Buchbesprechung

Von Meinungsmacht und Alpha-Journalisten

Eine Studie über die Medienbranche hat herausgefunden: Die Nähe führender Journalisten zu elitären Netzwerken führt zu einer Kluft zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung.

Wie kommt es, dass die Medien die Europäische Union als Zukunftsprojekt feiern, obwohl europaweit Millionen Menschen der EU kritisch gegenüberstehen? Wie kann es sein, dass die Medien verbal gegen Russland aufrüsten und dabei ignorieren, dass sich die Zeitungsleser und Fernsehzuschauer über die einseitige Berichterstattung beschweren? Wieso wird das Thema Freihandelszone mit den USA in den Medien marginalisiert oder verschwiegen, obwohl sich große Teile der Bevölkerung darüber empören?

In den letzten Monaten hat sich wieder die tiefe Kluft zwischen der medialen Berichterstattung und der Sichtweise der Bevölkerung offenbart, zwischen veröffentlichter und öffentlicher Meinung. Dies hat zur Folge, dass immer mehr Menschen auf die vielseitigen Informationsangebote des Internets ausweichen. Das Vertrauen in die klassischen Zeitungen und Rundfunkanstalten schrumpft. Neue ausländische Medien wie Russia Today und Al Jazeera freuen sich dagegen über wachsende Zuschauerzahlen, weil sie alternative Sichtweisen zur Berichterstattung von ARD, ZDF, BBC und CNN bieten.

Studien zeigen: Journalismus ist selten unabhängig

Jährlich werden Milliarden für Propaganda, Public Relations und Werbung ausgegeben. Besonders wirkungsvoll ist die gezielte Einflussnahme auf die Leitmedien. Im schnelllebigen Alltag ist für die meisten Menschen nicht durchschaubar, über welche Informationskanäle und Netzwerke die Nachrichten zum Publikum lanciert werden.

Berühmt ist mittlerweile die US-amerikanische Studie von Noam Chomsky und Edward S. Herman: »Manufacturing Consent: The Political Economy of the Mass Media« (New York: Pantheon Verlag 1988). In ihren Untersuchungen entwickelten die beiden Wissenschaftler das sogenannte Propagandamodell. Sie erkannten einen Mechanismus, der zur Schaffung eines Konsenses ganz im Sinne der gesellschaftlichen Eliten führt und Dissens marginalisiert. Dies geschieht durch verschiedene Filter, die zur Selektion von Nachrichten führen. Dazu gehören zum Beispiel die Ansichten und Interessen der Investoren und Geschäftsinhaber eines Mediums, die Profit- und Markausrichtungen der Werbekunden sowie die Beziehungen der Journalisten zu Machtzentren, um Informationszugang aus erster Hand zu erhalten. Hinzu kommen der versteckte Druck der Machteliten auf die Medien, um Kritiker ruhig zu stellen, und schließlich ideologische Hintergründe.

In Deutschland ist es kaum besser als in den USA

In einer aktuell viel beachteten Studie hat der Leipziger Medienwissenschaftler Uwe Krüger die Verflechtungen von elitären Netzwerken und Journalisten untersucht (Meinungsmacht. Der Einfluss der Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten – eine kritische Netzwerkanalyse, Reihe des Instituts für Praktische Journalismus- und Kommunikationsforschung, Band 9, Köln: Herbert von Halem Verlag, 2013, zugleich Dissertation).

Besonders auffällig ist die Eingebundenheit prominenter Alpha-Journalisten in elitäre Machtzirkel. Ihre Nähe zu spezifischen Milieus aus Politik und Wirtschaft hat Einfluss darauf, inwiefern sich die Themen und Diskurse der Eliten auf die Berichterstattung in den Medien auswirken. Dabei dürfte es selbst für unvoreingenommene und bemüht neutral wirkende Journalisten schwierig sein, sich der Beeinflussung zu entziehen. Sie sind längst Teil eines komplexen Kommunikationssystems gegenseitiger Gesinnungsnähe geworden, in dem die Themen gesetzt und akzentuiert werden.

Ein prominentes Beispiel ist der Mitherausgeber der Zeit, Josef Joffe. Seine transatlantische Affinität ist seit langem bekannt und nicht ungewöhnlich, zumal er an der John Hopkins-University in Washington und an der Harvard-University studiert hat, außerdem an den Eliteuniversitäten Stanford und Princeton tätig war.</strpong>

Zu den Eckpunkte seines Netzwerkes gehören neben der Zeit unter anderem (siehe Kröger, S. 137 ff.): Goldman Sachs Foundation (USA), American Academy in Berlin, American Institute for Contemporary German Studies (USA), International Institute for Strategic Studies (UK), American Council on Germany (USA), Trilaterale Kommission, Weltwirtschaftsforum in Davos, Bilderberg, Aspen Institute, Europe’s World, The American Interest (USA), Council on Public Policy, Atlantik-Brücke, usw.

Die Vernetzungen einflussreicher Journalisten mit internationalen Organisationen und Regierungsinstitutionen bleiben dem Zeitungsleser meist verborgen. Immerhin wurden die Verflechtungen von Josef Joffe (Die Zeit), Stefan Kornelius (Süddeutsche), Michael Stürmer (Welt), Günther Nonnenmacher und Klaus-Dieter Frankenberger (FAZ) sowie Kai Diekmann (Bild), die auch in der Studie von Uwe Krüger besprochen werden, in der ZDF-Kabarett-Sendung »Die Anstalt« am 29. April 2014 einem staunenden Publikum vorgetragen.

Wie sich transatlantische Netzwerke in der deutschen Berichterstattung widerspiegeln

Nach umfangreicher Analyse der Netzwerke prominenter Journalisten untersuchte Uwe Krüger die Auswirkungen auf die Berichterstattung. Dabei bediente er sich der, aus der Soziologie bekannten, Frame-Analyse bzw. Rahmen-Analyse. Unter Frames werden typische Deutungsmuster verstanden, nach denen Themen journalistisch aufgearbeitet werden. Hierzu gehören spezifische Charakteristika: Wie strukturiert der Journalist seine Informationen? Wie reduziert er Komplexität, um das Thema auf den Punkt zu bringen? Wie werden Probleme und Ursachen identifiziert? Welche Lösungen werden angeboten?

Anhand des Beispiels der Außen- und Sicherheitspolitik wurde festgestellt, dass die untersuchten Journalisten sich des erweiterten Sicherheitsbegriffs der USA und NATO bedienen und in ihren Darstellungen und Argumentationen stärker von den Diskursen der transatlantischen Netzwerke geprägt sind als etwa vom innerdeutschen Diskurs. Das zeigt sich mitunter darin, dass diese Alpha-Journalisten ganz im US-amerikanischen Sinne die Deutschen zu mehr Engagement in der NATO auffordern, während viele Journalisten außerhalb der großen Leitmedien Auslandseinsätze der Bundeswehr tendenziell ablehnen.

Exemplifiziert werden die Beobachtungen anhand des Beispiels der Münchener Sicherheitskonferenz (Munic Security Conference, MSC). Hierbei handelt es sich um eine bedeutende, jährlich stattfindende Tagung, bei der sich internationale Politiker, Militärs und Rüstungsindustrielle ihr Stelldichein geben, um die Lage der Welt zu erörtern.

Deutlich wurde hierbei, wie die führenden Journalisten der Welt, FAZ und Süddeutschen Zeitung dieser Veranstaltung positiv gegenüberstehen. Berichtet wurde hauptsächlich über den Fortgang der Konferenz selbst. Proteste gegen die MSC wurden nur am Rande erwähnt oder marginalisiert. Eine kritische, distanzierte Auseinandersetzung mit den Hintergründen und Zielen fand kaum statt. Anders bei den kleinen Zeitungen wie beispielsweise der taz: Hier wurde der kritischen Beurteilung der MSC mehr Raum gewährt und ausführlicher über die umfangreichen Proteste geschrieben.

Die mangelnde Distanz zur Macht erschwert die kritische Sicht von außen

Fazit: Bei der Studie »Meinungsmacht« handelt es sich, trotz des wissenschaftlichen Stils, um eine rasant lesbare Untersuchung zu elitären Netzwerken und ihren Einfluss auf das Mediengeschehen. Ergänzt wird die kritische Abhandlung von einer umfangreichen Dokumentation der Verbindungen von Journalisten zu Organisationen.

Das Buch von Uwe Krüger hebt sich angenehm von verschwörungstheoretischen Ansätzen ab, die sämtliche Nachrichtenmanipulationen als bewusste Propaganda hinstellen. Vielmehr wird das Augenmerk auf die mangelnde Distanz zwischen Journalismus und Eliten gelegt. Wer sich permanent im elitären Diskurs der Mächtigen bewegt, tendiert dazu, die Objektivität einer kritischen Außenperspektive zu verlieren.

Sven von Storch

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