Der Puls der Zeit wird an Pipelines gemessen. Sie sind die Schlagadern der Weltwirtschaft. Wird der Hahn zugedreht, geht es geradewegs zurück ins Mittelalter. Denn alles, was unser Konsumzeitalter ausmacht, wäre ohne fossile Rohstoffe wie Kohle, Erdgas und Erdöl nicht denkbar. Sie sind die primären Energieträger unserer Zeit. Unsere Abhängigkeit ist existentiell.
Von der Ukraine, Syrien, Iran, Libyen, Afghanistan bis Venezuela: Fast alle politischen Krisen und Stellvertreterkriege des frühen 21. Jahrhunderts stehen im Zusammenhang mit dem Kampf um fossile Ressourcen und deren Handelswege. Während in den Medien das weltweite Ringen um Demokratie und Menschenrechte inszeniert wird, verhandeln in den Hinterzimmern Politiker und Konzerne die geostrategische Positionierung auf dem „Grand Chessboard“, wie es Brzezinski einst formuliert hatte. Die Kontrolle des globalen Öl- und Gashandels ist hierbei von vorrangiger Bedeutung.
Wir leben im Zeitalter der fossilen Rohstoffe
Steinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit, Kohlenwasserstoffzeit – so würden Archäologen der Zukunft unser Zeitalter einordnen. Kohlenwasserstoffe sind insbesondere in den Rohstoffen Kohle, Erdgas und Erdöl gebunden.
Die industrielle Revolution begann mit der Dampfmaschine. Kohle war im 19. Jahrhundert der wichtigste Energieträger. Dann kamen Erdöl und Erdgas hinzu. Neue Endeckungen auf dem Gebiet der Petrochemie haben seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Industrialisierung eine neue Dimension verliehen. Kohlenwasserstoffe sind geradezu ein Zauberstoff, aus dem sich alle möglichen Kunststoffe und Brennstoffe entwickeln lassen. Sie sind die Energie und das Material unseres modernen Lebens.
Kohlenwasserstoffe aus fossilen Rohstoffen umgeben uns im Alltag
Heizöl und Ergas halten uns warm. Schiffsöl, Diesel, Kerosin und Benzin machen uns mobil. Selbst wer aufs Fahrrad umsteigt und Solarenergie nutzt, kann aus der Welt der fossilen Rohstoffe nicht aussteigen. Unser Wohlstand ist allumfassend von ihnen abhängig. Fast alle synthetischen Kunststoffe, Plastik- und Gummivarianten in unserem Alttag sind auf Kohlenwasserstoffbasis hergestellt: Acryl, PVC, HDPE, Polyethylen, Polycarbonat, Polypropylen usw.
Egal ob Kosmetik oder Pharmazie, Spielzeug oder Haushaltsgeräte, Computer oder Handy, Lebensmittelverpackungen oder Druckfarbe, Turnschuhe oder Nylonstrumpfhosen: ein Großteil unserer Alltagskonsumgüter verdanken wir der Petrochemie. Fast die gesamte technologische Entwicklung der letzten hundertfünfzig Jahre wäre ohne sie nicht vorstellbar gewesen. Auch die moderne Landwirtschaft kommt ohne sie nicht aus. Vom Kunstdünger bis zum Nahrungsmitteltransport, überall ist der Verbrauch petrochemischer Produkte involviert. Die Lebensmittelvielfalt im Supermarkt verdanken wir dem Erdöl.
Amerika hat den Dollar auf Gedeih und Verderb mit dem Rohöl verknüpft
Der Goldstandard ist seit 1973 passé. Schon 1971 hatte US-Präsident Nixon die Abkehr von der Goldkoppelung des Dollars angekündigt. Diese Ankündigung ging als Nixon-Schock in die Geschichte ein.
Seitdem ist der Dollar ans Öl gebunden. Es fing mit der OPEC an und wurde schließlich weltweiter Standard. Weil an den Börsen Rohstoffe wie Erdöl und Erdgas in der US-Währung gehandelt werden, bleibt die Dollarnachfrage auf hohem Niveau. Daher kann die „Federal Reserve“ (FED) größere Mengen an Dollarnoten in den Geldumlauf bringen, ohne dass die Inflation außer Kontrolle gerät. Verständlich, dass es Washington ungern sieht, wenn „Schurkenstaaten“ gegen den Petrodollar rebellieren.
Libyens Angriff auf den Petrodollar: Gaddafis Gold-Dinar
Libyen hatte über Jahre Goldreserven angehäuft, um eine neue Währung auf Goldstandardbasis zu schaffen: den Gold-Dinar. 2011 hatte Muammar al-Gaddafi angekündigt, Libyens Rohöl nur noch gegen diese Währung zu verkaufen. Dann hatte er die Erdölexportländer Afrikas und der islamischen Welt dazu aufgerufen, ihm zu folgen. „Gold for Oil“, war die Devise. Sein weiteres Schicksal ist bekannt.
Saddam Husseins Abkehr vom Petrodollar
Saddam Hussein hatte 2000 angekündigt, irakisches Rohöl nicht mehr in Dollar, sondern gegen Euro zu verkaufen. Dass diese Ankündigung den Amerikanern nicht gefiel, war offensichtlich.
Dick Cheney, von 1995 bis 2000 Aufsichtsratsvorsitzender und CEO des US-Energiekonzerns Halliburton, hatte andere Pläne mit dem Irak. Unter Cheneys Zeit als CEO hatte Halliburton bereits Geschäfte mit Irak und Afghanistan gemacht. Im Geiste der neokonservativen Denkfabrik „Project for the New American Century (PNAC)“ und der „National Energy Policy Development Group (NEPDG)“ hatten die Washingtoner Falken ihr geostrategisches Schachspiel längst auf den Kampf ums mittelöstliche Rohöl fokussiert.
Dann fiel ihnen 9/11 in den Schoß. Noch im selben Jahr begann die militärische Intervention in Afghanistan. 2003 folgte der Irakkrieg. Der angebliche Kriegsgrund, Irak hätte Massenvernichtungswaffen, erwies sich als Lüge. Der irakische Erölexport wurde unmittelbar nach Besetzung der Ölfelder wieder in Petrodollar durchgeführt.
Iran und der Petrodollar
Der Iran verfügt über gigantische Erdgasfelder und über die zweitgrößten Erdölreserven der Welt. Seit 2003 macht der Iran zunehmend Anstalten, sich vom Petrodollar abzuwenden und sein Erdöl in anderen Währungen zu handeln.
Der Iran ist zu groß, um militärisch zu intervenieren. Aber er ist von US- und NATO-Truppen umzingelt. Die Sorge der USA ist Irans Atomprogramm. Ein nuklear bewaffneter Iran wäre unangreifbar und unkontrollierbar wie Nordkorea. Die Abnehmer iranischen Erdöls sind Staaten wie Südkorea, Japan und China.
China und Russland
Die russische Erdölindustrie hat lukrative Verträge mit China abgeschlossen. Das Reich der Mitte braucht Russlands Ressourcen. Dank neuer Pipelines in Zentralasien kann Russland riesige Mengen an Erdöl und Erdgas, die ursprünglich für den europäischen Markt bestimmt waren, nach China umleiten. China überholt gerade die USA in der Rolle des größten Erdölimporteurs und wird somit zum wichtigsten Handelspartner vieler Erdölexportländer.
Die westlichen Reaktionen auf die Ukraine-Krise verstärken Russlands Orientierung an den chinesischen Markt. Im Rahmen der „Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ)“ wird nicht nur die wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit beider Staaten intensiviert, sondern auch militärisch kooperiert. Iran hat bei der SOZ Beobachterstatus.
Die chinesische Börse „Shanghai Futures Exchange“ hat derweil angekündigt, den Handel mit Erdöl-Terminkontrakten (Futures) nur noch in der Landeswährung Yuán Rénmínbì abzuwickeln. Schon 2012 hatte China erklärt, dass alle Börsen des Landes sich darauf eingestellt haben, Erdöl in auch chinesischer Währung zu handeln und nicht nur in US-Dollar. Auch Russland will den Ölhandel vom Dollar auf Rubel umstellen.
Nordamerika strebt nach „Energy Independence“
In Kanada und den USA wird derzeit alles daran gesetzt, Nordamerika von Erdöl- und Erdgasimporten unabhängig zu machen und selbst Exporteur zu werden. Deshalb werden verstärkt die Ölvorkommen in Sanden und Schiefer abgebaut und Fracking (Hydraulic Fracturing) betrieben. Selbstverständlich werden diese Vorkommen in US-Dollar gehandelt.
Doch reichen diese Ambitionen nicht aus, um langfristig den Petrodollar zu sichern. Weiterhin werden amerikanische Energiekonzerne versuchen, weltweit Schürfrechte zu sichern und Absatzmärkte zu binden. Jüngster Schachzug ist das Bemühen verschiedener US-Energie-Unternehmen, in Polen und der Ukraine Erdöl und Erdgas mittels Fracking fördern zu dürfen, um somit den europäischen Energiemarkt stärker von Russland loszulösen und heim ins Petrodollarimperium zu holen. Auch die deutsche Bundesregierung hat angekündigt, sich energiepolitisch neu zu orientieren.


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