Lange wurde darauf gewartet, nun ist es soweit. Der russische Nachrichtensender „Russia Today“, kurz „RT“ genannt, hat seit diesem Monat einen deutschen Ableger. Um es gleich vorwegzunehmen: Es handelt sich noch nicht um einen kompletten Fernsehkanal, sondern lediglich um eine Internetseite mit angeschlossenem YouTube-Channel.
Dennoch haben zahlreiche deutsche Zeitungen und Fernsehsender bereits Alarm geschlagen und einen Popanz aufgebauscht: Putins Propaganda auch auf Deutsch! Als ob es kein Satellitenfernsehen und kein Internet gäbe, in dem sowieso bereits alle Sichtweisen dieser Welt auffindbar und zugänglich sind. Die journalistische Hysterie gegen ausländische oder alternative Nachrichtensender nimmt in der deutschen Medienlandschaft zunehmend groteske Züge an.
Wer oder was ist „Russland Heute“?
Doch worum geht es eigentlich? „Russia Today“ bzw. RT ist ein staatlich finanzierter Fernsehsender. Wer das weiß, dem ist klar, dass es sich um das internationale Sprachrohr Russlands handelt. Na und? RT war als Gegenstück zu anderen international ausstrahlenden Nachrichtensendern gegründet worden, als Pendant zu DW-TV (Deutsche Welle), BBC World (Großbritannien), France 24 (Frankreich), CCTV (China), PressTV (Iran), Al-Jazeera (Katar), Al-Arabiya (Dubai), Euronews und CNN International. Wer hält diese Sender für unabhängig?
Besonders die englischsprachige Version von RT ist international sehr erfolgreich. Wir haben bereits darüber berichtet, wie weltweit immer mehr Fernsehzuschauer auf die englischsprachigen Sender von RT oder Al-Jazeera ausweichen, um andere Sichtweisen auf internationale Krisen und Konflikte kennen zu lernen. Dieses Anhören verschiedener Perspektiven kennen wir aus der Zeit des Kalten Krieges, als man zwischen „Voice of America“ und „Stimme Russlands“ hin- und herschalten konnte, um den rhetorischen Wettstreit der Systeme zu verfolgen.
Besonders im Internet ist die englischsprachige Ausgabe von RT sehr beliebt. Auf YouToube war RT der erste Nachrichtenkanal, der mehr als eine Milliarde Mal angeklickt wurde. Im US-amerikanischen Satellitenfernsehen ist RT bereits der beliebteste Auslandssender nach BBC World.
RT Deutsch – ein Sender in den Kinderschuhen
Und „RT Deutsch“? Man merkt schnell, dass es sich um eine Art Pilotprojekt handelt oder zumindest um einen Sender im Anfangsstadium. Die allermeisten Beiträge sind vom englischsprachigen RT übernommen und ins Deutsche übersetzt worden.
Originär in Berlin gedreht ist dagegen der Rahmen der Sendung „Der fehlende Part“. In einem kleinen, noch improvisiert wirkenden Fernsehstudio moderiert die jungendliche und durchaus attraktive Jasmin Kosubek eine halbstündige Sendung mit einem bunten Mix aus Nachrichten und Meinungen. Die bisher ins Studio geladenen Gäste sind vor allem aus alternativen Internetmedien bekannt – vielleicht, weil sie Ansichten vertreten, die für das deutsche Fernsehen nicht „Mainstream“ genug sind. Oder solche, die sich bereits mit anderen Nachrichtenmedien angelegt haben, wie z.B. Udo Ulfkotte, der sich kritisch mit der Berichterstattung in den Medien auseinandergesetzt hat.
Die Moderatorin und die Reporter von „RT Deutsch“ sind noch jung. Sie wirken unbedarft und unprofessionell, versprechen sich oft, artikulieren sich falsch oder unterbrechen ihre Interviewpartner in ungünstigen Momenten. Selbst bei größtem Verständnis kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie manchmal auch inhaltlich überfordert sind.
Das Ganze wirkt wie ein Déjà-vu mit MTV und VIVA in ihren Anfangsjahren. Nun muss dies kein Malus sein. Gerade auf junge Zuschauer kann dies authentisch wirken. Oft genug hat sich gezeigt, wie Moderatoren und Fernsehjournalisten mit ihrem Fernsehformat wachsen und an Erfahrungen und Professionalität Schritt für Schritt hinzugewinnen.
Dass bereits die ZDF-Heute-Show die RT-Sendung durch den Kakao gezogen hat, Oliver Welke von „Verschwörungstheoretikern“ schwadronierte und Carolin Kebekus in die Rolle der Jasmin Kosubek schlüpfte, um die RT-Moderatorin lächerlich zu machen, ist völlig verfrüht und überzogen. Kabarett, Satire und Karikatur sind wichtige Ventile. Doch diesmal hat man das Gefühl, dass auf RT-Deutsch nach dem Motto eingeschlagen wird: Töte es, bevor es wächst und Eier legt.
Vielleicht reagieren die Mainstream-Medien deshalb so überzogen, weil sie wissen, wie erfolgreich RT in der englischsprachigen Welt ist, und nun einen ähnlichen Erfolg im deutschsprachigen Raum befürchten.
Noch Meilen von der englischsprachigen Version entfernt
Zurzeit liegen noch Meilen zwischen dem Pilotprojekt „RT Deutsch“ und der englischsprachigen Vollversion von RT („RT News“, „RT UK“ und „RT America“). Dort sind Vollprofis am Werk, die eloquent und scharfsinnig mit nahezu allen Themen und Gästen souverän umgehen können.
So beispielsweise Peter Lavelle, der in der Sendung „CrossTalk“ mit seinen Gästen brisante politische Themen debattiert. Oder Max Keiser und Stacy Herbert, die in ihrer Londoner Sendung „Keiser Report“ die Finanzwelt sarkastisch aufs Korn nehmen. Polyglott und eloquent präsentiert sich Sophie Schewardnadse, die Enkelin des einstigen sowjetischen Außenministers, die mit hochrangigen Gästen diskutiert. In den USA ist besonders die RT-Talkshow „The Big Picture“ mit Thom Hartmann beliebt.
Für Aufsehen sorgte Alyona Minkovski, die sich durch ihre hartnäckigen Attacken gegen FOX News und Glenn Beck einen Namen als unerschrockene Moderatorin machte – bis sie von der Huffington Post abgeworben wurde. Schließlich konnte RT sogar die CNN-Legende Larry King als Moderator gewinnen.
Bis zu diesem Format ist es für „RT Deutsch“ noch ein langer Weg. Aber wer weiß, was noch alles zu erwarten ist, wenn „RT Deutsch“ erst einmal als wirklicher Fernsehsender via Satellit oder Kabel ausgestrahlt wird.


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