In der Wüste Gobi

China elektrisiert mit Thorium_ Die stille Atom-Revolution

Während der Westen zögert, baut China die erste einsatzfähige Thorium-Anlage – eine Revolution in der Atomenergie, die das geopolitische Gleichgewicht erschüttern könnte.

China hat geschafft, woran der Westen sich jahrzehntelang die Zähne ausbiss: In der Gobi-Wüste läuft ein betriebsbereiter Thorium-Molten-Salt-Reaktor – die weltweit erste ihrer Art. Die staatlich kontrollierten Medien sprechen von einem historischen Meilenstein, und sie haben recht: Das 2-Megawatt-Experiment könnte der Anfang vom Ende der klassischen Uranwirtschaft sein. Das berichtet OilPrice.

Der Reaktor verwendet flüssiges Salz als Kühlmittel und Thorium als Brennstoff – ein Element, das doppelt so häufig wie Uran ist, inhärent sicherer und kaum zur Waffenproduktion tauglich. Schon in den 1960er Jahren experimentierten US-Forscher mit der Technik, bevor sie aus politischen Gründen aufgegeben wurde. Ihre Forschungsdokumente waren öffentlich – China hat sie nun systematisch ausgewertet und weiterentwickelt.

»Die USA haben das Wissen hinterlassen, wir haben es genutzt«, sagt Projektleiter Xu Hongjie. »Manchmal schläft der Hase, und dann kommt die Schildkröte zum Ziel.«

Die Vorteile der Thorium-Technologie lesen sich wie ein energiepolitischer Wunschzettel: Geringere Abfälle, keine Kernschmelze, Wiederverwertung von Altplutonium, längere Brenndauer. Der Reaktor erzeugt ein Minimum an langlebigem Müll – ein massiver Vorteil angesichts der ungelösten Endlagerproblematik weltweit.

Doch Chinas Ambitionen enden nicht bei diesem Prototyp. Bis 2030 soll ein zehnmal größerer Thorium-Reaktor ans Netz gehen. Damit nimmt Peking einen festen Platz an der Spitze der atomaren Renaissance ein – eine Renaissance, die durch die Energiekrise nach dem Ukrainekrieg an Fahrt aufgenommen hat.

Währenddessen arbeitet auch der Westen – insbesondere die USA – an thoriumbasierten Reaktorkonzepten. Das Projekt ANEEL, eine Partnerschaft zwischen dem DOE, Texas A&M, dem INL und dem Unternehmen Clean Core Thorium Energy, setzt auf eine Kombination von Thorium mit niedrig angereichertem Uran (HALEU). Doch noch ist man dort nicht über das Versuchsstadium hinaus.

Was China vorgemacht hat, ist ein geopolitisches Statement: Technologischer Vorsprung ist nicht länger an den Westen gebunden. Die Konsequenzen betreffen nicht nur die Energieversorgung – sondern auch militärische Strategien, globale Allianzen und Rohstoffmärkte. Denn Thorium ist nicht nur sicherer – es ist auch strategisch weniger kontrolliert als Uran.

Die Ironie der Geschichte: Der Westen hat die Technologie entwickelt – aber China hat sie realisiert. Während Europa über grüne Etiketten für Atomkraft debattiert und Deutschland lieber Kohlekraftwerke reaktiviert, baut China an der Energie der Zukunft – leise, aber entschlossen.

Der Westen täte gut daran, nicht nur auf Subventionen und Sonntagsreden zu setzen, sondern auf Forschung, Mut und strategische Weitsicht. Sonst bleibt die Rolle des Hasen, der schläft – während die Schildkröte davongezogen ist.

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Sven von Storch

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