Kaum war das Feuer von Notre Dame de Paris erloschen und die Kunde von großen Spenden zum Wiederaufbau verbreitet, da gab es auch schon die ersten Kritiken und Forderungen:
Die einen meinten, es sei »nur« eine Kirche und die Spenden seien vollkommen überdimensioniert. Man solle die Bedeutung der Kathedrale nicht übertreiben.
Die anderen gingen einen Schritt weiter: Notre Dame de Paris solle nicht als Symbol der französischen Geschichte, die von Kolonialismus und Imperialismus geprägt sei, wiedererstehen, sondern das moderne Frankreich symbolisieren, dass der multikulturellen Gesellschaft Rechnung trägt.
Angestoßen wurde die heftige Debatte in der Öffentlichkeit unter anderen durch Artikel wie jenem im Magazin »Roling Stones«. Die Zeitschrift zitiert unter anderen den Harvard-Bauhistoriker Patricio del Real, der behauptet: »The building was so overburdened with meaning that its burning feels like an act of liberation« — »Das Gebäude war so überfrachtet mit Bedeutung, dass dessen Brand wie ein Akt der Befreieung wirkt«.
Und so fingen die Intellektuellen an, sich mit Ideen zu überbieten. Die Kathedrale habe immer politische Bedeutung gehabt. Also müsse auch der Wierderaufbau politische Bedeutung haben. Und diese Bedeutung müsse das neue Frankreich widerspiegeln, ein weltoffenes und demokratisches Frankreich. So sinngemäß klangen zahlreiche Vorschläge.
Für viele geschichtsbewusste und glaubensfeste Franzosen ist diese Diskussion ein schrilles Warnsignal. Sollte Notre Dame de Paris als Tempel der modern-bunten Gesellschaft wiedererstehen? Um Bausünden zu verhindern und dem Wiederaufbau nach historischem Vorbild Nachdruck zu verleihen, haben sich in Frankreich zahlreiche Bürgerinitiativen gegründet. Sie verlangen die Wiederherstellung und Bewahrung des Bauwerkes als Teil des historischen, kulturellen und kollektiven Gedächtnisses der französischen Nation.


Add new comment