Hintergründe zur Papstwahl:

Ein Papst der Mitte_ Leo XIV. überrascht Kritiker wie Unterstützer

Der neue Papst will einen Neuanfang – doch seine Vergangenheit, seine Gegner und die Erwartungen der Weltkirche lassen ihm wenig Spielraum

Der neue Papst Leo XIV. hat am Donnerstagabend nach nur vier Wahlgängen im Konklave die Nachfolge von Franziskus angetreten. Der US-Amerikaner Robert Francis Prevost, der in Peru als Augustiner-Missionar tätig war und zuletzt das Dikasterium für Bischöfe leitete, wurde rasch zum Kandidaten der Mitte – nicht zuletzt, weil sich weder das progressive Lager um Kardinal Parolin noch die Traditionalisten um Kardinal Sarah auf eigene Kandidaten einigen konnten.

Wie Edward Pentin berichtet, fiel Parolin nach zwei Wahlgängen deutlich zurück, während Stimmen von beiden Seiten langsam zu Prevost überliefen. Kardinal Dolan aus New York spielte dabei eine Schlüsselrolle: Der Franziskus-Kritiker sammelte konservative wie moderate Stimmen, ohne den Eindruck zu erwecken, Teil eines US-amerikanischen Wahlkomplotts zu sein. Das Gerücht, Prevost habe sich vor der Wahl bei Kardinal Burke persönlich Unterstützung gesichert, wurde dementiert. Es habe kein Besuch in Burkes Wohnung stattgefunden.

Für viele Kardinäle war entscheidend, dass Prevost in den Vorkongregationen einen ruhigen, ausgleichenden Eindruck hinterlassen hatte. Seine Herkunft – amerikanisch, aber mit jahrzehntelanger Erfahrung im globalen Süden – und sein kirchenpolitischer Stil – methodisch, zurückhaltend – gaben jenen Hoffnung, die nach Jahren des Konflikts im Pontifikat Franziskus wieder Ruhe und Einheit suchen.

Die Freude über einen „Papst der Mitte“ ist jedoch nicht überall geteilt. Wie die NZZ am Sonntag berichtet, wurde Prevost bereits vor der Wahl mit dem Missbrauchsskandal der konservativen Organisation Sodalitium Christianae Vitae in Peru in Verbindung gebracht. Die peruanische Journalistin Paola Ugaz, die entscheidend zur Aufdeckung der Missbrauchsfälle beigetragen hat, betont jedoch, dass Prevost in ihrer Erfahrung zu den wenigen kirchlichen Akteuren gehörte, die sich offen für die Opfer eingesetzt hätten. Die Vorwürfe gegen ihn seien konstruiert worden, als er sich öffentlich gegen die Organisation stellte – ein Hinweis auf innerkirchliche Machtkämpfe.

Für Beobachter wie Kardinal Müller ist Prevosts Wahl dennoch ein Signal der Hoffnung. In einem Interview mit der Mediengruppe Bayern betonte Müller, Leo XIV. stehe „tausend Kilometer über der Propaganda-Dialektik von Trump und Anti-Trump“ und habe das Potenzial, die Kirche in Deutschland wieder an große Gestalten wie Bonifatius, Hildegard von Bingen und Leo XIII. anzubinden. Letzteren würdigte Leo XIV. auch selbst bei seiner Namenswahl.

Doch erste Reaktionen zeigen auch die Polarisierung: Während die US-Bischofskonferenz erfreut ist und den Papst als »Sohn der Nation« feiert, schlagen aus dem Lager der MAGA-nahen Kommentatoren härtere Töne an. Ben Harnwell erklärte gar, es werde »hundert Jahre dauern, den Schaden von Franziskus zu beheben«, und Leo XIV. habe »sein Erbe in der DNA«. Steve Bannon erwartet offene Konflikte mit Trump, sollte der neue Papst migrationspolitisch Position beziehen.

Am Ende bleibt Leo XIV. eine Projektionsfläche: für Progressisten wie Konservative, für enttäuschte Franziskus-Kritiker wie für pragmatische Reformer. Ob er die Kirche wirklich eint, wird sich erst zeigen müssen – seine ersten Personalentscheidungen und seine Antwort auf den deutschen Synodalen Weg werden entscheidend sein.

Sicher aber ist: Er hat gute Fürsprecher im Himmel. Leo der Große, der Papst der Dogmatik und der Verteidigung Roms. Leo X., der letzte Renaissancepapst – politisch klug, wenn auch mit zweifelhaftem Erbe. Und Leo XIII., dessen Enzyklika Rerum Novarum als Beginn der katholischen Soziallehre gilt. In diesen Fußspuren zu wandeln wäre schon Herausforderung genug.

Sven von Storch

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