Der Schreibunterricht an deutschen Grundschulen ist eine Katastrophe. Verglichen mit den 70er Jahren sind die Leistungen heutiger Schüler beschämend. Freiewelt.net spricht mit dem Schul-Experten Günter Jansen über Hintergründe und Folgen der reformpädagogischen „Revolution“. Jansen war Fachleiter am Gesamtseminar Düsseldorf und jahrzehntelang in der Lehrerfortbildung tätig.
Freiewelt.net: Seit 2005 streiten Sie bereits gegen die in deutschen Grundschulen weitverbreitete Lehrmethode „Lesen durch Schreiben“. Was hat Sie bewegt, sich für – aus Ihrer Sicht - vernünftigen Unterricht stark zu machen?
Jansen: Was den Unterricht anbetrifft, war es der Einzug sog. offener Lernmethoden in den Unterricht, seinerzeit noch fast ausschließlich in die Grundschulen: Selbstbestimmtes, selbstgesteuertes, selbstregulatives Lernen „von Anfang an“ sollte den traditionellen Unterricht ersetzen, und schon für Grundschüler wurde vorgesehen, beim Lernen über das Was?, Wann?, Wie?, Wie viel? und Wie lange? selber bestimmen zu dürfen. Höchstes Ziel war es, mit den neuen Konzepten den Frontalunterricht zu überwinden. Zu der Zeit gehörte aber schon lange nicht mehr einzig der Frontalunterricht zu den etablierten Unterrichtsformen: Partnerarbeit, Gruppenarbeit, Unterrichtsgänge, handtätiges Tun sowie Projektunterricht z. B. fanden schon spätestens seit den 60er Jahren über die Lehre an den Hochschulen weite Verbreitung in den Schulen. Hattie fand übrigens in seiner weltweit viel beachteten jüngsten Studie heraus, dass offener Unterricht völlig unwirksam ist, 'direct instruction' (nicht gleichzusetzen mit 'Frontalunterricht') hingegen tatsächlich höchst effektiv ist. Es geht bei der Studie also um ungelenkte und vermeintlich erleichternde Methoden versus gelenkte und fordernde.
Die oben genannten Akzente 'modernen' Grundschulunterrichts bestimmen auch die Konzeption der unterschiedlichsten Lehransätze von 'Lesen durch Schreiben'. Völlig vernachlässigt wird die Tatsache, dass die Beherrschung einer Schriftsprache keineswegs ein Naturgut ist, Kinder sich die Schriftsprache also nicht irgendwie selber aneignen können, sondern dass diese Kulturtechnik als ein Wissen von Lehrern vermittelt werden muss. Die Kritik der forschenden Wissenschaft (der Fachdidaktik, der Germanistischen Linguistik, der Hirnforschung) an der Methode 'Lesen durch Schreiben' ist inzwischen eindeutig und unüberhörbar. Deren eindeutige Argumentation würde tatsächlich durchaus ein sofortiges Verbot dieses Lehransatzes rechtfertigen.
Freiewelt.net: Wie ist dieses reformpädagogische Konzept eigentlich entstanden und wie konnte es sich in den Grundschulen derart verbreiten?
Jansen: Weil die Frage die um sich greifende Reformpädagogik anspricht, möchte ich gerne darauf eingehen. Wenig bekannt ist, dass eine große Anzahl der bekanntesten Reformpädagogen keineswegs eine solide pädagogische Ausbildung vorweisen konnte. Zu ihnen übrigens gehörte auch der ehemalige Leiter der reformpädagogischen Odenwaldschule Ummo Gerold Becker, der nicht einmal seine Ausbildung zum evangelischen Pfarrer zu Ende geführt hatte. Der Erfinder der auch unter dem Namen 'Spracherfahrungsansatz' bekannten neuen Lehre 'Lesen durch Schreiben', gleichzeitig mit Hilfe von 'Netzwerken' auch Motor für die Verbreitung des Konzepts 'Lesen durch Schreiben', ist ein in Deutschland seit Jahrzehnten gefeierter Reformpädagoge, Kultpädagoge sogar, 1980 wurde er Professor für Anfangsunterricht mit dem Schwerpunkt Erstlesen/Erstschreiben. Dieser Reformpädagoge und Professor mit dem Schwerpunkt Erstlesen/Erstschreiben, ein studierter Jurist und Soziologe, hatte weder ein Studium für das Lehramt an Grundschulen noch für ein anderes Lehramt absolviert, er hätte also nicht einmal an einer Grundschule unterrichten dürfen. Auf eine solide Unterrichtspraxis konnte er nicht verweisen, nachweisen konnte er auch kein Fachstudium in einer der an der Erforschung des Schriftspracherwerbs beteiligten Einzelwissenschaften wie der
Fachdidaktik Deutsch, der Sprachwissenschaft oder der Psychologie. Dass er bei Antritt seiner Professur in Bremen von Lese- und Schreibdidaktik „kaum Ahnung“ hatte, bekannte er später selber und ist bis heute in einem Aufsatz des Grundschulverbandes nachzulesen. Inzwischen werden solche Verhältnisse von Eltern als bedrohlich für ihre Kinder und für unser Land wahrgenommen.
Dass von einer deutschen Universität aus, die damals verschrieen war als "rote Kaderschmiede", deren Kritiker sich über das Schwergewicht dort an „Laberfächern wie Pädagogik und Politik“ beklagten, deutschlandweit eine Pädagogik verbreitet wurde, die anstatt auf empirischen Untersuchungen zum größten Teil auf absurden Annahmen und seichten Theorien aus aller Welt basierte, ist erschreckend. So war es denn in den 80er Jahren nicht verwunderlich, dass die Stadt Bremen nichts mehr mit ihrer Uni zu tun haben wollte und sich weigerte, deren Lehramtsabsolventen zu übernehmen.
Freiewelt.net: Beim Konzept „Lesen durch Schreiben“. “sollen Kinder nicht mehr lernen, wie man ein Wort richtig schreibt, sondern sich in der ersten und zweiten Klasse eine eigene „Recht“-Schreibung erfinden. Im Vergleich zum klassischen Unterricht sind die Ergebnisse katastrophal. Bis jetzt zeigen die Eltern dagegen recht wenig Widerstand?
Jansen: Lernen sollen die Kinder schon, wie man richtig schreibt. Nur, mit dem Konzept „Lesen durch Schreiben“ lernen es viele Kinder eben nicht, denn im Deutschen lässt sich die richtige Schreibung, Kulturtechnik eben, nicht nach reformpädagogischer Rezeptgebung einfach so „entdecken“. Nach der letzten Untersuchung zur nationalen Ergänzungsstudie IGLU-E 2006 mit Fokus auf den Orthographieunterricht stand fest, dass nach Klasse 4 einem Viertel aller Schülerinnen und Schüler der Weg zur Schriftlichkeit verwehrt bleibt. Andere Untersuchungen belegen darüber hinaus, dass Kinder, die bei solchen Studien im Mittelfeld gelandet waren, mit solidem Unterricht zu besseren Leistungen hätten geführt werden können. Wie hinreichend belegt ist, finden wir mangelnde Rechtschreib- und Lesekompetenz zumeist bei Schülerinnen/Schülern aus sozialschwachen und bildungsfernen Elternhäusern sowie bei Kindern aus Familien mit Migrationshintergrund. Widerstand aus den zuerst genannten Elternhäusern ist kaum zu erwarten, auch wegen gewisser Ängste vor dem Umgang mit der Institution Schule. Eltern mit Migrationshintergrund vertrauen ohne Argwohn oft genug auf den guten Ruf der deutschen Schule.
Ausgeklammert bleibt regelmäßig bei solchen Untersuchungen der Aspekt, dass eine Vielzahl von Kindern nur dadurch die vorgesehenen Kompetenzen erreicht, weil deren Eltern, die über die finanziellen, zeitlichen und entsprechenden kompetenzbasierten Ressourcen verfügen, ihre Kinder in den professionellen Nachhilfeunterricht schicken oder als Privatlehrer am Nachmittag den Unterricht im Lesen, Schreiben und Rechnen selbst in die Hand nehmen. Für die vielen interessierten Eltern mit Migrationshintergrund muss oft aus sprachlichen Gründen die private Nachhilfe zu Hause entfallen, aus bildungsfernen Elternhäusern sind aus naheliegenden Gründen Bemühungen um die Förderung ihrer Kinder eher unüblich. Über die Jahre hinweg berichteten mir etliche Eltern davon, dass sie, um ihren Kindern einen effektiven Nachhilfeunterricht ermöglichen zu können, Nebenbeschäftigungen angenommen haben oder auch Verzicht geleistet hätten, in zwei Fällen z. B. auf eine Urlaubsreise. In zahlreichen Schreiben an mich ist allerdings ziemlich deutlich geworden, dass viele Eltern sich nicht regen, weil sie Angst davor haben, sich mit den Lehrern ihrer Kinder „anzulegen“.
Freiewelt.net: Man gewinnt den Eindruck, die Schulen würden als Versuchsfelder missbraucht?
Jansen: Hier verweise ich auf Wissenschaftler, die solche Fragen bereits schlüssig beantwortet haben. Zunächst sei da der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. J. Oelkers zu nennen. Über Neuerungen in der Schule spöttelte er schon vor Jahren, „dass ihre Erprobung paradoxerweise mit dem Ernstfall beginnt.“ Prof. J. Brenner von der Universität Köln weiß, dass es sich bei dem, was so rund um die Schule 'geforscht' und 'untersucht' wird, oft um nicht viel mehr als "weisungsabhängige Auftragsforschung" handelt, für die die Ziele und die Regeln bereits vorformuliert sind. Da kann man nicht einmal mehr von der Schule als Versuchsfeld sprechen. Solche Untersuchungen und Studien gelingen immer, und deren Ergebnisse sind deshalb bestens geeignet, damit Schulpolitik zu machen. Selbstlernkonzepte wie 'Lesen durch Schreiben' waren seinerzeit auch in Berlin sehr willkommen, z. B. zur Einführung der flexiblen Eingangsstufe: Nach diesem Konzept werden die beiden ersten Schuljahre zusammen unterrichtet. Vorgesehen war bei dieser neuen Unterrichtsorganisation auch, dass sich die Kinder in Einzel- oder Partnerarbeit den Weg ins Lesen und Schreiben weitgehend selber erarbeiten sollten. Der erfolgversprechende pädagogische Befund kam von den Pädagogik-Professoren Renate Hinz und Dagmar Sommerfeld: "Kinder haben eine ausgeprägte Fähigkeit, anderen Menschen etwas beizubringen und in die Rolle einer Lehrperson zu schlüpfen." Diese pädagogische Schützenhilfe genügte der Schulpolitik, nicht nur in Berlin, sich mit dem Gedanken zu befassen, für den Doppeljahrgang den zweiten Lehrer einzusparen. In Berlin scheiterte inzwischen die Schulpolitik mit diesem kühnen Vorhaben.
Es gibt allerdings auch reformpädagogisch orientierte Professoren, die geneigt sind, es der Schulpolitik noch ein Stück einfacher machen: der Professorin Hanke genügt es, wenn der "pädagogisch-didaktische Ansatz“ eines Konzepts „sich als ein Konstrukt aus theoriegeleiteter Perspektive als plausibel und für die Realisierung des Bildungsauftrags der Grundschule als brauchbar erweist."
Freiewelt.net: Ist es Ideologie oder ist es Trägheit? Warum halten so viele Schulen und Lehrer trotz ausbleibender Erfolge an diesem Konzept fest?
Jansen: Es ist wohl eher nicht daran zu denken, dass Ideologien an Grundschulen eine große Rolle spielen. Es ist eher zu vermuten, dass Lehrer über Jahre hinweg mit 'Lesen durch Schreiben' gearbeitet und daher gewisse Routinen entwickelt haben. Wenn Schulen Eltern gegenüber die unübertroffene Wirksamkeit offener Konzepte Jahr für Jahr aufs Neue gerühmt und – was nicht ungewöhnlich ist – den offenen Unterricht mit abenteuerlichen Versprechungen verteidigt haben, wird es ihnen wegen des damit verbundenen Image-Schadens nicht so leicht fallen, von den falschen Methoden abzulassen. Nicht zu vergessen sind wohl auch diejenigen Lehrer, die jegliche Anbindung an die pädagogischen Wissenschaften verloren haben und daher nur noch mit eingeschränkter Urteilsfähigkeit über Unterrichtsmethoden und Lehrwerke urteilen können. Sicherlich ist es auch so, dass an manch einer Schule über Jahre hinweg viele teure Materialien eingekauft wurden, deren Anschaffung es zu verteidigen gilt.
Freiewelt.net: Welche Schritte sollte ein Staat unternehmen, um für jedes Kind die bestmögliche Schulbildung zu gewährleisten.
Jansen: Die Schulpolitik müsste sich endlich von ihren Vorstellungen befreien, strukturelle Veränderungen in der Schullandschaft brächten Chancengerechtigkeit für alle Kinder. Schon lange bevor Hattie seine Befunde dazu veröffentlichte, war der leider allzu früh verstorbene Direktor des Max-Planck-Instituts für psychologische Forschung (München), Prof. Dr. Dr. Franz E. Weinert, zu der Erkenntnis gekommen, dass nicht die Schulorganisation bzw. die schulorganisatorischen Bedingungen ausschlaggebende Bedeutung für die Entwicklung von Kindern haben. Weinert hielt schon vor Jahren andere Faktoren für die tatsächlich entscheidenden: die Qualität des Unterrichts sowie anspruchsvolle Lernziele und kognitiv herausfordernde Lernaufgaben. Zur Verbesserung der Qualität des Unterrichts benötigen wir qualifizierte Universitätslehrer mit Praxiserfahrung und ständigem Praxisbezug, Professoren also, die in der Lage sind, Schullehrer auf die späteren tatsächlichen Anforderungen hin auszubilden. Der Hirnforscher Prof. Spitzer hält es für absurd, daran zu denken, dass ein Professor der Medizin nach dem Studium für ein paar Monate an eine Klinik geht, „um sich dann der Didaktik der Medizin und der Ausbildung der Ärzte (und sonst nichts)“ zuzuwenden. Während die Professoren der Medizin mit einem großen Anteil ihrer Arbeitszeit noch Patienten versorgen, haben Professoren für Pädagogik im Normalfall nie mehr etwas mit eigener Unterrichtspraxis und mit Schülern zu tun. Spitzer: „Die Lehren der Professoren sind nicht in der Praxis geerdet.“ Die Folge ist: Nirgends erfahren Lehramtsstudenten, wie ihr theoretisches Wissen von demjenigen, der es lehrt, konkret angewendet wird.
Von den zu großen Schulklassen wird in diesem Zusammenhang auch immer wieder gesprochen. Mehr als 25 Kinder sollten auf keinen Fall in einer Klasse sein. Zu bedenken ist aber wohl, dass auch in Kleinstklassen mit 10 Kindern ein Unterricht mit falschen Methoden verheerende Wirkungen entfalten kann.
Freiewelt.net: Herr Jansen, wir danken Ihnen herzlich für das Interview.


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