeschwenkt, der in der islamischen Türkei womöglich noch besser wirkt: Die Regierung diffamiert die Protestierenden als anti-islamische Anhänger der LGBT-Bewegung.
Der Anlass bot ein Bild, das bei einer Ausstellung auf dem Campus zu sehen war. Es zeigte die Große Moschee von Mekka, doch ohne Kaaba. An dessen Stelle befindet die mystische Figur Shahmaran, ein Mischwesen aus Frau und Schlange. Drumherum prangen die Regenbogenfahnen der LGBT-Bewegung.
Das brachte die islamistische Studentenbewegung ins Spiel. Sie protestierte nun ihrerseits und erklärte die Vermischung von religiösen Motiven mit dem Symbol der Schwulen- und Lesbenbewegung zur Verhöhnung islamischer Werte.
Nun schaltete sich auch die Religionsbehörde Diyanet ein. Ihr Vorsitzender Ali Erbas verurteilte ebenfalls den »respektlosen Angriff auf die Kaaba und die Werte des Islam«. Kurz darauf leitete die Istanbuler Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen »Beleidigung der religiösen Werte« ein. Vier Organisatoren der Ausstellung wurden verhaftet. Sie wurden öffentlich als von Innenminister Süleyman Soylu als »Perversen« bezeichnet. Erdogans Kommunikationsdirektor Fahrettin Altun legte nach und kritisierte eine »pervertierte Denkweise und einen Lebensstil, der unsere Generationen verderben will«.
Solche Kampagnen sind in der Türkei Gang und Gäbe. Sie erinnern an Methoden in einigen westeuropäischen Ländern, nur dass dort Regierung, halbstaatliche Initiativen und Medien die Kritiker der LGBT-Bewegung als Rechtsradikale diffamieren.
Und wie in Westeuropa schalten sich in besonders ernsten Fällen auch die obersten Vertreter des Staates ein, in diesem Fall Präsident Erdogan persönlich. Er lobte die Jugend seiner islamistischen AK-Partei, dass sie »keine LGBT-Jugend« sei. Kurz darauf wurden 159 Demonstranten festgenommen, teilte der Gouverneur von Istanbul mit. Der Einsatz von Wasserwerfern wurde nicht bestätigt.
Die Diffamierung der LGBT-Bewegung ist in der Türkei zur Regierungspolitik. Die Gay Pride Parade ist in Istanbul seit 2016 verboten. Übergriffe auf Schwule gehören auch im historischen Konstantinopel zum Alltag. Weitaus schlimmer ist es in Anatolien, dem eigentlich Stammland von Erdogans islamistischer AKP. Hier ist Erdogan mit seiner Diffamierung erfolgreich.
Hinter dem Konflikt steckt also mehr als nur ein anderes Verständnis von Liberalität – es ist auch ein Gegensatz zwischen Stadt und Land, zwischen selbsternannter Elite und einfacher Bevölkerung in Kleinasien. Dem neuen Rektor der Bosporus-Universität wird nicht zufällig vorgeworfen, seine Master- und Doktorarbeiten seien voller Plagiate und er spreche kaum Englisch.
Für Erdogan ist die Bosporus-Universität Ärgernis und Aushängeschild. Einerseits ist sie eine der letzten unabhängigen und widerspenstigen Institutionen – andererseits braucht er sie als Zeichen für einen modernen Islam. Eines sollte allerdings allen klar sein. Im Ernstfall entscheidet sich Erdogan gegen die Hochschule. Seit seiner endgültigen Machtergreifung im Jahre 2013 sind tausende Wissenschaftler entlassen und ins Exil getrieben worden.


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