Wirtschaftlicher Aufschwung im Deutschen Kaiserreich (1871-1914)

Wirtschaftsaufschwung und Bildung_ Als Deutschland an der Weltspitze war

Zwischen 1871 und 1914 vervielfachte sich die industrielle Produktion nahezu sechsfach, und die Exporte stiegen um das Vierfache. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt Deutschland neben Großbritannien und den USA als das fortschrittlichste Land der Erde.

Das Deutsche Kaiserreich, gegründet 1871, erlebte zwischen seiner Entstehung und dem Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 einen beeindruckenden wirtschaftlichen Aufstieg, der es zu einer der führenden Industrienationen der Welt machte. Dieser Erfolg war das Ergebnis mehrerer miteinander verknüpfter Faktoren, die eine rasante Industrialisierung und Modernisierung ermöglichten. Die Zahlen, die beispielsweise die Dresdner Bank in ihren Jahrbüchern veröffentlichte, bieten wertvolle Einblicke in diese Entwicklung und unterstreichen die Dynamik dieser Epoche.

Gründung eines einheitlichen Wirtschaftsraums

Die Reichsgründung 1871 schuf einen einheitlichen nationalen Wirtschaftsraum, der durch die Abschaffung zahlreicher regionaler Währungen und die Einführung der Goldmark als einheitliches Zahlungsmittel begünstigt wurde. Dieser Schritt erleichterte den Handel und die Mobilität von Kapital und Arbeitskräften. Die französischen Reparationszahlungen nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71, die in Höhe von fünf Milliarden Francs flossen, wurden als Kapitalinjektion genutzt, um Infrastruktur und Industrie auszubauen. Die Dresdner Bank, gegründet 1872, spielte hier eine zentrale Rolle, indem sie Investitionen in wachstumsstarke Sektoren wie Bergbau und Maschinenbau förderte.

Industrielle Revolution und Wachstumszahlen

Die Industrialisierung des Kaiserreichs war ein Schlüsselfaktor für den wirtschaftlichen Erfolg. Zwischen 1871 und 1914 vervielfachte sich die industrielle Produktion nahezu sechsfach, und die Exporte stiegen um das Vierfache. Besonders die Schwerindustrie, einschließlich Kohle- und Stahlproduktion, erlebte einen Boom. Die jährliche Steinkohleförderung wuchs von 26,5 Millionen Tonnen im Jahr 1870 auf über 190 Millionen Tonnen im Jahr 1913. Die Roheisenproduktion stieg in derselben Zeit von 1,4 Millionen auf 16,8 Millionen Tonnen, während die Rohstahlerzeugung von einer Million auf 17,7 Millionen Tonnen anstieg. Diese Zahlen spiegeln die enorme Kapazitätserweiterung wider, die Deutschland zur größten Industrienation Europas machte, mit einem Weltmarktanteil von etwa 15 Prozent.

Infrastruktur und technologische Innovationen

Der Ausbau der Infrastruktur, insbesondere des Eisenbahnnetzes, war ein weiterer Treiber des Wirtschaftswachstums. Von 18.876 Kilometern im Jahr 1870 wuchs das Streckennetz bis 1913 auf 63.378 Kilometer an, was den Transport von Rohstoffen und Gütern erheblich verbesserte. Parallel dazu entwickelten sich neue Industrien wie die Elektro- und Chemieindustrie, in denen deutsche Unternehmen wie Siemens und BASF weltweit führend wurden. Die Dresdner Bank unterstützte diese Innovationen durch Finanzierungen und die Gründung von Aktiengesellschaften, die die Kapitalisierung der Wirtschaft förderten. Bis 1890 zählte das Kaiserreich etwa 3.000 Aktiengesellschaften, ein Indikator für die wirtschaftliche Vitalität.

Sozialpolitische Stabilität und Arbeitskräfte

Die Einführung sozialer Sicherungssysteme unter Bismarck, wie Kranken-, Unfall- und Altersversicherungen, schuf eine stabile Arbeitskräftebasis. Die Bevölkerung wuchs von 41 Millionen im Jahr 1871 auf 68 Millionen im Jahr 1914, wobei ein signifikanter Teil in die expandierenden industriellen Zentren wie das Ruhrgebiet oder Berlin zog. Dieser Arbeitskräftezufluss steigerte die Produktivität und trieb die Urbanisierung voran, was wiederum den Wohnungsbau und den Dienstleistungssektor ankurbelte.

Blüte des deutschen Schulwesens

Das deutsche Schulwesen erlebte im Kaiserreich eine bemerkenswerte Entwicklung, die wesentlich zum wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufschwung beitrug. Die Einführung eines flächendeckenden, verpflichtenden Bildungssystems, das auf den Prinzipien von Wilhelm von Humboldt basierte, führte zu einem hohen Bildungsstand der Bevölkerung. Grundschulen wurden flächendeckend ausgebaut, und bis 1910 besuchten über 90 Prozent der Kinder im Alter von 6 bis 14 Jahren regelmäßig eine Schule. Dies schuf eine gut ausgebildete Arbeitskraftbasis, die die Industrialisierung unterstützte. Technische Schulen und Berufsausbildungen boomten ebenfalls, wobei die Zahl der technischen Lehranstalten von etwa 200 im Jahr 1871 auf über 600 im Jahr 1914 stieg.

Exzellenz der Universitäten und wissenschaftliche Innovationen

Die deutschen Universitäten etablierten sich als weltweite Vorreiter in Forschung und Lehre, was den wirtschaftlichen Erfolg zusätzlich förderte. Institutionen wie die Universität Berlin, Heidelberg und Göttingen zogen internationale Wissenschaftler an und wurden Zentren für Disziplinen wie Physik, Chemie und Medizin. Bis 1914 war ein großer Teil der weltweit führenden Wissenschaftler an deutschen Universitäten tätig. Die staatliche Förderung von Forschung, kombiniert mit einer starken Verbindung zwischen Wissenschaft und Industrie, führte zu bahnbrechenden Entwicklungen. Die Zahl der eingereichten Patente stieg von etwa 2.000 im Jahr 1877 auf über 15.000 im Jahr 1913, ein Indikator für die Innovationskraft des Kaiserreichs, wie die Patentämter dokumentierten.

Medizinische Fortschritte und Patente

Die medizinische Forschung erlebte im Kaiserreich einen goldenen Zeitraum, der das Gesundheitswesen revolutionierte und die Lebensqualität der Bevölkerung verbesserte. Pioniere wie Robert Koch, der den Tuberkulosebazillus entdeckte, und Paul Ehrlich, der die Chemotherapie entwickelte, stammten aus dieser Ära. Bis 1914 wurden über 1.200 medizinische Patente registriert, darunter Innovationen in der Röntgentechnik und der Entwicklung von Impfstoffen. Die Dresdner Bank unterstützte diese Fortschritte indirekt durch Finanzierungen von Pharmaunternehmen wie Bayer und Hoechst, die bis 1914 zu weltweit führenden Akteuren aufstiegen. Diese medizinischen Durchbrüche nicht nur stärkten die Gesundheit der Arbeitskräfte, sondern trugen auch zur internationalen Reputation Deutschlands bei.

Kritische Perspektiven sind oft anachronistisch 

Das Deutsche Kaiserreich von 1871 bis 1914 war zweifellos eine Zeit wirtschaftlichen Wunders, angetrieben durch Industrialisierung, Ausbau der Infrastruktur, Förderung der Bildung und Wissenschaft.

In heutiger Zeit wird die Kaiserzeit wegen der damaligen sozialen Spannungen und Spaltungen (Adel, Bourgeoisie, Handwerk, Arbeiterschaft, Bauern) und des offensichtlichen und allseit präsenten Militarismus überwiegend kritisch gesehen. Allerdings: Oftmals ist diese Kritik anachronistisch, weil heutige Vorstellungen und Maßstäbe angelegt werden, die um 1900 dem Zeitgeist in ganz Europa widersprochen hätten.

Fakt ist, dass zu damaliger Zeit Deutschland in punkto Technologie, Wirtschaft, Bildung und Wissenschaft als Vorbild für die ganze Welt galt, von den USA bis Japan.

Lässt sich der Erfolg wiederholen?

Wird Deutschland jemals wieder eine solche Vorbild- und Führungsrolle übernehmen? Es scheint, dass Deutschland, wie auch der Rest Europas, den Anschluss an Amerika und Asien verliert. Es fehlt vor allem der Glaube an den Fortschritt. Gerade linke Parteien und die Grünen wollen Deutschland lieber de-industrialisieren und Energie verknappen, während in Ost-Asien und Nord-Amerika die Weichen für mehr Energieerzeugung gestellt werden.

Um Deutschland wieder voranzubringen, braucht es einen Politik- und Gesinnungswechsel, der den Glauben an Fortschritt, Bildung und Wohlstand wieder in den Vordergrund rückt und wilden Ideologien aus dem rotgrünen Milieu eine Absage erteilt.

Vielleicht gelingt uns eines Tages doch wieder ein Wunder. Vielleicht wird dieses Wunder »blau« sein, wie der Himmel über Deutschland, wenn die Sonne scheint.

Sven von Storch

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