Europa wird seine eigenen Ansprüche nicht einlösen können, wenn es sich nicht auf seine christlichen Wurzeln besinnt. So redete Papst Franziskus den Abgeordneten des Europäischen Parlaments ins Gewissen, vor denen er heute Vormittag eine Rede hielt. Als Sinnbild diente ihm dabei das berühmte Bild »Die Schule von Athen« von Raffael, in dem Platon zum Himmel – also zum Reich der Ideen – zeigt und Aristoteles zur Erde, »der konkreten Wirklichkeit«, wie Franziskus formulierte.
Der Papst sprach: »Die Zukunft Europas hängt von der Wiederentdeckung der lebendigen und untrennbaren Verknüpfung dieser beiden Elemente ab. Ein Europa, das nicht mehr fähig ist, sich der transzendenten Dimension des Lebens zu öffnen, ist ein Europa, das in Gefahr gerät, allmählich seine Seele zu verlieren und auch jenen ›humanistischen Geist‹, den es doch liebt und verteidigt.«
Das Leitmotiv der päpstlichen Rede waren die Begriffe Würde und Transzendenz. Der Papst sei vor allem daran gelegen, »die enge Verbindung hervorzuheben, die zwischen diesen beiden Worten besteht«. Würde erhalte der Mensch, eine Person, wenn er um seiner selbst willen und nicht als Mittel zum Zweck, als Objekt behandelt werde. Das Projekt Europa sei dem Gedanken verpflichtet, die menschliche Würde zu achten und zu schützen – ein Gedanke, der maßgeblich vom Christentum inspiriert sei.
Immer wieder taucht in der Rede die Kritik am ungehemmten Konsumstreben und nach materiellem wirtschaftlichen Erfolg auf. Hier setzte Franziskus »die Kostbarkeit des menschlichen Lebens« entgegen, »das uns unentgeltlich geschenkt ist und deshalb nicht Gegenstand von Tausch oder Verkauf sein kann.« Seine Forderung angesichts dieser Gefahr war denn auch, insbesondere Kranken im Endstadium, pflegebedürftigen Alten und dem ungeborenen Leben besondere Fürsorge angedeihen zu lassen.
Des weiteren warnte Franziskus davor, das legitime und bewunderungswürdige Streben der Europäer nach Einheit zu weit zu treiben. Denn, betonte er, »Einheit bedeutet nicht politische, wirtschaftliche, kulturelle oder gedankliche Uniformität.« Vielmehr seien die Parlamentarier und alle, die Verantwortung tragen, angehalten, die Eigenarten der Völker zu respektieren – schon um des Projekts eines einigen Europas willen. Denn als unerwünschte Folge könnte durch den Zwang zur Konformität die Legitimationsbasis der europäischen Idee geschwächt und Konflikte hervorgerufen werden.
Den Abgeordneten rief der Papst zu: »In dieser Dynamik und Eigenart ist Ihnen auch die Verantwortung übertragen, die Demokratie der Völker Europas lebendig zu erhalten. Es ist kein Geheimnis, dass eine vereinheitlichende Auffassung der Globalität der Vitalität des demokratischen Systems schadet, indem es dem reichen, fruchtbaren und konstruktiven Gegensatz der Organisationen und politischen Parteien untereinander die Kraft nimmt. So läuft man Gefahr, im Reich der Idee, des bloßen Wortes, des Bildes, des Sophismus zu leben und schließlich die Wirklichkeit der Demokratie mit einem neuen politischen Nominalismus zu verwechseln.«
Quasi als Hausaufgabe trug Franziskus den Abgeordneten auf, sich folgender Bereiche besonders anzunehmen: der Familie, die der Grund sei, auf dem Gesellschaft aufbaue; den Schulen und Universitäten, an denen nicht bloßes Wissen vermittelt werden dürfe; dem Umweltschutz, da dem Menschen die Erde zur Pflege und nicht zur Ausbeutung anvertraut sei; der Arbeitswelt, die menschenwürdig zu organisieren sei; der Migranten, deren Menschenwürde geachtet werden müsse, und der Situation in ihren Herkunftsländern, die verbessert werden müsste. Das letztgenannte Problem sei indes zu lösen, wenn sich Europa darauf »versteht, in aller Klarheit die eigene kulturelle Identität vorzulegen und geeignete Gesetze in die Tat umzusetzen, die fähig sind, die Rechte der europäischen Bürger zu schützen und zugleich die Aufnahme der Migranten zu garantieren«.


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