Norbert und Renate Martin <span>Herausgeber der Katechesen Johannes Pauls II. zur Sexualität des Menschen</span>

Die Kirche hat eine moderne Sicht der Sexualität

Interview mit Norbert und Renate Martin.

In den periodisch wiederkehrenden Debatten über die Sexualität des Menschen – insbesondere Homo-Ehe und Abtreibung – haben Christen häufig einen schweren Stand. Doch das muss nicht so sein! Im Interview mit FreieWelt.net klären der Familien- und Religionssoziologe Norbert Martin und seine Frau Renate über die Modernität der christlichen Lehre über die Sexualität auf.

FreieWelt.net: Warum ist es wichtig, sich aus christlicher Sicht mit der Sexualität des Menschen zu beschäftigen?

Norbert und Renate Martin: Im Genesisbericht der Bibel heißt es, dass Gott den Menschen als Mann und Frau erschaffen hat und ihnen den Auftrag gab, sich zu vermehren. Damit ist klar, dass die Sexualität für einen gläubigen Menschen eine Gabe und zugleich eine Aufgabe Gottes für den Menschen darstellt. Als solche stellt sie Forderungen an ihn, die der Christ aus einer theologischen Anthropologie heraus zu bewältigen hat. Sexualität ist ein wichtiger (Teil)bereich des menschlichen Lebens. Da der Christ ein Leben »aus einem Guss« führen sollte, spielt die Gestaltung der Sexualität ganz selbstverständlich dabei eine wesentliche Rolle. Humane Sexualität ist immer mit Liebe verbunden, und da die Liebe ein Grundakkord des christlichen Lebens (»Gott ist die Liebe«) darstellt, kann ein wahrer Christ nicht an der Sexualität und ihrer menschlichen, kulturellen, christlichen Gestaltung vorbei gehen. Darüber hinaus eröffnet der Gedanke, dass der Mensch auch als leiblich-sexuelles Wesen Abbild Gottes ist, ganz neue Perspektiven.

FreieWelt.net: Man hat den Kirchen – insbesondere der katholischen – immer wieder vorgeworfen, körperfeindlich zu sein. Stimmt das?

Norbert und Renate Martin: Es gab Zeiten und Strömungen in der Kirche, die vom Manichäismus beeinflusst waren. Die offizielle Lehre der Kirche hat diesen immer entschieden abgelehnt und verurteilt. Schon in der Vätertheologie der ersten Jahrhunderte gibt es herrliche Zeugnisse für die bejahende Sicht des Leiblichen und die Einheit von Mann und Frau, auch im »Ein-Fleisch-werden« des Geschlechtlichen, wie es schon in der Genesis heißt: »Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und die zwei werden ein Fleisch sein«. Dieses gegenseitige sich Verschenken wird im Epheserbrief sogar in direkter Parallelität des Verhältnisses von Christus zu seiner Kirche gesehen.

Man kann die wachsende Wertschätzung dieses ganzen Bereichs durch die Kirchengeschichte deutlich verfolgen – zugegebenermaßen mit Höhen und Tiefen – und feststellen, dass sie in gewisser Weise kulminiert in Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils und in der Lehre der letzten Päpste, besonders von Papst Johannes Paul II. in seinem grandiosen Werk der »Theologie des Leibes«. Hier ist die Kirche vollends in einer modernen Sicht der Ehe angekommen. Wer sich also über die Stellung der Kirche zu Sexualität, Ehe, Liebe usw. authentisch informieren will, der sei auf die »Theologie des Leibes« von Papst Johannes Paul II. verwiesen. Es ist eine »Summa«, die ihresgleichen in der Kirchengeschichte sucht; George Weigel, der amerikanische Autor der bisher besten Biographie über diesen Papst, hat diesem Werk die Sprengkraft einer Bombe für die Weiterentwicklung der Theologie im 21. Jahrhundert prophezeit.

FreieWelt.net: Sie sagen, dass das Eheverständnis der katholischen Kirche modern sei. Das verstehe ich nicht!

Norbert und Renate Martin: »Modern« in folgender Hinsicht: Wir sehen rund um uns die Ehen scheitern, Bindungen zerbrechen und hinterlassen in vielerlei Hinsicht Wunden, Leiden, zerstörte Lebensentwürfe, verstörte Kinder und Jugendliche und so weiter. Das katholische Eheverständnis mit seiner auf lebenslange Treue angelegten Basis, die aus einem religiösen Leben und dem Leben aus den Sakramenten – besonders der Eucharistie – gesichert werden kann, bietet die Möglichkeit, der tiefsten Sehnsucht auch des modernen Menschen eine beglückende Antwort zu geben. Wir müssen uns dabei vor Augen halten, dass die grundlegenden anthropologischen Konstanten der menschlichen Natur weitgehend die gleichen sind wie seit der Erschaffung der Welt – darunter mit an erster Stelle die Sehnsucht nach verlässlicher, dauerhafter Geborgenheit in einem geliebten Menschen.

FreieWelt.net: Die Ehe wird von allen Seiten in Frage gestellt, jüngst sogar von einem EKD-Papier. Die Argumente, die dabei vorgebracht werden – insbesondere das Freiheitsargument –, sind durchaus stichhaltig. Wie kann man ihnen aus christlicher Perspektive begegnen?

Norbert und Renate Martin: Gerade das Freiheitsargument spricht für die christliche Sicht von Sexualität und Ehe. Die menschliche Freiheit ist auf Bindung hin angelegt. Das Verständnis von Freiheit als Beliebigkeit ist zutiefst inhuman, weil es letztlich zu einem narzisstischen Egoismus führt. Wahre Freiheit erreicht der Mensch durch freigewählte und freigewollte Bindung an von ihm erkannte Werte, an die er sich durch einen bewussten Willensakt bindet und in Treue daran festhält. Dies ist von ihm selbstbestimmte Freiheit, während beliebige »Freiheit« in Verzettelung und letztlich in der Unfreiheit der Triebbestimmtheit endet.

FreieWelt.net: Es fällt schwer, menschliche Sexualität immer nur im Zusammenhang mit der Ehe oder dem Zölibat »um des Himmelreichs willen« zu denken. Aber was ist mit den vielen Menschen, die weder verheiratet sind noch in den Ordensstand eintreten wollen?

Norbert und Renate Martin: In der Tat stellt die rechte Gestaltung der Sexualität keine leichte Aufgabe dar, und Christus sagt im Gespräch mit seinen Jüngern in Bezug auf Ehe und Zölibat auf dem Hintergrund der menschlichen Gebrochenheit: »Wer es fassen kann, der fasse es« – das heißt eben, dass das von ihm aufgezeigte Zielbild (Ideal) mit rein menschlichen Maßstäben tatsächlich nicht zu schaffen ist.

Allerdings hat es zu allen Zeiten und in allen Religionen Arten und Weisen der Sublimierung der Sexualität gegeben, die zeigen, dass auch für Nichtverheiratete beziehungsweise zölibatär Lebende zufriedenstellende Weisen der Selbstverwirklichung möglich sind. Es gibt zum Beispiel viele Ärzte und Wissenschaftler, die vom Ethos ihres Berufes so ergriffen sind, dass daneben für sie eine Ehe keinen Platz hat. Es stellt sich die Frage, ob das Sexuelle in unserer Zeit nicht maßlos übertrieben wird.

FreieWelt.net: Sind Debatten über Sexualität letztlich Debatten über die Gottesfrage? Was folgt daraus?

Norbert und Renate Martin: Zweifellos sind es auch Debatten über die Gottesfrage. Daraus folgt, dass je nach Stellung zur Gottesfrage auch die Art und Weise, über die Sexualität zu denken und zu sprechen, dadurch mit bestimmt wird. Eine Debatte über Sexualität, die davon ausgeht, dass der Mensch als Geschöpf ein Ebenbild des Schöpfer-Gottes ist, wird anders verlaufen und zu anderen Ergebnissen führen, als eine Debatte unter oder mit Atheisten.

FreieWelt.net: Vielen Dank für das Gespräch.

Sven von Storch

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