Die neue Definition von „liberal“

Liberale Intoleranz: Wie Europa seine eigenen Prinzipien verrät

Wer heute widerspricht, gilt als „illiberal“ – doch der eigentliche Autoritarismus kommt aus dem Zentrum

Bild: The Globe and Mail


Der Begriff „liberal“ hat in Europa eine bemerkenswerte Wandlung durchlaufen. Einst stand er für Meinungsfreiheit, Pluralismus und die Fähigkeit, unterschiedliche Überzeugungen auszuhalten. Heute scheint er zunehmend etwas anderes zu bedeuten: die verpflichtende Zustimmung zu einem bestimmten gesellschaftspolitischen Programm – insbesondere in Fragen von Sexualität, Gender und Familie.

Wer dieses Programm kritisiert, wird nicht als legitimer Teilnehmer einer Debatte behandelt, sondern als Problemfall. Der Vorwurf lautet dann schnell: „illiberal“.

Doch genau hier beginnt die eigentliche Verschiebung.

Der Fall Orbán und die selektive Empörung

Der politische Wechsel in Ungarn wurde von vielen Kommentatoren als Triumph der Demokratie gefeiert. Viktor Orbán galt über Jahre als Inbegriff eines „illiberalen“ Politikers.

Doch diese Einordnung wirft Fragen auf. Denn sobald politische Maßnahmen in anderen Ländern ähnliche oder deutlich härtere Eingriffe zeigen – sofern sie dem progressiven Kurs dienen – bleibt die Empörung oft aus.

Das Muster ist erkennbar: Nicht die Methode entscheidet über das Urteil, sondern das Ziel. Wer die „richtigen“ Inhalte vertritt, dem wird auch ein robuster Umgang mit demokratischen Normen verziehen.

Illiberal – aber nur für die „Falschen“

Besonders deutlich wird diese Doppelmoral im Umgang mit Staaten, die traditionelle Werte gesetzlich schützen wollen. Ungarn, Bulgarien oder die Slowakei geraten unter massiven Druck, wenn sie Regelungen zur Familie, zur Sexualerziehung oder zum Schutz von Kindern verabschieden, die nicht dem Brüsseler Konsens entsprechen.

Solche Gesetze werden nicht einfach kritisiert, sondern moralisch delegitimiert. Sie gelten als Angriff auf die „Identität Europas“.

Gleichzeitig werden vergleichbare oder weitergehende Eingriffe in anderen Kontexten – etwa Einschränkungen der Meinungsfreiheit oder politisch motivierte Maßnahmen gegen Oppositionelle – deutlich milder bewertet, sofern sie ideologisch in das progressive Narrativ passen.

Die neue Grenze des Sagbaren

Parallel dazu verschiebt sich auch die Grenze dessen, was öffentlich gesagt werden darf. In mehreren europäischen Ländern wurden in den vergangenen Jahren Menschen strafrechtlich verfolgt, weil sie sich kritisch zu Genderfragen oder zur Sexualethik äußerten.

Was früher Teil einer offenen Debatte war, wird zunehmend als potenziell strafwürdig behandelt.

Damit verändert sich das Fundament liberaler Gesellschaften. Freiheit wird nicht mehr als Raum für unterschiedliche Überzeugungen verstanden, sondern als Rahmen für die Durchsetzung einer bestimmten Sichtweise.

Kultureller Konflikt statt politischer Differenz

Der Konflikt, der sich hier abzeichnet, ist kein gewöhnlicher politischer Streit. Es geht nicht nur um einzelne Gesetze oder Programme, sondern um grundlegende kulturelle Fragen:

Wer definiert die Werte Europas?
Wer entscheidet über Familie, Erziehung und moralische Normen?
Und wie viel Widerspruch wird überhaupt noch zugelassen?

Die Reaktionen auf konservative Positionen zeigen, dass diese Fragen zunehmend nicht mehr ausgehandelt, sondern vorentschieden werden sollen.

Europa im post-liberalen Zustand

Ironischerweise ist es gerade das progressive Lager, das häufig vor einem „post-liberalen“ Europa warnt, während es selbst Praktiken etabliert, die mit klassischem Liberalismus kaum vereinbar sind.

Wenn Meinungen sanktioniert, kulturelle Unterschiede delegitimiert und politische Alternativen moralisch disqualifiziert werden, entsteht genau jener Zustand, den man vorgibt zu bekämpfen.

Die entscheidende Frage unserer Zeit

Am Ende steht eine unbequeme Erkenntnis:

Der eigentliche Konflikt in Europa verläuft nicht zwischen liberal und illiberal, sondern zwischen einem offenen Verständnis von Freiheit und einem zunehmend normativen, ideologisch aufgeladenen Liberalismus.

Eine Gesellschaft, die nur noch eine Meinung als akzeptabel gelten lässt, mag sich weiterhin „liberal“ nennen.

Doch sie hat den Kern dessen verloren, was diesen Begriff einst ausgemacht hat.

Sven von Storch

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Comments

Wahrheitsfinder

23.04.2026 | 11:14

Im liberalen Sinne heißt liberal nicht nur liberal !
Zitat von Loriot aus “Der Wähler fragt“.  😎

Es ist ja nicht "die Gesellschaft", die nur noch eine Meinung als akzeptabel gelten läßt! Es sind doch nur die von der globalistischen Fremdherrschaft dominierten Politiker und Medien!

Und - wenn Europa "seine Prinzipien verrät", tut es das nicht freiwillig und aus Überzeugung, sondern unter dem massiven Druck von Mächten, die Europa schwächen und immer mehr entmachten wollen.

So ist es jedenfalls, wenn man mit "Europa" die Bürger Europas meint, und nicht die mehrheitlich von den US-Globalisten abhängigen EU-Abnicker.

Ekkehardt Fritz Beyer

23.04.2026 | 15:19

... „Wer definiert die Werte Europas?

Wer entscheidet über Familie, Erziehung und moralische Normen?

Und wie viel Widerspruch wird überhaupt noch zugelassen?“ ...

Ist die Antwort auf diese Fragen von einer aus auch meiner Sicht waschechten „Verblödungsmaschine“ mit dem Namen EU-Führung & Co. tatsächlich zu erwarten??? https://www.unsere-zeit.de/verbloedungsmaschine-4813803/

Ja mei: „Waschechte Demokraten! Und ein Politikzirkus in bester Verfassung!!! https://www.nachdenkseiten.de/?p=149483 

martin zumstein

23.04.2026 | 16:20

Zunächst mal klären: "EU" ist nicht dasselbe wie "Europa". Europa erstreckt sich bis zum Ural. Also Europa enthält mehr als die Hälfte der russischen Bevölkerung, Weissrusland, Ukraine, Schweiz, UK, Island, Norwegen, Albanien, Serbien, evtl. Türkei, Moldau, Georgien usw,

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