Um es gleich vorwegzunehmen: Es geht nicht um Kritik an Israels Außenpolitik. Es geht um eine umfassendere Entwicklung, bei der antijüdische Ressentiments in breiteren Bevölkerungsschichten wieder salonfähig werden. Besonders alarmierend ist hierbei die Entwicklung bei Europäern und Migranten mit islamischem Hintergrund.
»Antisemitismus und Islamismus unter Jugendlichen« war am vergangenen Freitag Thema eines Doppel-Vortrags mit anschließender Podiumsdiskussion in der Berliner Humboldt-Universität. Geladen hatte das Mideast Freedom Forum Berlin.
Vortragender war zum einen Dr. Günther Jikeli, Fellow am französischen Centre National de la Recherche Scientifique und am Moses-Mendelsohn-Zentrum der Universität Potsdam. Jikeli war 2013 mit dem Raoul Wallenberg Prize in Human Rights and Holocaust Studies ausgezeichnet worden und fungierte 2011 und 2012 als Berater der OSZE zur Bekämpfung von Antisemitismus.
Der andere Vortragende war Ahmad Mansour von der European Foundation for Democracy. Mansour ist Gruppenleiter des HEROES-Projektes in Berlin und Mitglied der deutschen Islamkonferenz. Dieses Jahr erhielt Mansour den Moses-Mendelsohn-Preis des Berliner Senats. Herr Mansour ist muslimischer Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft.
Wie lassen sich die aktuellen Tendenzen einordnen?
Antisemitismus, Antizionismus, Antiisraelismus und Antijudaismus sind allesamt schwammige Begriffe. Araber sind auch Semiten, nicht alle Israelis sind Juden, und nicht alle Juden sind Israelis. Wenn hier von Antisemitismus die Rede ist, so sind damit Entwicklungen gemeint, bei denen die Ablehnung von Menschen jüdischen Hintergrundes sich in einer unterschwelligen Ebene der Vorurteile, Ressentiments und teils unreflektierten oder irrationalen Feindschaft oder Phobie manifestiert.
Dabei verwischen sich antisemitische Vorurteile oftmals mit Verschwörungstheorien, wie etwa im rechtsnationalistischen Spektrum die Verschwörungstheorie, dass die Juden die Nationalstaaten zersetzen würden, oder im linken politischen Spektrum, dass die Juden verantwortlich für den Weltkapitalismus und Imperialismus seien. Nach einer Studie des Innenministeriums werden bis zu 20 Prozent der deutschen Bevölkerung als latent antisemitisch eingeschätzt.
Umfragen belegen jedoch, dass in Europa der wachsende Antisemitismus besonders stark in islamischen Milieus beziehungsweise bei Menschen mit Migrationshintergrund aus islamischen Ländern verbreitet ist. In Großbritannien sind dies meist Muslime aus Pakistan, Bangladesh und Indien, in Frankreich größtenteils Muslime aus dem Maghreb, also aus Ländern wie Marokko, Algerien und Tunesien, und in Deutschland hauptsächlich Muslime aus der Türkei, aber auch aus arabischen Ländern.
Gerade in Frankreich und Großbritannien lässt sich eine überproportionale Entwicklung von Gewaltakten gegenüber Juden verzeichnen. Mit Besorgnis wird registriert, dass die Solidarität der französischen Bevölkerung mit betroffenen jüdischen Gemeinden tendenziell abnimmt.
Antisemitismus in islamischen Milieus
Anhand von Umfragen und Statistiken erklärte Jikeli die gesellschaftliche Einbettung des Antisemitismus insbesondere unter Muslimen in Europa aber auch in den islamischen Staaten.
Innerhalb der EU leben rund 15 bis 20 Millionen Muslime. In den meisten europäischen Ländern sind sie als Migrationsgruppen sozial benachteiligt. Das betrifft die Wohnverhältnisse, die berufliche Integration, die Bildungs- und Ausbildungssituation.
Antisemitismus unter Jugendlichen in Deutschland
Nach Jikeli hat der Antisemitismus unter Jugendlichen besonders irrationale Züge angenommen. Die Ressentiments seien kaum rational begründbar. Jedenfalls sei er nicht allein auf Auswirkungen des Nahostkonfliktes reduzierbar, auch wenn dieser stark emotionalisierend wirke.
Vielmehr sei es eine Mischung aus unterschiedlichen Einflussfaktoren, die den Nährboden für ein antisemitisches Grunddenken bereiten. Dazu gehören der familiäre Einfluss, die ethnische Identität, verschiedene Medien, antijüdische Verschwörungstheorien sowie vor allem spezielle Auslegungen des islamischen Glaubens und der Einfluss bestimmter islamisch-fundamentalistischer Organisationen.
Auf den deutschen Schulhöfen sei es mittlerweile besonders unter türkischen und arabischen Schülern gebräuchlich geworden, das Wort »Jude« als Schimpfwort zu benutzen. Das Adjektiv »jüdisch« habe mittlerweile eine allgemeine negative Bedeutung erlangt. Ein Stift, der nicht schreibt, ein Handy, das nicht funktioniert, würde zunehmend als »jüdisch« bezeichnet werden. Dass der Begriff »Jude« negativ konnotiert werde, sei in bestimmten muslimischen Jugendmilieus »Common Sense« geworden.
Identitätsprobleme und Orientierungslosigkeit
Ahmad Mansour beschäftigt sich vor Ort mit Jugendlichen in Berlin. Seiner Erfahrung nach sind die meisten Jugendlichen über die wirklichen Verhältnisse im Nahen Osten schlecht informiert. Jedenfalls seien bei den meisten Jugendlichen andere Gründe für ihre Ressentiments und Vorurteile vorrangig als Kritik an der Nahostpolitik.
In der individualistischen, westlichen Gesellschaft würden insbesondere Jugendliche mit Migrationshintergrund ein stärkeres Bedürfnis nach Identität und Orientierung äußern. Schuld sei unter anderem eine mangelnde Integration in die deutsche Gesellschaft. Stattdessen suchen sich die Jugendlichen alternative Ideale und Orientierungen. Da sie weder in der Moschee ihrer Eltern noch in der deutschen Gesellschaft die Antworten auf ihre Fragen finden, suchen sie verstärkt im Internet und in alternativen sozialen Netzwerken. Dort werden die Jugendlichen leichte Opfer radikaler Fundamentalisten.
Mansour verweist auf den starken Glauben an das Konzept von Himmel und Hölle im Islam, so wie es einstmals auch im Christentum verankert war. Gegenübergestellt werden die Hoffnungen auf das Paradies mit den Ängsten vor der Hölle. Radikale muslimische Gruppen, die darauf aus seien, Kämpfer für den Dschihad, den »Heiligen Krieg« zu rekrutieren, spielen geschickt mit diesen Hoffnungen und Ängsten.
Je weniger aufgeklärt und je orientierungsloser die Jugendlichen seien, desto anfälliger seien sie für radikale Rhetorik und absurde Verschwörungstheorien. Im schlimmsten Fall lassen sich diese Jugendlichen für den Dschihad gewinnen und ziehen nach Syrien oder in den Irak, um sich den radikalen Kämpfern des IS oder Al-Qaida anzuschließen.
Mansour beklagt, dass der Aufklärungsunterricht zum Thema Antisemitismus und Holocaust in Deutschland primär an deutsche Kinder gerichtet sei. Muslimische Kinder mit Migrationshintergrund würden sich nicht angesprochen fühlen und würden auch nicht in den Aufklärungsunterricht adäquat einbezogen werden. Das sei ein fataler Fehler.
Um dem wachsenden Antisemitismus in Deutschland entgegenzuwirken, braucht man mehr interkulturelle Kommunikation, Aufklärung, Sozialarbeit, Jugendarbeit und höhere Sensibilität in den Medien. Wenn sich Juden, Christen und Muslime häufiger begegnen und miteinander offen diskutieren würden, könnten sich viele Vorurteile von selbst auflösen.


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