Islam in Deutschland

Lehren aus dem Massaker von Paris_

Der Anschlag in Frankreich sollte auch die Deutschen beunruhigen. Wann kommt es hier zum Terror? Nottut eine Diskussion über den Islam und wie man seine gefährliche Seite unschädlich macht.

Freie Welt

Welche Konsequenzen müssten in Deutschland aus den Anschlägen von Paris gezogen werden? Für viele Politiker, Journalisten und Aktivisten ist der Fall klar: Die größte Gefahr geht jetzt von jenen aus, die als »islamophob« identifiziert worden sind, also von Anhängern von PEGIDA und ähnlichen Veranstaltungen in anderen Teilen Deutschlands. Diese Sorge bringen Dutzende Journalisten in ihren Kommentaren und Berichten zum Ausdruck und bringt Zehntausende auf die Straßen. Es ist nicht der Islam, der gefährlich ist, meinen sie, nicht islamistisch eingestellte Terroristen, sondern im Gegenteil: Die eigentliche Gefahr sind die Islamkritiker.

Im Bundeskriminalamt sieht man das ein bisschen anders. Nach einem Bericht der Welt hat man in der Behörde ein Lagebild erstellt, demzufolge Nachahmertaten auch in Deutschland befürchtet werden. Die PEGIDA-Kundgebung von gestern Abend soll als mögliches Anschlagsziel von islamistischen Terroristen genannt worden sein. Das ist zum Glück nicht eingetreten, aber Grund zur Wachsamkeit besteht weiterhin. Denn das BKA weist auf eine besorgniserregende Häufung von Kommentaren und Aufrufen hin, die im Internet und über Soziale Netzwerke wie Twitter oder Facebook verbreitet werden. Die Kouachi-Brüder und Amedy Coulibaly – also die Mörder von Paris – werden für ihre Verbrechen gelobt; es kursiert ein arabisches Hashtag »Wir haben den Propheten gerächt«. In dem BKA-Bericht heißt es warnend: »Der Anschlag kann allerdings auch als Initial für in Deutschland lebende/aufhältige und tatgeneigte Personen wirken.«

Es gibt zwei breite Straßen, die zum islamischen Terrorismus in Deutschland führen: die eine führt über den Umweg Syrien, die andere über die Gefängnisse. Im Europa der Reisefreiheit ist es für gewaltgeneigte junge Männer ein Leichtes, über die Türkei nach Syrien zu reisen. Der Personalausweis genügt, einen Reisepass braucht es nicht. In Syrien machen diese Männer traumatische Gewalterfahrungen, dort wird ihre Hemmschwelle zu töten gesenkt. Sofern sie ihren Kriegseinsatz überleben, kehren sie in ihre Heimat zurück – also nach Bochum, Dinslaken oder Berlin. Auch ein Gefängnisaufenthalt kann radikalisierend wirken, wie man aus französischen Haftanstalten weiß. Immer wieder kehren religionsferne Kleinkriminelle, die im Gefängnis unter den Einfluss eines unkontrollierbaren selbsternannten Predigers geraten sind, als religiöse Extremisten in das Zivilleben zurück.

Was Deutschland nun droht, ist möglicherweise weniger dramatisch als der Überfall auf Charlie Hebdo, aber kaum minder beunruhigend. Frühere Ereignisse haben gezeigt, dass es deutsche Islamisten gibt, die bereit sind zu töten. 2012 sollte eine Kofferbombe am Bonner Hauptbahnhof ein Blutbad anrichten, doch der Zünder versagte. Weniger spektakulär war der Angriff eines Salafisten auf einen Polizisten, der die Demonstration von Islamkritikern schützte; er wollte ihn mit einem Messer ermorden. Und kaum bemerkt von der Öffentlichkeit sind die zahlreichen antisemitischen Beschimpfungen und tätlichen Angriffe auf Juden, die ihre Kippa nicht verbergen wollen.

Diese und zahlreiche weitere ungenannte, unregistrierte Taten zeigen, dass auch in Deutschland eine Atmosphäre herrscht, in der islamistisches Gedankengut gedeiht und in der Vereinzelte zu konkreten Taten animieren werden können. Über die Kommunikation in den muslimischen Milieus sind die meisten ohnehin nicht informiert, aber es gibt verschiedene Indizien, die darauf hindeuten, dass in Moscheen oder auch Familien, also im ganz normalen Leben, Gewalttaten gegen so genannte Ungläubige keinesfalls tabuisiert sind. Der nicht-muslimische Teil der deutschen Gesellschaft ist zumindest in Teilen auch nicht besser: Vor allem in gewissen Medien blühen antisemitische Ressentiments, die sich in einer obsessiven Beschäftigung mit Israel niederschlagen oder im Ignorieren von »Juden ins Gas«-Rufen bei Demonstrationen. Insbesondere die Linke tut sich hier hervor.

Möglicherweise lässt sich diese Toleranz auf das geistige Vakuum zurückführen, das das Verschwinden des Christentums hinterlässt. Wo sich die Menschen ihrer Tradition und ihrer Herkunft nicht mehr bewusst sind, da entsteht Raum für etwas Neues, und warum sollte das nicht der Islam sein, zumal der ja stets mit einer gewissen Vehemenz seine Bedürfnisse einfordert? Ob die Umbenennung von Weihnachtsmärkten, die Entfernung christlicher Symbole aus dem öffentlichen Raum oder der regelmäßig vorgebrachte Wunsch nach islamischen Feiertagen, nicht zu reden von der permanenten subtilen Verunglimpfung ganz allgemein von Christen, speziell dem Papst und der zu einer Serviceeinheit verstandenen Kirche in den Medien – mit diesem Trommelfeuer antikirchlicher und antichristlicher Propaganda werden auch die kulturellen Wurzeln des – pathetisch ausgedrückt – Abendlandes gekappt.

Was angesichts der Bedrohung durch islamistischen Terrorismus nottut, erfordert allerdings einigen Mut. Zunächst einmal müsste man sich über die Unterschiede zwischen Christentum und christlichem Gottes-, Menschen- und Weltbild auf der einen und Islam und den entsprechenden Ableitungen auf der anderen Seite bewusst werden. Sodann müsste man einsehen, dass der Islam von seiner Geschichte und seiner Struktur her das Potenzial sowohl für eine friedliche als auch eine kriegerische, gewalttätige Praxis bietet. Und dann müsste man darüber ins Gespräch kommen, wie man die eine fördert und die andere unterbindet. Wenn man sich allerdings die gegenwärtige Berichterstattung über PEGIDA, das Massaker von Paris und andere einschlägige Ereignisse ansieht, ist es bis dahin noch ein langer Weg. Möglicherweise wird in Deutschland ein Anschlag von der Dimension des Überfalls auf Charlie Hebdo ein Katalysator für eine solche überfällige Diskussion sein.

Sven von Storch

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