[Dieser Beitrag wurde auf Catholicculture.org veröffentlicht. Wir drucken ihn mit freundlicher Erlaubnis in deutscher Übersetzung ab.]
Von Phil Lawler*
Wie Sie sich erinnern werden, suchte Jägerstätter den Rat seines Bischofs, bevor er sich dem Naziregime widersetzte und den Militärdienst mit der Begründung verweigerte, er könne nicht gleichzeitig ein »Nazi und ein Katholik sein«. Der Bischof versuchte, ihn davon abzubringen, doch Jägerstätter beharrte auf seinem einsamen Widerstand gegen eine brutale Ideologie - und erlangte damit die Krone des Märtyrertums.
Schuldet Bischof Joseph Fliesser also dem seligen Franz Jägerstätter eine Entschuldigung, weil er sein starkes Zeugnis nicht unterstützt hat? Der Bischof könnte darauf hinweisen, dass viele Tausende von treuen Katholiken Hitler die Treue geschworen haben, ohne ihr Gewissen zu verletzen. Er könnte dem ernsthaften jungen österreichischen Laien versichern, dass die Kirche nicht zum Widerstand gegen die Nazis ermutigt. Er könnte argumentieren, dass Jägerstätter sein Leben und die Zukunft seiner Familie mit einer Geste opfern würde, die keinerlei Einfluss auf die Politik der Nazis haben würde.
Das sind starke Argumente. Aber sie reichten nicht aus, um Jägerstätters Gewissen zu beruhigen. Wie dieser heldenhafte katholische Laie erklärte, ging es nicht darum, was andere rechtfertigen, rationalisieren oder wegerklären konnten. Der Punkt war, dass sein Gewissen ihm sagte, dass er den Eid nicht ablegen konnte. Er war nicht durch die Lehren der Kirche gezwungen, die Beteiligung an der Nazi-Kriegsmaschinerie zu verweigern; er war durch seine eigene Seele gezwungen.
Heute fühlen sich viele katholische Amerikaner (mich eingeschlossen) von ihrem Gewissen gezwungen, Corona-Impfstoffe abzulehnen, die unter Verwendung von fötalen Gewebelinien entwickelt wurden, die aus Abtreibungen stammen. Wir wissen (wie konnte uns das entgehen?), dass Papst Franziskus zum Impfen ermutigt hat und dass sich zahlreiche katholische Bischöfe der Pro-Impfkampagne angeschlossen haben. Wir wissen, dass die Kongregation für die Glaubenslehre zu dem Schluss gekommen ist, dass die durch die Epidemie entstandene »schwerwiegende Notwendigkeit« ein ausreichender Grund ist, moralisch verdorbene Impfstoffe zu akzeptieren. Wir verstehen also, dass die Kirche von uns nicht verlangt, die Impfstoffe abzulehnen. Aber die Schlüsselfrage bleibt: Erlaubt uns die Kirche nicht, sie zu verweigern?
Der Katechismus der katholischen Kirche (1782) ist eindeutig. Jeder Einzelne muss seine eigenen moralischen Entscheidungen treffen. »Er darf nicht gezwungen werden, gegen sein Gewissen zu handeln. Er darf auch nicht daran gehindert werden, nach seinem Gewissen zu handeln, besonders in religiösen Dingen«. Wenn mein Gewissen mir sagt, dass ich mich nicht impfen lassen soll, sollte ich mich nicht impfen lassen - auch wenn mein Pfarrer, mein Bischof und der Bischof von Rom mich dazu ermutigen. Die Kirchenoberhäupter haben die Befugnis, mir zu sagen, dass ich mich impfen lassen darf; sie haben nicht die Befugnis, mir zu sagen, dass ich mich impfen lassen muss. Und die Kongregation für die Glaubenslehre schreibt in ihrer Erklärung, in der sie zur Impfung aufruft, sogar vor, dass diese »freiwillig sein muss«.
(An dieser Stelle sollte ich klarstellen, dass ich nicht behaupte, dass die Impfkampagne moralisch mit der Brutalität der Nazis gleichzusetzen ist. Zwischen beiden Fällen besteht natürlich ein enormer Unterschied. Was das Zeugnis von Franz Jägerstätter und das des Gesundheitspersonals, das sich der Impfung widersetzt, gemeinsam haben, ist das Beharren auf der Integrität des Gewissens. Ich möchte noch hinzufügen, dass es einen enormen Unterschied zwischen den Kosten gibt, die diejenigen zu tragen haben, die sich wehren. Heute verlieren viele Beschäftigte des Gesundheitswesens ihren Arbeitsplatz; Jägerstätter hat sein Leben verloren).
Die Gouverneurin von New York, Kathy Hochul - die sich selbst als Katholikin bezeichnet und einen Abschluss an der juristischen Fakultät der Katholischen Universität gemacht hat - hat zugegeben, dass sie bei der Ausarbeitung eines Impfstoffmandats für ihren Bundesstaat »absichtlich [religiöse Ausnahmen] in unseren Vorschriften ausgelassen hat«. In einem Schriftsatz, mit dem sie die Politik des Bundesstaates gegen eine rechtliche Anfechtung verteidigte, konnte Generalstaatsanwältin Letitia James nicht widerstehen, sich auf die Unterstützung von »Papst Franziskus, dem Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche (der alle Kläger bis auf einen angehören)« zu berufen. Diese schlauen Politiker erkennen den Propagandawert, den es hat, wenn man den Widerstand gegen die Impfstoffe als ein katholisches Problem identifiziert und ihn dann abtut, weil (wie Hochul es ausdrückte) »jeder, vom Papst an abwärts, die Menschen ermutigt, sich impfen zu lassen«. Sie ignorieren munter die formale Lehre der Kirche bezüglich des individuellen Gewissens.
Aber dann können die Politiker diese Lehre der Kirche getrost ignorieren, weil so wenige amerikanische Prälaten sie verkündet haben. Während Tausende von Katholiken (ganz zu schweigen von anderen Christen) mit dem Verlust ihres Arbeitsplatzes oder der Gefahr einer Staatsbürgerschaft zweiter Klasse konfrontiert sind, weil sie ihrem Gewissen folgen, stimmen unsere Kirchenführer in den Chor der konventionellen öffentlichen Meinung ein, anstatt den entscheidenden Punkt zu verteidigen, für den die katholische Kirche so gut gerüstet ist.
Vielleicht habe ich also zu Beginn dieser Kolumne die falsche Frage gestellt. Sollten sich Katholiken, die sich der Impfung widersetzen, bei ihren Bischöfen entschuldigen, weil sie deren Rat nicht befolgt haben? Oder sollten sich die Bischöfe entschuldigen, weil sie es versäumt haben, die Gewissensrechte ihrer Gläubigen zu schützen?
*Phil Lawler ist konservativer Autor von »Der verlorene Hirte – Wie Papst Franziskus seine Herde in die Irre führt« und leitet die Webseite Catholic Culture. Der Artikel wurde mit Erlaubnis des Autors übersetzt und abgedruckt.


Add new comment