[Wir veröffentlichen eine Analyse mit freundlicher Genehmigung des Autors in eigener Übersetzung. Original hier.]
Wir machen uns – mit gutem Grund – Sorgen über die tiefen Spaltungen im öffentlichen Leben von heute, denn sie ähneln immer mehr einer Art kaltem Bürgerkrieg. Wenn Menschen, die nebeneinander leben müssen, feststellen, dass sie das nicht können, und anfangen, sich gegenseitig öffentlich »auszulöschen«, sind die Aussichten für das Minimum an Frieden und Ordnung, das die menschliche Gesellschaft braucht, nicht gut.
Und nun stellen wir fest, dass neben der öffentlichen Unordnung – und in engem Zusammenhang damit - auch innerhalb der Kirche Spaltungen zunehmen, ein viel ernsteres Problem, denn die Daseinsberechtigung der Kirche besteht darin, der ganzen Welt die Frohe Botschaft zu verkünden, eine grundlegende und ewige Einheit über alle Unterschiede hinweg unter Gott.
Es ist schon schlimm genug, wenn die Körperschaft, die mit dieser göttlichen Mission betraut ist, selbst von Spaltungen heimgesucht wird. Aber die Situation ist doppelt besorgniserregend, weil viele Schritte, die die kirchlichen Autoritäten unternommen haben – oder nicht unternommen haben –, um damit umzugehen, die Dinge noch schlimmer zu machen scheinen.
So ist zum Beispiel die Sorge über die »Dezentralisierung« gewachsen, von der Papst Franziskus – wie es seine Gewohnheit ist - ganz locker gesprochen hat. Es ist sogar die Rede davon, einzelnen Bischöfen »wahre Lehrautorität« zu geben.
Die Menschen befürchten zu Recht, dass das Anliegen von Franziskus, Rom nicht als eine Art autoritäres Regime zu führen, ohne sorgfältiges Nachdenken darüber, was Dezentralisierung bedeuten könnte, nicht zu einer gesunden Subsidiarität innerhalb der Kirche führen wird, sondern zu dem Beinahe-Schismus, den wir jetzt in Deutschland erleben, und zu kleineren, interdiözesanen Konflikten.
Nach der Veröffentlichung von Amoris Laetitia im Jahr 2016 waren die deutschen Prälaten zum Beispiel generell bereit, geschiedenen und wiederverheirateten Katholiken die Kommunion zu spenden. Polnische Bischöfe erklärten, dies käme einem Sakrileg gleich. Was also auf der einen Seite einer gemeinsamen geografischen Grenze als große »Barmherzigkeit« angesehen wurde, wurde auf der anderen Seite zu einem Affront gegen das »Sakrament der Einheit«.
Und seitdem: Die Akzeptanz homosexueller Aktivitäten und der »Ehe« - also die Ablehnung der allerersten Seiten der Heiligen Schrift und natürlich vieler Dinge, die daraus folgen - ist für einige Katholiken, nicht nur in Deutschland, zum Kern dessen geworden, was eine »dezentralisierte« Kirche bedeuten würde.
Am anderen Ende des Einheit-Vielfalt-Spektrums hat Papst Franziskus nicht gezögert, sich in verschiedene religiöse Orden, vatikanische Ämter und Institute, päpstliche Universitäten - sogar den Souveränen Malteserorden - einzumischen, wenn sie mit seiner persönlichen Vision für die Kirche nicht übereinstimmen. Und der fehlgeleitete Ukas gegen die traditionelle lateinische Messe spiegelt weniger die Rolle des Pontifex - des Brückenbauers - wider als vielmehr die Errichtung einer Mauer der Trennung gegenüber den Anhängern der »Alten Messe«, von denen die große Mehrheit keine Schismatiker sind.
Die Frage, wie Einheit und Vielfalt in Einklang gebracht werden können, lässt sich nicht mit bloßen frommen Erklärungen über »Dezentralisierung« oder »gemeinsam gehen« beantworten. Aber sie können beantwortet werden. Als die Verfasser der amerikanischen Verfassung in Philadelphia zusammenkamen, bestand eines ihrer zentralen Anliegen darin, sowohl die notwendige Einheit in den der Bundesregierung übertragenen Befugnissen - der spezifischen Autorität - als auch den Schutz der Freiheit des Einzelnen und der Staaten zu bekräftigen.
Sie erkannten, dass man abweichende Meinungen durch Unterdrückung der Freiheit ausmerzen könnte, aber das wäre in einer Nation, die gerade einen Krieg für die Freiheit geführt hatte, selbstzerstörerisch. Man brauchte also einen institutionellen Rahmen - es reichte nicht aus, sich darauf zu verlassen, dass weise oder gute oder sogar heilige Menschen im Amt waren -, der das Feuer der Uneinigkeit innerhalb großer gemeinsamer Prinzipien eindämmen würde. Wie Madison im Federalist 51 schrieb:
»Es mag eine Reflexion über die menschliche Natur sein, dass solche Vorrichtungen notwendig sind, um den Missbrauch der Regierung zu kontrollieren. Aber was ist die Regierung selbst anderes als die größte aller Betrachtungen über die menschliche Natur? Wenn die Menschen Engel wären, wäre keine Regierung nötig. Wenn Engel die Menschen regieren würden, wären weder äußere noch innere Kontrollen der Regierung notwendig. Die große Schwierigkeit bei der Bildung einer Regierung, die von Menschen über Menschen verwaltet werden soll, besteht darin, dass man zunächst die Regierung in die Lage versetzen muss, die Regierten zu kontrollieren, und sie dann dazu zwingen muss, sich selbst zu kontrollieren.«
Unter dem gegenwärtigen Papst sind diese Überlegungen und ihre notwendige Umsetzung in das Kirchenrecht und die institutionelle Praxis, gelinde gesagt, weitgehend vernachlässigt worden. Anstatt zu sehen, wie gutes Recht und sorgfältige Praxis zu echter Freiheit und göttlicher Ordnung beitragen, werden die Strukturen, die unsere allzu menschlichen Neigungen davor bewahren, zu schierem Konflikt und Chaos zu werden, als etwas betrachtet, das den Geist behindert.
Seit Jahren arbeitet Rom an einem Ersatz für den Pastor Bonus von Johannes Paul II., die Apostolische Konstitution von 1988, die verschiedene Ämter der Kurie reformierte. Ein Entwurf mit dem Titel Praedicate evangelium (»Verkündet das Evangelium«) wurde vor fast drei Jahren veröffentlicht, scheint aber aus irgendeinem Grund auf Eis zu liegen.
In der Tat hat der Vatikan vor kurzem trotz der Verzögerung des neuen Dokuments die Reorganisation der Glaubenskongregation angekündigt. Die Kongregation für die Glaubenslehre wird (entgegen den Erwartungen) ihre Autorität behalten und möglicherweise sogar erweiterte Befugnisse haben, da nun ein Erzbischof an der Spitze jeder »Sektion« steht, sowohl der lehrmäßigen als auch der disziplinären.
Der Entwurf empfiehlt Folgendes:
- Die Leiter der vatikanischen Abteilungen sollen sich nicht als »höhere Autoritäten« betrachten, sondern im Dienst des Papstes und des Volkes stehen.
- Die verschiedenen Ämter sollten mit Laien besetzt werden.
- Es sollte eine umfassende Konsultation stattfinden und auf verschiedene Stimmen gehört werden.
Und andere eher vorhersehbare Veränderungen in der Haltung, ohne dass es zu einer wirklichen Strukturreform käme.
Natürlich könnten diese Vorschläge etwas Gutes bringen, aber sie versprechen auch mehr, nicht weniger Bürokratie - mehr selbstverliebten »Dialog«, weniger direkte Evangelisierung.
Wir brauchen dringend ein sorgfältiges Durchdenken der Prinzipien und der Praxis innerhalb der Kirche - insbesondere klare Neuformulierungen des Glaubens und der Moral - und der institutionellen Strukturen, die sie schützen werden, denn im Gegensatz zu dem, was wir heutzutage oft aus Rom hören, leben wir in einem Zeitalter und einer Kirche der Laxheit, nicht des Legalismus.
Und was auf dem Spiel steht, ist viel ernster als das, was die Gründerväter Amerikas in Philadelphia erwogen haben.
Was auf dem Spiel steht, ist nicht nur unser nationales Leben, das jetzt selbst in der Krise zu stecken scheint, weil es seine Gründungsprinzipien aufgegeben hat. Es geht um das ewige Leben, das - im Gegensatz zu dem, was viele heute vermuten - unser größtes Nachdenken und Bemühen erfordert.


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