In einem Kommentar in Le Figaro, der von internationalen Medien aufgegriffen wurde, kommentiert der konservative Kardinal Robert Sarah die derzeitige Lage der Kirche und ihre Bemühungen, die Glaubwürdigkeit nicht einzubüßen.
»Zweifel hat das Westliche Denken erfasst. Intellektuelle und Politiker gleichermaßen beschreiben denselben Eindruck des Kollapses. Angesichts des Zusammenbruchs der Solidarität und der Desintegration der Identitäten wenden sich manche an die Katholische Kirche. Sie bitten sie, einen Grund zum Zusammenleben von Individuen zu geben, die vergessen haben, was sie als ein Volk eint. Sie bitten sie, ein bisschen mehr Seele anzubieten, um die kalte Härte der Konsumgesellschaft erträglich zu machen. Wenn ein Priester ermordet wird, ist jeder berührt und viele fühlen sich ins Mark getroffen.
Aber ist die Kirche fähig, auf diese Rufe zu antworten? Sicher, sie hat diese Rolle des Hüters und Vermittlers der Zivilisation schon gespielt. In der Dämmerung des Römischen Reiches wußte sie, wie sie die Flamme, die die Barbaren auszulöschen drohten, weitergeben konnte. Aber hat sie heute immer noch die Mittel und den Willen das zu tun?,« beginnt Robert Sarah seinen Kommentar.
Sarah zitiert André Malraux, den französischen Politiker aus den 30er Jahren: »Die Natur einer Zivilisation ist das, was sich um eine Religion versammelt. Unsere Zivilisation ist nicht in der Lage, einen Tempel oder ein Grab zu bauen. Sie wird entweder gezwungen sein, ihren fundamentalen Wert zu finden, oder sie wird verfallen,« und kommentiert: »Ohne ein heiliges Fundament werden schützende und unüberwindliche Grenzen abgeschafft. Eine völlig profane Welt wird zu einem riesigen Treibsand. Alles ist traurigerweise offen für den Wind der Willkür. Ohne die Stabilität eines Fundaments, das dem Menschen abgeht, werden Frieden und Freude – die Zeichen einer langlebigen Zivilisation – ständig von einem Gefühl der Unsicherheit verschlungen. Die Angst vor drohender Gefahr ist das Siegel barbarischer Zeiten. Ohne ein heiliges Fundament wird jede Bindung brüchig und wankelmütig.«
Sarah ermahnt die Kirche: »Um den Erwartungen der Welt zu entsprechen, muss die Kirche daher zu sich selbst zurückfinden und die Worte des heiligen Paulus aufgreifen: "Denn ich habe mir vorgenommen, während meiner Zeit bei euch nichts zu wissen außer Jesus Christus und dem gekreuzigten Jesus" Sie muss aufhören, sich selbst als Ersatz für Humanismus oder Ökologie zu sehen. Diese Realitäten, obwohl gut und gerecht, sind für sie nur Folgen ihres einzigartigen Schatzes: des Glaubens an Jesus Christus.«
»Das Heilige für die Kirche ist also die ununterbrochene Kette, die sie mit Sicherheit mit Jesus verbindet. Eine Glaubenskette ohne Bruch oder Widerspruch, eine Gebets- und Liturgiekette ohne Bruch oder Verleugnung. Welche Glaubwürdigkeit könnte die Kirche ohne diese radikale Kontinuität noch beanspruchen? Bei ihr gibt es kein Zurück, sondern eine organische und kontinuierliche Entwicklung, die wir gelebte Tradition nennen. Das Heilige kann nicht verordnet werden, es wird von Gott empfangen und weitergegeben,« fügt er hinzu.
»Was auf dem Spiel steht, ist daher viel ernster als eine einfache Disziplinfrage. Wenn sie eine Umkehr ihres Glaubens oder ihrer Liturgie fordern würde, in welchem Namen würde die Kirche es wagen, sich an die Welt zu wenden? Ihre einzige Legitimität ist ihre Beständigkeit in ihrer Kontinuität,« so Sarah.
»Wenn die Bischöfe, die für das Zusammenleben und die gegenseitige Bereicherung der beiden liturgischen Formen zuständig sind, ihre Autorität nicht in diesem Sinne ausüben, laufen sie Gefahr, nicht mehr als Hirten, Hüter des empfangenen Glaubens und der ihnen anvertrauten Schafe, sondern als politische Führer: Kommissare der Ideologie des Augenblicks und nicht Hüter der ewigen Tradition wahrgenommen werden. Sie riskieren, das Vertrauen der Menschen guten Willens zu verlieren.
Ein Vater kann bei seinen treuen Kindern kein Misstrauen und keine Spaltung herbeiführen. Er kann einige nicht demütigen, indem er sie anderen gegenüberstellt. Er kann einige seiner Priester nicht ausgrenzen. Der Frieden und die Einheit, die die Kirche der Welt zu bieten behauptet, müssen zuerst in der Kirche gelebt werden,« bemerkte der Kardinal.


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