Die Freie Welt – Geschichte

15.Februar 1942 – Singapur kapituliert

Heute vor genau 80 Jahren kapitulierten die Briten in Singapur vor den Japanern. Der Anfang vom Ende der Kolonialreiche begann.

Für die an schlechte Nachrichten aus diesem Krieg schon gewöhnten Briten brachte der Februar 1942 einen neuen Tiefpunkt. Nachdem zwischen dem 11. und 13. Februar den beiden deutschen Schlachtschiffen »Scharnhorst« und »Gneisenau« unter den Augen der britischen Marine und Luftwaffe der Durchbruch durch den Kanal gelungen war, stürzte zwei Tage später, am Sonntag, den 15. Februar, die Welt ein, die ihre Welt war. Singapur, das Gibraltar des Ostens, die uneinnehmbare Festung kapitulierte. Und nur, weil es in Europa in dieser Neumondnacht noch dunkler war, blieb der Schock aus, der angebracht war.

Schon am Tag nach Pearl Harbor, am 8.Dezember 1941, waren japanische Truppen in Malaysia gelandet, der Halbinsel, an deren südlichem Ende Singapur liegt. Angekündigt hatte sich der Krieg Großbritanniens gegen Japan in den Jahren zuvor und London hatte viel Geld investiert, um den Hafen der Stadt für die Kriegsmarine zu einem veritablen Stützpunkt auszubauen. Man hatte an vieles gedacht: An Docks, die aus groß genug waren, und an Geschütze, die sie vor Angriffen durch Überwasserschiffe beschützten aber nicht landeinwärts gedreht werden konnten. Ein Angriff von Land war eben nicht im Kalkül. Der Dschungel bot nach Einschätzung der Fachleute von der Armee genügend Schutz und war für größere Verbände praktisch undurchdringlich.

Ab Mitte Dezember wurden die Briten eines Bessren belehrt. In wochenlangen Kämpfen drang japanische Infanterie an der West- und der Ostküste Malaysias vor. Die Briten befanden sich fast nur auf dem Rückzug. Und hielten sie doch mal eine Position, wurden sie von den Japaner durch den Dschungel umgangen. Deren Vormarsch war möglich, weil sie sich auf zwei Fahrzeugtypen verließen, die gleichfalls kein Brite eingeplant hatte: Das Fahrrad und den Panzer. Der Regenwald galt als unpassierbar für Panzer. Und eine Armee, deren Infanteristen auf Fahrrädern vorrücken würde, kam ihnen schon gar nicht in den Sinn.

Und so näherten sich die Japaner im Laufe des Januars unaufhaltsam von Norden der vermeintlich uneinnehmbaren Festung, die – und das musste jedermann klar sein – zu diesem Zeitpunkt die Bedeutung, die ihr zugedacht war, schon längst nicht mehr hatte. Denn eine britische Ostasienflotte existierte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Der Schlachtkreuzer »Repulse« und ein modernes Schlachtschiff, die »Prince of Wales«, als »Force Z« eigens zur Verstärkung von Europa aus nach Singapur ausgelaufen, wurden bereits am 10. Dezember vor der Ostküste Malaysias von japanischen landgestützten Torpedobombern versenkt. Das zweite mal innerhalb eines halben Jahrhunderts machten japanische Militärs den Schiffen einer europäischen Großmacht den Garaus: 1905 war es das Zweite Russische Pazifikgeschwader.

Doch statt den obsoleten Stützpunkt kampflos zu räumen und nach den Verlusten der nunmehr verbündeten US-Navy in Pearl Harbor einen strategischen Rückzug anzutreten, schicken die Briten weitere, vor allem australische Truppen in die Stadt – was schon während der Kämpfe zu unschönen Szenen zwischen den Verbündeten führte. Am Schicksal der Festung änderten die zusätzlichen Soldaten nicht mehr viel. Die Japaner erreichten am 31. Januar den Kanal, der Singapur im Norden von Malaysia trennt. Eine Verteidigung an dieser taktisch günstigen Linie gelang allerdings nicht. Schnell waren Nippons Söhne überall in der Stadt. Am 15. Februar, die Wasserversorgung war schwierig geworden, war alles vorbei. Die Briten unter General Percival kapitulierten vor den Japaner unter General Yamashita – die, aber das konnten die Briten nicht wissen, mit ihren Reserven am Ende waren.

Mit dieser Kapitulation europäischer Truppen vor Ost-Asiaten war etwas geschehen, was Jahre zuvor kaum denkbar war: Die Kolonialmächte hatten sich nicht gegenseitig geschlagen, sondern wurden von den Kolonisierten besiegt. Zwar wurde General Percival die zweischneidige Genugtuung zuteil, in der Bucht von Yokohama die Kapitulation Japans auf einem amerikanischen Schlachtschiff erleben zu dürfen und, weniger zweischneidig, General Yamashita und er sahen sich wieder, als letzterer in Manila kapitulierte – doch die Tage der Briten als Herrscher in Ost-Asien waren unwiederbringlich beendet.

Zurück blieb in Malaysia eine Bevölkerung, die den ehemaligen britischen Kolonialisten ohne Hass begegnete und begegnet. »Their day was regarded as closed«, schreibt ein amerikanischer Historiker. Und Singapur, das schon auf Karten aus dem zweiten christlichen Jahrhundert vermerkt war, ist eine der reichsten Städte der Welt. Dort wird die Kolonialzeit heute als die insgesamt kurze Unterbrechung einer lange Geschichte betrachtet. Diese Unterbrechung war vor 80 Jahren zu Ende.

Sven von Storch

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