Besonders brisant ist die Rolle von Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin. Laut Viganò sei Parolin über alle Vorgänge umfassend informiert gewesen – und habe sich trotzdem geweigert, die Missstände außergerichtlich wiedergutzumachen. Schlimmer noch: Parolin sei durch den ehemaligen Großmeister der Freimaurerloge »Großer Orient von Italien«, Giuliano Di Bernardo, »maßgeblich gestützt« worden. Die Nähe eines vatikanischen Spitzenfunktionärs zu einem Vertreter der Freimaurerei dürfte für gläubige Katholiken eine rote Linie markieren.
»Es handelt sich um eine unrechtmäßige Aneignung von hochkarätigen Vermögenswerten, die für karitative Zwecke bestimmt waren«, erklärte Viganò. »Ich habe es als meine Pflicht erachtet, den Rechtsweg zu beschreiten, nachdem Kardinal Parolin eine außergerichtliche Wiedergutmachung wiederholt verweigert hat.« Die Vorwürfe sollen durch Dokumente gestützt sein, die sowohl Viganò als auch Parolin selbst in Besitz hätten. Der Kardinal soll daher – neben anderen – als Zeuge geladen werden.
Mit dieser Klage wird einmal mehr deutlich, wie tief der Riss zwischen verschiedenen Lagern innerhalb der Kirche mittlerweile ist. Der Vorgang wirft ein grelles Licht auf die moralische Lage im Vatikan – ausgerechnet unter dem Pontifikat eines Papstes, der Transparenz und Reform auf seine Fahnen geschrieben hatte. Während sich viele Bischöfe um synodale Prozesse und PR-Aktionen kümmern, scheinen elementare Fragen von Gerechtigkeit und Treue gegenüber Spendern und Gläubigen in den Hintergrund zu geraten.
Sollten sich Viganòs Vorwürfe bestätigen, wäre das nicht nur ein verheerendes Signal für die Glaubwürdigkeit des Heiligen Stuhls, sondern ein Beleg für die strukturelle Nähe zwischen Teilen der Kirchenhierarchie und undurchsichtigen Netzwerken. Dass ausgerechnet Kardinal Parolin – bereits wegen des umstrittenen China-Deals in der Kritik – erneut im Zentrum steht, zeigt: Die Kurie hat kein Imageproblem. Sie hat ein Realitätsproblem.


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