Heinz Theisen über Europas strategische Krise:

Selbstbehauptung statt Selbstbetrug in Europa

Europa steht zwischen moralischer Selbsttäuschung und geopolitischer Realität. Heinz Theisen argumentiert, dass der Westen nur durch eine Rückkehr zur Selbstbegrenzung, kulturellen Identität und einer neuen Großraumordnung bestehen kann.
 

Bild: Europa Aeterna, Dr. Heinz Theisen


Während andere Referenten der Europa-Aeterna-Tagung vor allem philosophische Grundlagen der politischen Ordnung diskutierten, führte Heinz Theisen die Debatte unmittelbar in die Gegenwart der Geopolitik. Seine zentrale Diagnose: Der Westen leidet weniger an äußeren Feinden als an strategischer Selbstverwirrung.

Europa und die Grenzen

Am Anfang steht für Theisen eine einfache Einsicht: Wer nicht weiß, wer er ist, kann auch nicht wissen, wo seine Grenzen liegen. Genau diese Unklarheit prägt nach seiner Analyse die europäische Politik. Europa verteidige sich militärisch in entfernten Regionen wie Afghanistan oder der Ukraine, während gleichzeitig die eigenen Grenzen im Mittelmeerraum weitgehend ungeschützt bleiben. Das Ergebnis sei eine strategische Fehlorientierung: Nach Osten überdehnt, nach Süden offen und nach Westen zunehmend im Konflikt mit den Vereinigten Staaten.

Diese Konstellation könne langfristig sogar das westliche Bündnissystem gefährden. Während Teile der europäischen Politik weiterhin am moralischen Sendungsbewusstsein eines universalen Demokratieprojekts festhielten, orientierten sich amerikanische Strategen bereits stärker an geopolitischer Selbstbegrenzung und Interessenpolitik. In dieser Differenz liege ein wachsender Konflikt zwischen Europa und den USA.

Konkurrierende Machtordnungen

Zugleich verschiebt Theisen den Blick auf andere Bedrohungen. Der Krieg in der Ukraine werde häufig als zentraler Konflikt zwischen Demokratie und Autokratie dargestellt. Tatsächlich handle es sich jedoch eher um eine Auseinandersetzung zwischen konkurrierenden Machtordnungen. Während sich Russland und der Westen gegenseitig schwächten, entstünden an anderer Stelle weit größere Herausforderungen: der demografische und kulturelle Druck islamischer Migration sowie der wirtschaftliche und technologische Aufstieg Chinas.

China erscheine dabei weniger als ideologischer Systemrivale denn als geoökonomischer Konkurrent. Seine Strategie bestehe darin, Europa politisch zu fragmentieren und wirtschaftlich unter Druck zu setzen. Dumpingpreise, Industriespionage und die Kontrolle strategischer Ressourcen seien Instrumente eines Wettbewerbs, der zunehmend Züge wirtschaftlicher Kriegsführung annehme.

Ein weiterer Schwerpunkt des Vortrags lag auf der Kritik am Globalismus. Nach dem Ende des Kalten Krieges habe der Westen zwei Formen der Überdehnung entwickelt: einen missionarischen Universalismus in der Außenpolitik und einen kulturellen Universalismus im Innern. Die Vorstellung, alle Kulturen seien gleichermaßen kompatibel und integrierbar, habe sich mit offenen Grenzen und globalisierten Märkten verbunden. In dieser Verbindung von moralischem Idealismus und wirtschaftlichen Interessen sei der lokale Mittelstand ebenso unter Druck geraten wie kulturelle Identitäten.

Die globalistische Vision scheiterte

Die daraus entstehenden Spannungen führten zu einer politischen Polarisierung. Je stärker globalistische Visionen scheiterten, desto intensiver werde der ideologische Kampf im Innern geführt. Statt Grenzen nach außen zu definieren, würden politische Brandmauern im Innern errichtet. Dadurch schwinde die Fähigkeit zur offenen Debatte und zur Suche nach realistischen Lösungen.

Als Alternative entwickelte Theisen die Idee einer neuen Großraumordnung. Zwischen Globalismus und Nationalismus müsse eine politische Struktur entstehen, die kulturelle Räume ernst nimmt. Solche Großräume seien nicht utopisch harmonisch, sondern erforderten permanente diplomatische Abstimmung und gegenseitige Anerkennung von Einflusssphären. Ohne eine solche Ordnung drohten immer neue Konflikte.

Neubestimmung Europas

Für Europa bedeute dies vor allem, seine Beziehung zu den Vereinigten Staaten neu zu bestimmen. Militärisch, technologisch und wirtschaftlich bleibe der Kontinent auf absehbare Zeit stark von den USA abhängig. Eine strategische Selbstbehauptung Europas könne daher nur in enger Kooperation mit Amerika gelingen.

Gleichzeitig betonte Theisen, dass geopolitische Stärke nicht allein aus militärischen Ressourcen erwächst. Eine Zivilisation müsse auch kulturelle und geistige Grundlagen besitzen. In diesem Zusammenhang verwies er auf das christliche Erbe Europas und auf die katholische Soziallehre, insbesondere auf das Prinzip der Subsidiarität. Dezentralität und Verantwortung kleinerer Gemeinschaften könnten eine Alternative sowohl zum globalistischen Zentralismus als auch zum isolierenden Nationalstaat darstellen.

Die entscheidende Herausforderung bestehe darin, eine neue Balance zu finden: Selbstbegrenzung nach außen und Selbstbehauptung nach innen. Nur wenn Europa seine kulturelle Identität, seine wirtschaftlichen Grundlagen und seine politischen Interessen wieder klar definiere, könne es in der multipolaren Welt bestehen.

Theisen’ Diagnose war so schlicht wie drastisch: Europa verliert nicht, weil es zu wenig Werte hat – sondern weil es verlernt hat, sich selbst zu wollen.

Sven von Storch

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Kommentare

" ... sondern weil es verlernt hat, sich selbst zu wollen."?

Dafür hat Europa leider gelernt, zu wollen, was die US-Globalisten wollen!

Und auch den Satz "Der Westen leidet weniger an äußeren Feinden als an strategischer Selbstverwirrung" würde ich gerne ein wenig umformulieren:

"Der Westen leidet vor allem an der bereits weit fortgeschrittenen Unterwanderung und Machtergreifung durch die weltmachtgierigen Globalisten ...

... und an der von diesen betriebenen schleichenden Abschaffung von Nationen, Demokratie und freien Medien".

Ekkehardt Fritz Beyer

07.03.2026 | 10:33

... „Europa steht zwischen moralischer Selbsttäuschung und geopolitischer Realität.“ ...

Z. B. in Sachen „Iran, Israel“ https://www.youtube.com/watch?v=9jHPNZ-nrGE „und den USA?! Eine gefährliche Eskalation“!!! https://www.youtube.com/watch?v=abi1q-SpJXU

Die Konsequenz: „Massive Raketenwelle erschüttert Israel – Irans Antwort auf den US-Israel-Krieg“: https://uncutnews.ch/massive-raketenwelle-erschuettert-israel-irans-antwort-auf-den-us-israel-krieg-stellt-trumps-strategie-infrage/

Und nicht nur das – „LNG wird knapp: Tanker nach Europa kehrt um – und fährt lieber nach Asien“! https://www.berliner-zeitung.de/wirtschaft-verantwortung/lng-wird-knapp-tanker-nach-europa-kehrt-um-und-faehrt-lieber-nach-asien-li.10022353

Da ist es selbst für einen wie mich vollkommen nachvollziehbar: „Trump wütet“ ... „und Merz nickt“! https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/vasallen-talk-in-washington-trump-wuetet-merz-nickt-li.10022308

Ja mei: „Iran SCHLÄGT CIA, zerstört THAAD: Hat Trump den Krieg VERLOREN?“?? https://uncutnews.ch/iran-schlaegt-cia-zerstoert-thaad-hat-trump-den-krieg-verloren-mohammad-marandi-pepe-escobar/

Und dann auch das noch: Der „Angriff auf den Iran verhärtet Russlands Haltung gegenüber der Ukraine“ https://www.youtube.com/watch?v=eczyryj1eDUund „Professor Jiang prognostiziert: Die USA werden den Iran-Krieg verlieren“!!! https://www.youtube.com/watch?v=4Ql24Z8SIeE

 

Selbstverständlich all dies mit Folgen – ganz besonders für Deutschland:

"Benzin & Diesel zu teuer! Wirtschaft ruft laut um Hilfe“ – und „Friedrich Merz lügt einfach in die Kamera“! https://www.youtube.com/watch?v=qzta49mD25g 

Ja mei: Die „dümmste Regierung wirft Deutschland vor den fahrenden Zug!“ Sie hat die Marktwirtschaft nicht verstanden“! https://www.youtube.com/watch?v=VE-tXfkqYe0

Was eigentlich unternimmt unsere Regierung jetzt gegen steigende Preise? https://www.youtube.com/watch?v=tSGopl8Hv4w 

Und dann auch noch der Estnische Geheimdienst: „Russland hat es auf Rügen abgesehen, nicht auf Narva“!!!!!!! https://rtde.team/podcast/272313-estland-geheimdienst-russland-ruegen/

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