Ist der Abgesang auf die Weltleitwährung verfrüht?

Kippt die Weltherrschaft des Dollars_

Der US-Dollar verliert spürbar an Wert. Analysten sprechen von Vertrauensverlust und warnen vor einem Ende der Dollar-Dominanz. Doch sind diese Warnungen gerechtfertigt – oder wiederholen sich hier bloß alte Mythen?

Es sind turbulente Zeiten an den Devisenmärkten: Der US-Dollar-Index, der die Leitwährung gegenüber einem Währungskorb misst, fiel auf den tiefsten Stand seit fünf Monaten. Seit Donald Trump im Januar sein Amt antrat, verlor der Dollar bereits fünf Prozent – ein historischer Einbruch für eine Währung, die jahrzehntelang als Fels in der Brandung galt. Wie Business Insider berichtet, nährt dieser Absturz Spekulationen, der »King Dollar« sei im Begriff, seinen Thron zu verlieren – nicht nur als vermeintlicher sicherer Hafen in Krisenzeiten, sondern auch als globale Reservewährung.

Experten wie Thierry Wizman von Macquarie sehen in Trumps Politik – besonders den wirtschaftlichen Drohgebärden, Handelszöllen und außenpolitischen Alleingängen – die Hauptursache für den Vertrauensverlust. Noch deutlicher formulierten es Steven Kamin und Mark Sobel, zwei ehemalige US-Finanzbeamte: Die Welt stelle »offen die Frage, ob die USA noch ein verlässlicher Partner« seien.

Doch wie realistisch ist das Ende der Dollar-Vorherrschaft tatsächlich?

Die These vom bevorstehenden Ende des Dollar-Zeitalters hat eine lange Tradition – und wurde bisher stets widerlegt. Bereits in den 1970ern sah man den Greenback nach dem Ende von Bretton Woods im freien Fall, später waren es Japans Aufstieg, die Euro-Einführung, die Weltfinanzkrise und zuletzt China, die als Totengräber des Dollars gehandelt wurden. Nichts davon hat sich bewahrheitet. Wie der renommierte Wirtschaftsjournalist Paul Blustein in seinem Buch King Dollar darlegt, ist die Dominanz des Dollars kein Zufall, sondern das Ergebnis tiefer struktureller Vorteile: die Größe und Liquidität der US-Finanzmärkte, das Vertrauen in die Rechtsstaatlichkeit sowie die schiere Gewohnheit globaler Marktteilnehmer.

Zudem ist das oft beschworene »De-Dollarisieren« ein Märchen mit wenig Substanz. Weder der Euro noch der chinesische Renminbi sind ernsthafte Alternativen. Europa fehlt eine einheitliche Fiskalpolitik und ein Pendant zum US-Schatzmarkt; China wiederum schreckt Investoren durch Kapitalverkehrskontrollen und autoritäre Willkür.

Was sich allerdings verändert, ist die politische Wahrnehmung: Trumps Einsatz des Dollars als Waffe – etwa durch Sanktionen und die Drohung, Länder mit 100-Prozent-Zöllen zu belegen, sollten sie sich vom Dollar abwenden – untergräbt die neutrale Rolle der Währung im Welthandel. Auch wenn die technischen Grundlagen der Dollar-Dominanz bestehen bleiben, könnte ein übermäßiger Einsatz wirtschaftlicher Zwangsmittel langfristig Verbündete abschrecken.

Nomura-Analysten warnen bereits: Sollte die US-Wirtschaft in eine Rezession rutschen, könnten ausländische Investoren amerikanische Anlagen meiden – eine Entwicklung, die einst undenkbar schien, nun aber denkbar wird.

Noch ist der Dollar unangefochten – aber das Vertrauen schwindet. Sollte die politische Instrumentalisierung der Weltwährung zunehmen, könnte sich aus den bekannten Anzeichen irgendwann doch Realität formen. Nicht weil andere Währungen besser wären, sondern weil Amerika seine Macht durch innenpolitische Zerrüttung und außenpolitische Selbstüberschätzung verspielt.

Die Weltherrschaft des Dollars ist nicht gottgegeben – sie ist Amerikas Verantwortung. Und sie kann verspielt werden.

 

Sven von Storch

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