Der Ansatz, den alle Beteiligten intuitiv wählten, war richtig: Sie erzählten von Kindheit und Jugend – die nicht unterschiedlicher sein konnte, als sie war. Petra Roth etwa, Ex-Oberbürgermeisterin von Frankfurt am Main (CDU), entstammt einer weltläufigen, liberalen bremischen Kaufmannsfamilie, bei der Sekundärtugenden sekundär blieben. Hubert Kleinert (Grüner der ersten Stunde, jetzt Professor) ist Sohn eines Handwerksmeisters mit ausgeprägtem Standesbewusstsein. Türkeli-Dehnert ist Tochter aus einem türkischen, nach Deutschland eingewanderten Akademikerhaushalt, heute Sprecherin des Netzwerks Integration der CDU Berlin-Mitte. Und Jörges, Mitglied der Stern-Chefredaktion, war mit seinen Eltern aus der DDR geflüchtet und wuchs in ärmlichen Verhältnissen in der Provinz auf.
Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen kamen die Diskutanten selbstredend zu ganz unterschiedlichen Schlüssen. Während Roth das Bürgertum parteiübergreifend gleichsam zu überwinden suchte und in den Bewohnern der Städte verortete, wo sie sich um ihre Angelegenheiten kümmern, fand es Jörges an seinem Wohnsitz in Berlin-Prenzlauer Berg – mit allen negativen Begleiterscheinungen wie Spießigkeit und Rigidität, die bis ins Totalitäre reicht. Das dortige Bürgertum sei reich, antiamerikanisch, moralinsauer, egoistisch und antiamerikanisch und die Kinder schlecht erzogen. „Ein sehr merkwürdiges Milieu“, fasste er seine Beobachtungen zusammen.
Kleinert nannte den Begriff des Bürgertum schillernd, die Debatte kritisierte er als teilweise wenig substanziell. Seine Diagnose lautete: Seit seinem Entstehen im 18. Jahrhundert hat sich das Bürgertum sich mit dem Adel assimiliert, während das Proletariat sein eigenes Bewusstsein herausgebildet hat; der Nationalsozialismus hat beidem ein Ende gemacht. Heute könne man lediglich ein unteres gesellschaftliches Drittel identifizieren, das sich sozial signifikant anders verhalte als die anderen zwei Drittel. Dass es sich dabei um vorwiegend Menschen mit Migrationshintergrund handele, bestritt Türkeli-Dehnert, die das Bürgertum über Bildung definierte, die auch für Migranten als erstrebenswert angesehen werde. Das werde in den nächsten Jahrzehnten noch deutlicher werden, da inzwischen verstärkt Akademiker und Fachkräfte nach Deutschland einwanderten, die entsprechende Einstellungen mitbrächten.
Dass die Grünen eine bürgerliche Partei seien, glaubte in der Runde am Ende keiner. Uneinigkeit bestand in der Frage, wie staatsversessen die Grünen sind – Jörges: sehr, Kleinert: früher noch viel mehr –, und ob die CDU in den Städten den Grünen-Wählern hinterherlaufen, sie umwerben sollte. Jörges sagte Nein, Kleinert widersprach: Welche Chance hätte die CDU denn sonst, fragte er, um neue Wählerschichten anzusprechen? Hier erhielt er Zustimmung von Roth und Türkeli-Dehnert, beide aktive CDU-Mitglieder, die aus eigener Erfahrung wussten, dass die Gesellschaft in Deutschland vielfältiger, multikultureller geworden ist. „Wir sind alle Bürgertum“, lautete das Credo Roths.
Man ist geneigt, dieser Einschätzung zu folgen. Denn was sich heute im politischen Bereich tut, lässt sich nicht so leicht in tradierte Kategorien pressen. Einerseits dominiert vielerorts Apathie und Politikverdrossenheit, andererseits mischen sich Menschen aller Altersstufen und sozialer Schichten ein und bringen ihre Interessen auf der Straße zu Gehör. Staatsferne und Staatsvertrauen sieht Türkeli-Dehnert in Deutschland, großes Interesse an politischen Entscheidungen Roth. Jörges warnte vor den wie gleichgeschalteten Medien, Kleinert vor der Illusion, Entscheidungen würden durch Beteiligung vieler besser. Er machte darauf aufmerksam, dass am Ende häufig doch die damit Beauftragten – also die Politiker – entscheiden und sich vor dem Volk rechtfertigen müssen. So, wie beispielsweise möglicherweise die Grünen: Was, wenn deren Wähler merken, wie teuer sie die Steuerpläne ihrer Lieblingspartei kommen?


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