Wie der Marxismus zur ökologischen Utopie stilisiert wird

Der Mythos eines grünen Karl Marx

Die jüngsten Versuche, Karl Marx als Vordenker einer ökologischen und wachstumsfeindlichen Zukunft darzustellen, entblößen eine radikale Umdeutung seiner Ideen.

In den letzten Jahren hat sich das Konzept des »Degrowth« zu einer bedeutenden Strömung innerhalb der Umweltbewegung entwickelt. Degrowth-Vertreter kritisieren die kapitalistische Wachstumsfixierung als Hauptursache für ökologische und soziale Krisen und propagieren eine Wirtschaft, die nicht auf ständiger Expansion beruht. Die jüngste Welle solcher Argumente, wie sie in Kohei Saitos Bestseller »Marx im Anthropozän: Auf dem Weg zur Idee des Degrowth-Kommunismus« (2023) zu finden sind, beschleunigt die Vorstellung eines »stationären, ökologisch unbedenklichen kommunistischen« Systems.

Saito und andere Degrowth-Befürworter argumentieren, dass der Kapitalismus in eine »chronische Krise« geraten sei und nur eine fundamentale Umgestaltung der Gesellschaft zur Rettung führen könne. Im Kern zielen diese Argumente nicht nur auf das Wirtschaftswachstum ab, sondern lehnen in vielerlei Hinsicht die moderne Zivilisation insgesamt ab. Das »moderne Wachstumsparadigma« wird als eine Fortsetzung des Kolonialismus und des frühen Kapitalismus betrachtet, und die daraus resultierenden sozialen und materiellen Prozesse werden als systematisch destruktiv angesehen. Degrowth-Denker kritisieren insbesondere die Aufklärung und ihre Verherrlichung der »wissenschaftlichen Vernunft«, die sie als Ursprung der menschlichen Dominanz über die Natur betrachten.

Die Wurzeln des Degrowth-Denkens lassen sich bis in die 1970er Jahre zurückverfolgen, als die ungebremste Expansion der westlichen Volkswirtschaften durch eine lange Depression in Frage gestellt wurde. Während des wirtschaftlichen Booms nach dem Zweiten Weltkrieg hatte der Kapitalismus sein Wachstum als Rechtfertigung für Wohlstand und Fortschritt verwendet. Doch mit dem Ende des Booms kam die Kritik an der Wachstumsideologie auf. Autoren wie Fred Hirsch in »The Social Limits to Growth« (1977) argumentierten, dass »der Prozess des Wachstums selbst die Spannungen erzeugte, die ihn zerstörten«.

Die politische Linke begann in den 1970er und 1980er Jahren, die Idee des Degrowth zunehmend zu übernehmen. Wo früher wirtschaftliches Wachstum als Mittel zur Verbesserung der Lebensstandards der Arbeiter galt, wurde nun das Wachstum selbst als Quelle von Ungleichheit und Umweltschäden angeprangert. Der Degrowth-Begriff entstand aus dieser Kritik heraus, wobei viele seiner Befürworter die Ansicht vertreten, dass ein Ende des Wachstums zu einer Welt »jenseits des Kapitalismus« führen würde.

Doch besonders interessant ist die Behauptung, dass Karl Marx selbst bereits ein Umweltaktivist und Befürworter des Degrowth gewesen sei. Führende Marxisten wie Paul Burkett und John Bellamy Foster haben Marx’ ökologische Kritik am Kapitalismus »wiederentdeckt« und sie in Werken wie »Marx und die Natur« (1999) und »Marx’ Ökologie: Materialismus und Natur« (2000) ausführlich behandelt. Kohei Saito geht in »Marx im Anthropozän« sogar so weit zu behaupten, Marx sei ein »Degrowth-Kommunist« gewesen – jemand, der für eine »Post-Skarsitäts-Gesellschaft ohne wirtschaftliches Wachstum« plädiert habe.

Saito stützt seine Argumente auf Marx’ Notizen aus den Jahren nach 1868, die er als Beleg für Marx’ ökologische Vision des Post-Kapitalismus interpretiert. Laut Saito beschäftigte sich Marx in diesen Notizen intensiv mit Fragen der Nachhaltigkeit und betrachtete nicht-kapitalistische sowie vorkapitalistische Gesellschaften als nachhaltig, weil sie nicht wachstumsorientiert waren. Diese Interpretation stößt jedoch auf mehrere Probleme.

Zum einen ist die Interpretation von Marx’ Notizen als Beweis für eine »degrowth-kommunistische« Vision problematisch. Notizen sind oft unvollständig und nicht als Endfassung von Ideen gedacht. Der Inhalt der Notizen kann sich erheblich von dem unterscheiden, was Marx tatsächlich vertrat, da Notizen oft Gedanken festhalten, die später in einem anderen Kontext überarbeitet oder verworfen wurden. Marx’ vollendete Werke, insbesondere »Das Kapital«, legen dar, dass Marx den Kapitalismus für seine Entwicklung der produktiven Kräfte lobte – ein Gegensatz zu der Vorstellung, dass er gegen jede Form von wirtschaftlicher Entwicklung war.

Ein weiteres Problem liegt in der Behauptung, Marx’ ökologische Überlegungen seien durch seine »Theorien« von »Stoffwechsel« und »Stoffwechsel-Riss« motiviert gewesen. Der »Stoffwechsel-Riss« soll die Trennung zwischen Mensch und Natur durch die Klassengesellschaft und den Kapitalismus beschreiben. Saito argumentiert, dass diese Aspekte von Marx’ Denken von späteren Marxisten unterdrückt und erst Ende des 20. Jahrhunderts von Autoren wie Burkett und Foster wiederentdeckt wurden. Allerdings reicht die bloße Verwendung des Begriffs »Stoffwechsel« nicht aus, um Marx als Umweltaktivisten zu klassifizieren. Marx verwendet diesen Begriff nicht nur im Kontext von Mensch-Natur-Interaktionen, sondern auch in einem breiteren ökonomischen und sozialen Sinne, der die Material- und Warenströme innerhalb der kapitalistischen Wirtschaft beschreibt.

In der Tat, wenn Marx über die »Störung des Stoffwechsels zwischen Mensch und Erde« durch die kapitalistische Produktion sprach, bezog er sich auf die Auswirkungen der Industrialisierung auf die Landwirtschaft und die Umwelt. Dies deutet eher auf eine spezifische Kritik an der kapitalistischen Landwirtschaft hin, nicht auf eine umfassende Ablehnung aller weiteren wirtschaftlichen Entwicklung. Die Behauptung, Marx sei ein »degrowth« Ökologe gewesen, basiert also auf einer Fehlinterpretation seiner Notizen und Schriften.

Letztlich zeigt die Debatte um Marx’ angebliche ökologische Vision, wie die Umdeutung historischer Figuren und Ideen dazu dient, aktuelle politische und ideologische Agenden zu fördern. Marx selbst mag viele Einsichten zu den Widersprüchen des Kapitalismus gehabt haben, aber die Vorstellung, dass er ein Verfechter des Degrowth oder der ökologischen Utopie war, ist eine Konstruktion der heutigen Zeit, die seine komplexen und oft widersprüchlichen Gedanken auf einfache und ideologisch motivierte Narrative reduziert.

Weitere Informationen finden Sie in Phil Mullans Artikel auf Spiked Online: Der Mythos eines grünen Karl Marx.

Sven von Storch

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