Von Dr. Christian Machek*
»Wenn die Bundesregierung Deutschland einen fundamentalen Richtungswandel in Richtung rot-grün vollziehen würde, dann wäre unsere Arbeit der letzten 40 Jahre umsonst gewesen. Das Leben der zukünftigen Generationen würde auf dem Spiele stehen. (…) Wir stehen doch vor der Entscheidung: bleiben wir auf dem Boden (…) bürgerlicher Vernunft und ihrer Tugenden oder steigen wir in das buntgeschmückte Narrenschiff Utopia ein, indem dann ein Grüner und zwei Rote die Rolle der Faschingskommandanten übernehmen würden«, sprach Franz Josef Strauss warnend und fast schon prophetisch im Jahre 1986.
Nun sind heute diese vermeintlichen Utopisten an der Macht und versuchen eine der besten Welten überhaupt zu schaffen – sie retten das Weltklima mit entsprechender Energiepolitik, bereiten uns darauf vor für die Ukraine zu frieren ohne eine Friedensperspektive zu präsentieren, verteidigen die Rechte von Minderheiten, erlauben Werbung für Abtreibungen, bekämpfen weiterhin heldenhaft den imaginierten »Faschismus« und führen überhaupt als gute »Europäer« den Fortschritt in Richtung einer neuen globalen Weltordnung – wer wäre nicht für diese hohe Moral? Diesen real existierenden Vorstellung halten Stimmen entgegen, dass etwas im Staate faul ist, wie Henryk Broder vor kurzem äußerte: »Deutschland lebt nicht in der Wirklichkeit«.
Doch was hilft die Wirklichkeit von der Utopie zu unterscheiden? Die Lektüre der Analysen scharfsinniger Denker wie Thomas Molnar (1921–2010), einem ungarisch-katholischen Philosophen, der eine konservative Kritik linker Ideologien vornahm, die ihresgleichen sucht. Dieser unbekannte und vergessene Thomas Molnar wurde in jüngsten Sammelband »Einer der nicht nach Utopia wollte«, herausgegeben von Jan Bentz und Jochen Prinz, neu vorgestellt. In acht Essays wird das reichhaltige Werk Molnar vorgestellt, der sich mit den politischen Entwicklungen zugrunde liegenden ideologischen Grundströmungen auseinandersetzt, denen laut Molnar die meisten westlichen Intellektuellen verfallen sind. Seine Analyse ist so aktuell wie nie, befanden sie sich doch in Konfrontation mit Theorien und Ideen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, deren Saat heute fast vollends in unseren Breiten aufgegangen ist. Sie ermöglicht dem Leser daher einen neuen geschärften Blick auf die derzeitige politische und gesellschaftspolitische Gegenwartslage.
Der wahre Intellektuelle, so Molnar, darf sich nie einer Ideologie verfallen, die ein „intellektuelles System ist, das auf einer Idee basiert, deren Exklusivität und Überlegenheit über alle anderen Ideen behauptet werden”. Ein wirkmächtiges Beispiel hierfür ist der Marxismus, der die Philosophie zugunsten praktischer Fragen aufheben will. Ähnlich und in Verwandtschaft zum Marxisten erhebt der Progressist den Fortschritt zum universalen Ziel, der niemals hinterfragt werden darf, denn damit würde man die Verbesserung der Menschheit gefährden. Die Überwindung der Autorität und das Erreichen eines erlösenden Egalitarismus bilden das Ziel von Utopia, das aber unerreichbar bleiben muss. Beide genannten ideologischen Vorstellung sind gerade deswegen utopisch, weil sie von einem falschen Verständnis der Menschen ausgehen, in einem naiven Humanismus unrealistisch die Schwäche und die Sünde des Menschen oder einfach Ansprüche einer recht verstandenen Gerechtigkeit nicht sehen wollen, so Molnar: »Missverständnisse über die menschliche Natur führen zwangsläufig zu Missverständnissen über das Schicksal und die Ziele des Menschen.«
Dass es das oft beschworene Ende der Ära der Ideologen nicht gibt und die soeben beschriebenen ideologische Verfallenheit kein Sache der Vergangenheit ist, sondern hochaktuell, davon gibt einer der aktuell weltweit populärsten Intellektuellen Zeugnis ab, nämlich der Historiker Yuval Harari. Dieser offenbart in seinen Bestseller-Werken wie Homo Deus: A Brief History of Tomorrow die Idee einer materialistischen »Progressionismus«, der einst Kernbegriff des ursprünglichen Liberalismus war, der jede göttliche Transzendenz verneint und somit den geistigen Ursprung des Menschen und Gott als Quelle der Welt leugnen. Das heißt, dass Harari als materialischter Evolutionist eine objetive »wissenschafliche« Realität anerkennen will, er die Existenz von Wahrheit und objektiven Werten jedoch offen ablehnt. Gesellschaftliche Werte nennt er Fiktionen oder Erfindungen, entsprechend seien die Menschenwürde und Menschenrechte »eine Geschichte, die wir konstruierte haben«. Diesen Vorstellungen entsprechend soll es in Zukunft im Transhumanismus zu einer bizarren und dystopischen Verschmelzung von Mensch und Maschine kommen.
Molnar betonte, dass in der so genannten »Moderne« Grundprinzipien des Seins auf das bloß rein Quantifizierbare reduziert werden sowie auch das Leben immer angenehmer machen will. Seine Antwort: Die Vernunft, die die Wirklichkeit vernehmen will, kann sich nicht auf ihre eigenen Prinzipien stützen, ohne auch sich selbst in Frage zu stellen; Rationaliltät kann nicht duch Rationalität erklärt werden; die Welt und der Mensch können auch nicht aus sich selbst verstanden werden. Die Vernunft sollte einer äußeren, vom Menschen unabhängigen Autorität, der Offenbarung unterworfen sein. Wenn dies nicht geschieht, wird »Normalität unmöglich« und die absurde Utopien werden das menschlichen Denken durchdringen. Die Folge ist ein »Seinshass« und ein »Hang zum Nichts«. Es zeigt sich entsprechend wieder, dass alle politische Probleme im Kern theologische sind und auf Irrlehren zurückgehen. Der ideologische Versuch der Umgestaltung der Wirklichkeit verkehrt alle wichtigen christlichen Grundannahmen wie jener nach Erlösung um – es kommt dabei zu einer »Immantisierung des Eschaton« (Eric Voegelin).
Das Œuvre Molnars mit über 40 Buchveröffentlichungen und 1500 Aufsätzen wartet zu seinem 100. Geburtstag darauf entdeckt zu werden. Wer es sich ein wenig einfacher machen will, möge zu jener jüngsten Veröffentlichung von Jan Bentz und Jochen Prinz greifen, die einen sehr gute Überblick über sein Werk in verschiedenen Facetten liefert – nicht anspruchslos, aber lohnend. Der Leser möge, was der Beginn der Philosophie ist, ins Staunen versetzen werden und es mögen ihm somit neue Zugänge zum Wahren, Schönen und Guten (Platon) freisetzen werden. Damit möge sich ihm ein neues, tieferen und ursprüngliches Verständnis von Philosophie und insbesondere politischer Philosophie und somit dem der politischen Auseinandersetzung zugrundenliegenden „Kampf der Ideen” (Hegel) erschließen. Eine authentische Philosophie ist, worauf Molnars gleichgesinnter Freund, Eric Voegelin in der Tradition Platons und dessen Auseinandersetzung mit den Sophismus stehend Hinweis, immer Widerstand gegen die Korrumpierung der Seele, die von Gesellschaft und somit der in ihr heute dominanten ideologischen Verirrungen droht. Das Denken Molnar wäre ein heilsames Gegengift und Warnung in das Narrenschiff Utopia nicht einzusteigen.
Buchempfehlung: Einer, der nicht nach Utopia wollte – Thomas Molnar zum 100. Geburtstag
Hrsg. Jan Bentz und Jochen Prinz
Patrimonium Verlag, 162 Seiten, Paperback
ISBN : 978-3-86417-193-2
*Dr. Christian Machek, Studium der Politikwissenschaft, Philosophie und Religionspädagogik in Wien, Heiligenkreuz und Jerusalem. Tätigkeit als Religionslehrer und Dozent für politische Philosophie. Diverse Veröffentlichungen zu Fragen der abendländischen Philosophie, der christlichen Soziallehre und der Naturrechtslehre.


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