Jörg Behlen (FDP)

Ich bin unerschütterlich konservativ

Der Hesse Jörg Behlen kandidiert auf dem FDP-Bundesparteitag um den Parteivorsitz. FreieWelt.net sprach mit ihm über seine Kritik an CDU und Grünen und seine Vision liberaler Politik.

Freie Welt

FreieWelt.net: Sie haben Aufsehen erregt, weil Sie die Grünen mehrfach mit Faschismus in einen Zusammenhang gebracht haben. Was versetzt Sie so in Rage?

Jörg Behlen: Es war zunächst nur der zarte Hinweis, dass die nationalen Sozialisten 1937 bereits mit Werbeplakaten für eine kollektive Ernährung warben: »80 Millionen eint das Eintopfessen.« Und es bezog sich natürlich auf dümmliche Aussagen wie des Grünen Cem Özdemir, Schweine würden wegen der Enge in Ställen die Rüssel abgeschnitten, was hanebüchener Unsinn ist, oder Herrn Trittins, der die wagemutige Behauptung aufstellte, die norddeutschen Regenwälder seien der modernen Rinderhaltung zum Opfer gefallen. Als Landwirt bin ich diese absurden Märchen leid. Das ist nicht besonders bemerkenswert, sondern eine natürliche Abwehrreaktion auf freiheitsfeindliche Populisten.

FreieWelt.net: Als Student waren Sie Mitglied in einem CDU-nahen Verband. Was waren die Gründe für Ihren Beitritt zur FDP, in der Sie heute aktiv sind?

Jörg Behlen: Als Landwirt habe ich einen natürlichen Bezug zu Eigentumsrechten und deren zunehmender Aushöhlung. Der Wiedervereinigungsvertrag mit Hinnahme der sowjetischen Enteignungen, des Kindesentzugs der Stasi und eine vollkommen lächerliche ökonomische Strategie des Wechselkurses habe ich Union und FDP lange nicht verziehen. 2001 hielt ich es nicht mehr auf der Couch aus und war es leid, bei jeder zweiten Talkshow den Fernseher malträtieren zu wollen. Die Union war seit 1991 unwählbar geworden und die FDP die freiheitlichere Alternative. Da ich zwar selbst unerschütterlich konservativ bin, aber nicht den Anspruch habe, andere zu bekehren, war mir die Bigotterie der Union ebenfalls ein Dorn im Auge.

FreieWelt.net: Auch in der FDP scheuen Sie keine Konflikte. Wo liegen Sie mit der Partei – im Land, im Bund – über Kreuz?

Jörg Behlen: »Seit Zweiuhrfünfzehn sagen wir Horst und Guido zueinander«. Da saß ich also am 24. Oktober 2009 auf unserer Couch als Bundestagskandidat, der wie Tausende ehrenamtlich im Wahlkampf für eine Entschlankung des Staates geworben hatte und bekam dies stellvertretend für Lohn und Anerkennung.

Meine Hauptkritikpunkte waren, bevor der EFSF und später der ESM eingeführt wurde, das Staatspreissystem EEG, das einer freiheitlichen und sozialen Marktwirtschaft in allen Merkmalen fundamental widerspricht. Ebenso die Erfindung neuer Abgaben und Steuern wie Brennelementesteuer und Flugverkehrsabgabe.

FreieWelt.net: Nun haben Sie angekündigt, gegen Christian Lindner um den Vorsitz der Bundespartei zu kandidieren. Warum tun Sie das – und mit welchen Erwartungen?

Jörg Behlen: Die Kandidatur gegen den stellvertretenden Bundesvorsitzenden ergibt sich aus der Frage, ob jemand aus der Führungsriege der FDP bereit ist, eine schonungslose Bestandsanalyse zuzulassen. Das kann ich bis heute nicht erkennen. Es ist mindestens eine Entschuldigung aller Verantwortlichen fällig – gegenüber den ehrenamtlichen Parteimitgliedern und vor allem den Wählern. Nur eine sichtbare, ernstgemeinte und darum glaubwürdige Katharsis kann uns vor der Bedeutungslosigkeit retten.

Die Erwartung ist nicht, ihn besiegen zu können, da es sich um einen ungleichen Wettbewerb um mediale Aufmerksamkeit, Echo und Beziehungen in der Partei handelt. Neuerdings kursiert unter Sozialstaatsträumern das neue Wieselwort: »Chancengerechtigkeit«. Meine Kandidatur ist der lebende Gegenbeweis, dass es diese neue »Gerechtigkeit« nicht gibt und man auch dann für seine Überzeugungen, seine Ideen eintreten sollte, wenn der Mitbewerber mit besseren Chancen startet. Wer im Leben hochkommen will, muss mehr leisten, wenn er unter schwierigen Bedingungen startet. Das kann und wird kein Sozialsystem der Welt jemals ändern, und Unwägbarkeiten des Lebens ohnehin nicht.

FreieWelt.net: Was muss die FDP tun, um wieder aus der Krise herauszukommen?

Jörg Behlen: Nur ein konsequent liberaler Kurs in allen Lebensbereichen und ökonomischen Fragestellungen wird uns vom Kopf wieder auf die Füße stellen. Und das unterscheidet uns Liberale in weiten Teilen von Konservativen: Uns ist die private Lebensführung, die private Glaubensausrichtung gleichgültig. Wir haben nichts gegen Moscheebauten, nichts gegen die rechtliche Anerkennung von Homosexuellen. Sie finden nur dort ihre Begrenzung, wo Glauben in Radikalität umschlägt, aber dafür haben wir das Strafgesetzbuch.

Zwangskollektive wie der Kammerzwang sind Relikte aus dem Gilde- und Ständewesen und nicht zu rechtfertigen.

Die EU hat sich aus einer Freiheithandels- und Freizügigkeitszone zu einer nicht legitimierten Super-Bürokratie entwickelt, bei der 50.000 Beamte in einem beständigen Suchprozess neue Regelungstatbestände ersinnen. Mit einer liberalen Verfassung der europäischen Ethnien ist dies nicht mehr in Einklang zu bekommen. Von der liberalen Vision, dass der Staat im Zweifel die Menschen in Ruhe leben lässt, ist diese EU so weit entfernt wie Mars und Venus.

Darin unterscheidet sich mein Unbehagen von Nationalstaatsträumern, denn in welchem Gewande der Staat sich in mein Leben einmischt, ist für mich zweitrangig. Brüssel hat nur den zusätzlichen Nachteil, noch weiter von den Menschen entfernt zu sein.

FreieWelt.net: Danke für das Gespräch.

Sven von Storch

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