Ein Gespräch mit Rod Dreher

Die unsichere Zukunft der konservativen Christen

Rod Dreher zeigt in diesem Interview, wie tief der Riss zwischen Tradition und Moderne in der westlichen Gesellschaft geworden ist. Es gibt nur einen Weg, diesem Verfall zu entkommen: durch eine Rückkehr zu den Wurzeln des Glaubens und zu einer Kultur, die auf Tradition, Familie und moralischer Verantwortung basiert.

In einem aufschlussreichen Interview spricht Rod Dreher, ein prominenter amerikanischer Journalist und Autor, über die gegenwärtige Krise der konservativen Christen in den USA und der westlichen Welt. Dreher, bekannt für seine tiefgehenden Analysen zu kulturellen und gesellschaftlichen Themen, beleuchtet die Zerstörung traditioneller Werte und die damit einhergehende Auflösung christlicher Identität.

Dreher, der in Louisiana lebt, einem Teil des südlichen Amerika, das historisch für seine konservativen Werte und landwirtschaftlichen Traditionen bekannt ist, gibt einen Einblick in den Wandel, den diese Region erlebt hat. Der Agrarismus, einst ein zentraler Bestandteil des südlichen Konservatismus, sei längst tot. »Im Jahr 1900 arbeiteten 38% der amerikanischen Arbeiter in der Landwirtschaft. Heute sind es weniger als 2%. Kleine ländliche Städte sterben, weil es keine wirtschaftliche Grundlage mehr gibt«, erklärt Dreher.

Er spricht von seiner eigenen Kindheit im ländlichen Louisiana und wie die Werte, die er damals in seiner Gemeinde erlebte, von der modernen, internetgeprägten Kultur ersetzt wurden. Auch die zunehmende Verbreitung von Smartphones und die damit verbundene Abhängigkeit von der digitalen Welt haben dramatische Auswirkungen auf die Erziehung der Kinder in seiner Heimat. »Es ist nicht die Schuld der Schulen, sondern der Eltern, die ihren Kindern Smartphones in die Hände geben und ihnen völlige Freiheit lassen«, kritisiert er.

Dreher warnt vor dem Verlust von Werten wie Respekt vor Traditionen, Religion und moralischer Zurückhaltung, die einst das Rückgrat des Südens bildeten. Besonders besorgniserregend sei die zunehmende Zerrüttung der Familienstruktur, besonders innerhalb der weißen Arbeiterklasse, die früher eine wichtige Stütze des südlichen Konservatismus war. »Die moralische Zerrüttung, die wir heute erleben, existierte vor 50 Jahren noch nicht«, so Dreher.

Er sieht in diesem Trend einen tieferen Wandel in der konservativen Bewegung der USA, die sich von den traditionellen Werten abgewandt hat und nun oft eine populistische, nationalistische Richtung einschlägt. Dreher befürchtet, dass die konservativen Werte des Südens – der Glaube an die Familie und an eine gelebte Religion – in der heutigen politischen Landschaft kaum noch Platz haben.

In Bezug auf den amerikanischen Konservatismus äußert Dreher seine Besorgnis über die enge Verbindung zwischen diesem und dem Neoliberalismus. Die republikanische Partei, die einst als Verfechterin traditioneller Werte galt, hat sich seiner Ansicht nach zunehmend auf wirtschaftliche Freiheit und das Ideal des Individualismus konzentriert, was zu einem Verlust der Verbindung zu traditionellen konservativen Idealen geführt hat. Er verweist auf die alte Debatte zwischen traditionellen Konservativen und Libertären, die im Laufe der Zeit zugunsten des Libertarismus entschieden wurde.

Dreher plädiert für eine Rückkehr zu einem »grünen Konservatismus«, der lokale Kulturen und die Bewahrung von Naturressourcen betont. Er kritisiert die amerikanische Haltung gegenüber der Umwelt, die seiner Meinung nach zu sehr von einem unkontrollierten Verbrauch geprägt ist. Dies unterscheide sich deutlich von der europäischen konservativen Tradition, die einen stärkeren Fokus auf lokale Gemeinschaften und Natur legt.

Die "Benedikt-Option" und die Rolle der Christen in der modernen Welt

Dreher ist bekannt für sein Buch The Benedict Option, in dem er dazu aufruft, dass konservative Christen sich bewusst von der säkularen Welt distanzieren sollten, um ihre Identität zu bewahren. »Ich bin nicht für eine Utopie. Der Mensch ist nicht perfekt und der 20. Jahrhundert Kommunismus hat gezeigt, dass solche Versuche in der Zerstörung des menschlichen Lebens enden. Aber die Christen sollten in der Welt leben, als 'Salz der Erde' – das bedeutet aber auch, dass sie sich nicht vollständig assimilieren sollten«, erklärt Dreher.

Er glaubt, dass die westliche Welt, besonders die USA, sich zunehmend von ihren Traditionen und dem christlichen Glauben entfernt. Die Medien und die Gesellschaft fördern ein individualistisches Weltbild, das den Glauben und die Gemeinschaft schädigt. Für Dreher liegt die Lösung nicht in einem Rückzug aus der Welt, sondern in einer bewussten Rückbesinnung auf die christlichen Wurzeln und die Erziehung zukünftiger Generationen, die in einer zunehmend post-christlichen Welt leben werden.

Abschließend äußert sich Dreher auch zur Politik von Papst Franziskus, der in den Augen vieler Kritiker eine zu liberale Haltung einnimmt. Dreher, selbst nach seiner Konversion zur Orthodoxie ein gläubiger Christ, ist besorgt über die mangelnde Betonung der Tradition und die Verwirrung, die der Papst in der katholischen Kirche stiftet. Besonders in Bezug auf die Migration nach Europa und die Folgen für die christliche Identität des Kontinents zeigt Dreher sich skeptisch: »Die sentimentale Haltung des Papstes könnte langfristig zu einer Zerstörung des europäischen Christentums führen.«

Er zeigt auch eine gewisse Sympathie für den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, den er als einen der wenigen Politiker betrachtet, der eine Vision für die Zukunft Europas hat – eine Vision, die auf der Verteidigung christlicher Werte und einer Ablehnung von massiver Migration basiert. Doch Dreher warnt: »Politik allein wird es nicht richten, wir müssen auch unsere Zivilgesellschaft und unseren Glauben wieder aufbauen.«

Rod Dreher zeigt in diesem Interview, wie tief der Riss zwischen Tradition und Moderne in der westlichen Gesellschaft geworden ist. Es gibt nur einen Weg, diesem Verfall zu entkommen: durch eine Rückkehr zu den Wurzeln des Glaubens und zu einer Kultur, die auf Tradition, Familie und moralischer Verantwortung basiert. Der Kampf gegen den moralischen und kulturellen Zerfall ist nicht nur eine politische Aufgabe, sondern eine spirituelle. Es liegt an uns, die Verantwortung zu übernehmen, eine bessere Zukunft zu schaffen – für uns selbst und für unsere Kinder.

Sven von Storch

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