Nahostkonflikt

Gaza_ Krise ohne Ende

Der Gazakrieg eskaliert. Während die Hamas weiterhin israelisches Territorium mit Raketen beschießt, intensiviert Israel die Bodenoffensive. Es kam zu heftigen Gefechten.

Freie Welt

Die Kämpfe im Gazastreifen gehen weiter. Die Hamas feuert Raketen auf Israel, das  israelische Militär kontert mit Luftschlägen und der Fortsetzung der Bodenoffensive. Seit Beginn der Kämpfe sind bereits mehr als 400 Palästinenser getötet worden. Rund zwei Drittel aller getöteten Palästinenser sind Zivilisten, viele davon Kinder. Zehntausende sind auf der Flucht. Krankenhäuser und Notunterkünfte sind überfüllt. Stromausfälle und Engpässe in der Wasserversorgung verschlimmern die Situation. Auf israelischer Seite sind mindestens 16 Soldaten und 2 Zivilisten ums Leben gekommen. Im ganzen Land werden Reservisten mobilisiert.

Der Sonntag war ein trauriger Höhepunkt der Kämpfe. Allein an diesem Tag sind vermutlich mehr als 90 Palästinenser und 13 Israelis gestorben. So verlauten die Angaben der palästinensischen Behörden und des israelische Militärs. Die Kämpfe konzentrierten sich auf das mittlerweile in Trümmern liegende Gaza-Stadtviertel Shejaiya (Schedschaija). Von dort sollen die meisten Raketen abgefeuert worden sein.

Die internationale Reaktion ist gespalten. In Paris, Berlin, London, New York und vielen anderen Städten haben Tausende gegen die israelische Militäroffensive demonstriert. Die Arabische Liga verurteilte Israels Vorgehen. Es gibt aber auch Solidaritätsbekundungen für Israel. Bundeskanzlerin Merkel betonte Israels Recht auf Selbstverteidigung. Auch US-Präsident Barack Obama zeigt Verständnis für Israels Vorgehen. Doch es gab auch mahnende Worte aus Amerika. Die Verluste unter der palästinensischen Zivilbevölkerung seien zu hoch. Israelische Stellen verweisen immer wieder auf den Umstand, dass die Hamas ihre Waffen inmitten von zivilen Zielen, wie beispielsweise Schulen oder Wohnviertel, verstecken oder stationieren.

Vermittlungsbemühungen verlaufen im Sande. Die vor einer Woche von Ägypten vorgeschlagene Waffenruhe hatte nur paar Stunden angehalten. Die Hamas will Katar als Vermittler eingeschaltet wissen. Katar ist als Unterstützer der Hamas bekannt. Israel bevorzugt weiterhin Ägypten als Verhandlungspartner, schon allein deshalb, weil die wichtigen Schmugglertunnel von Gaza nach Ägypten führen. Ägypten hat seit der Machtübernahme von Abd al-Fatah as-Sisi den Kampf gegen die Schmuggler verstärkt, während die ägyptische Regierung unter Mohammed Mursi zögerlich vorgegangen war. In diesem Kontext ist es wichtig daran zu erinnern, dass auch Mursis Regierung massive finanzielle Unterstützung aus Katar bekam. Dennoch wollen sich Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und der UN-Generalsekretär Ban Ki Moon mit Vertretern der Hamas in Doha, der Hauptstadt Katars, treffen.

Tunnelsysteme im Visier der israelischen Militärs

Hauptgrund für die israelische Bodenoffensive in Gaza sind, neben der Vernichtung der Raketenwerfer, die weit verzweigten Tunnelsysteme. Es gibt hunderte Tunnel, von denen einige mehrere Kilometer lang sein sollen. Sie sind die Lebensadern der Stadt, aber auch die Schlupflöcher für Terroristen. Junge Männer graben sich wochenlang durch Sand und Schotter, stets unter der Lebensgefahr, verschüttet zu werden. Auch Kinder sollen sich an den Tunnelgrabungen beteiligt haben.

Die Tunnel dienen unterschiedlichen Zwecken. Von Gaza nach Ägypten dienen die unterirdischen Gänge als Schmugglerrouten. Gaza ist wirtschaftlich isoliert. Die Tunnel sind oftmals die einzige Möglichkeit, die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Sie sind die Ventile einer auf engstem Raum – 1,7 Millionen Einwohner auf einem 40 Kilometer langen Küstenstreifen – eingezäunten, quasi gefangenen Bevölkerung.

Aus israelischer Perspektive besonders bedenklich sind diese Tunnel nach Ägypten, weil sich von dort auch Waffen nach Gaza schleusen lassen. Außerdem vermutet man, dass auf diese Weise hunderte Kämpfer von Al-Qaida und radikale Salafisten ihren Weg nach Gaza gefunden haben, um dort die ohnehin aufgeheizte anti-israelische Stimmung weiter zu befeuern.

Brennpunkt des Schmuggels ist die Stadt Rafah. Sie ist eine zweigeteilte Stadt im ägyptisch-palästinensischen Grenzgebiet. Die meisten der rund 70.000 Einwohner auf der Gaza-Seite sind palästinensische Flüchtlinge. Die Grenze zu Ägypten ist zum großen Teil von Mauern und Wachtürmen geprägt.

Andere Tunnel verlaufen innerhalb des Gazagebietes. Sie dienen als Verstecke und Rückzugsmöglichkeiten im Falle eines israelischen Luftangriffs oder einer Bodenoffensive. Auch hier, so vermutet man, sind zahlreiche Waffen und Munition versteckt.

Ein dritte Gruppe sind jene Tunnel, die von Gaza ins israelische Gebiet führen. Durch sie konnten palästinensische Kämpfer auf israelisches Territorium gelangen, um dort Anschläge zu verüben. Das soll nun durch Zerstörung der Tunnel unterbunden werden.

Kriegstraumata und demographische Entwicklung als Zeitbombe

Die Menschen in Gaza leben auf eng begrenztem Raum und sind wirtschaftlich auf ausländische Hilfe angewiesen. Der Gaza-Streifen ist ein unfruchtbarer Küstenabschnitt mit viel Sand und wenig fruchtbarer Erde. Ein Großteil der Fläche ist städtisch bebaut.

Auffällig ist das Bevölkerungswachstum. Die Geburtenrate im Gaza-Streifen liegt bei durchschnittlich 4,2 Kindern pro Frau, das Durchschnittsalter bei knapp 18 Jahren. In spätestens zwanzig Jahren wird sich die Bevölkerung verdoppelt haben. Wenn keine wirtschaftliche Öffnung möglich ist oder ein partieller Exodus erfolgt, wird es zwangsläufig zum Kollaps und damit zur Eskalation kommen.

Hinzu kommt die Radikalisierung der Bevölkerung. Fast alle Familien leiden unter den Folgen des jahrelangen Konfliktes. Diese Erfahrungen prägen auch die junge Generation. Die Kinder werden durch die frühe Konfrontation mit Krieg, Vertreibung, Tod, Leid und dem Verlust Angehöriger langfristig traumatisiert. Viele Kinder mussten schreckliche Szenen mit ansehen. Das bleibt nicht ohne Folgen. Der Teufelskreis aus Hass und Rache wird sich schwer brechen lassen, besonders dann nicht, wenn mittlerweile drei Generationen davon geprägt sind.

Sven von Storch

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