Von falschen Tatsachen oder Kausalzusammenhängen ist in dem Text, der inzwischen öffentlich gemacht worden ist (aber nicht von der taz) bei unbefangener Lektüre nichts zu erkennen. Füller analysiert das Verhältnis der Grünen zur Pädophilie und bringt Beispiele, wie mit Opfern umgegangen wurde, die es wagten, von ihren Schicksalen zu erzählen. Eines wurde 1985 »von Mitgliedern der grünen Partei fertiggemacht«. Füllers Schlussfolgerung aus diesem und anderen Vorgängen: »Empathie gibt es bei den Grünen nur für die Opfer der anderen.«
Sehr zu Recht vergleicht Füller die Grünen mit der katholischen Kirche – beides Organisationen, innerhalb denen Pädophile ihr Unwesen trieben. Die Fragen sind dieselben: Inwieweit sind die Taten Einzelner der gesamten Organisation zuzurechnen? Und wie geht die Organisation damit um? Und in Füllers Vergleich mit der katholischen Kirche schneiden die Grünen ziemlich schlecht ab, »denn anders als Erzbischof Zollitsch weigert sich der grüne Bischof Trittin standhaft, eine Anlaufstelle für Opfer grüner Täter einzurichten. Darum schert sich bei den Grünen niemand, mehr noch, man macht sich lustig. Bei den Recherchen zur Frage, wie es in Cohn-Bendits Kindergarten der Frankfurter Universität 1972 nicht in der Fiktion, sondern in der Realität zuging, bekommt man unter den damals Beteiligten schnell höhnische Bemerkungen zu hören: ›Gibt es Opfer? Hat sich schon jemand gemeldet, hahahah!‹«
Die Grünen boten den Pädokriminellen eine Heimat, analysiert Füller, und mehr noch: Sex mit Kindern gehörte zum Kernbereich grüner Ideologie, sie »war keine Nebensache«. Für den taz-Autor ist die grüne Ideologie ohnehin eine Religion und die grüne Partei ihre Kirche. Nach den jahrelangen Recherchen, die er betrieben hat – er hat beispielsweise ein Buch über den Missbrauch an der Odenwald-Schule geschrieben – fragt er sich, »wie grüne Politiker derart drastische Missbrauchsschilderungen lesen konnten, ohne sich auf die Seite der Opfer zu stellen. Wieso wurde offene pädokriminelle Propaganda einfach hingenommen?« Seine Antwort, die er als »einfach« bezeichnet: »Weil die Grünen Gläubige sind. Sie glauben an die Moral von der Bewahrung der Schöpfung, der ehrlichen Politik und an eine bessere, weil grüne Welt.«
Warum wollte taz-Chefin Pohl so etwas in ihrem eigenen Blatt nicht lesen? Als Journalistin sollte sie keiner Partei in Nibelungentreue verbunden sein; zumindest offiziell ist die taz – anders als der Bayernkurier für die CSU – jedenfalls keine Parteizeitung der Grünen. Doch ist das Berliner Blättchen mit der Tatze in letzter Zeit immer wieder durch zum Teil hasserfüllte Ausfälle gegen Konservative aufgefallen: Sarazzin wurde ein Schlaganfall gewünscht, Zeitungen aus dem Springer-Verlag mit Fäkalausdrücken bedacht. Insofern steht die Entscheidung, Füllers Artikel aus dem Blatt zu kippen, in einer unguten Tradition. Neu ist nur, wie unverblümt man Wahlkampfhilfe für die Grünen betreibt. Bereits am vorangegangenen Freitag hatte das Blatt den vermeintlichen Freispruch des Parteienforschers Walter bejubelt.
Füllers Artikel muss Pohl wie ein schwerer Rückschlag in den Bemühungen der Grünen erschienen sein, die eigene pädophile Vergangenheit – und Gegenwart! – weißzuwaschen – eine Interpretation, die gestützt wird durch die Kommentare, die beispielsweise auf die Berichterstattung Stefan Niggemeiers folgten: Während die katholische Kirche immer wieder als Hort der Pädophilie verzeichnet wird, gelten für die Grünen plötzlich ganz andere Maßstäbe. Da wird dann so fein differenziert, dass am Ende nichts mehr übrig bleibt, dass man fast meinen kann, die grünen Täter, die in grün-alternativen Strukturen ihren Untaten nachgingen und durch nichts und niemanden gehindert wurden, katholische Priester waren.
Füller hat sich mit seinem Text – und offenbar nicht nur mit diesem – in der taz-Redaktion unbeliebt gemacht, wie man hört. Zu Recht, denn die Botschaft, die er aussendet – auch wenn sie noch nicht überall angekommen sein mag –, lautet, dass die Grünen nicht nur ein Problem mit einzelnen Pädokriminellen haben. Sondern die Partei der Grünen ist selbst das Problem, weil hier die Wurzeln für den Missbrauch liegen. Füller: »Die Grünen haben Glück, dass sie als Partei keine Schulen, Kitas oder Internate betrieben haben, Orte also, an denen das Menschenmaterial vorhanden gewesen wäre, um ihre Befreiungsideologie jugendlicher Sexualität auszuleben.« Ja, Glück gehabt! Vielleicht wäre das ein hilfreiches Gedankenexperiment: Was, wenn sie Kindergärten und Schulen betrieben hätten? Man darf annehmen, dass die Missbrauchsquote noch viel höher gewesen wäre als in allen anderen Einrichtungen.


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