Die Diagnose ist seit Jahren dieselbe: Europa säkularisiert sich, Kirchen leeren sich, der christliche Glaube verschwindet aus dem öffentlichen Leben. Doch mitten in dieser Erzählung tauchen immer wieder Entwicklungen auf, die nicht recht ins Bild passen. Eine solche Meldung kommt nun aus London.
Die beiden großen katholischen Erzdiözesen der britischen Hauptstadt, Westminster und Southwark, haben für das Osterfest 2026 so viele erwachsene Neueintritte registriert wie seit fünfzehn Jahren nicht mehr. Bei den sogenannten „Rites of Election“, die im Februar stattfanden, wurden fast 800 Erwachsene aus über hundert Pfarreien offiziell in die letzte Phase ihrer Vorbereitung auf die Aufnahme in die Kirche aufgenommen.
Die Zahlen sind bemerkenswert. Laut der Erzdiözese Westminster handelt es sich um den vierthöchsten Wert seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1993. Besonders auffällig ist der starke Anstieg gegenüber dem Vorjahr: Die Zahl der Teilnehmer ist gegenüber 2025 um rund 60 Prozent gestiegen.
Eine liturgische Schwelle
Der „Ritus der Erwählung“ markiert im katholischen Initiationsweg einen entscheidenden Moment. In einer feierlichen Liturgie werden die Namen der Katechumenen – also der noch Ungetauften – sowie der bereits getauften Christen, die in die volle Gemeinschaft mit der Kirche eintreten wollen, öffentlich genannt. Damit beginnt die unmittelbare Vorbereitung auf die Osternacht.
In dieser Nacht empfangen die Neuaufgenommenen die Sakramente der Initiation: Taufe, Firmung und erstmals die Eucharistie. Der Weg, der oft Monate oder Jahre der Katechese umfasst, findet hier seinen Höhepunkt.
Der neu ernannte Erzbischof von Westminster, Richard Moth, sprach bei der Feier von einem „starken Zeichen“ für den geistlichen Weg der Kandidaten. Ihre Entscheidung sei nicht einfach eine persönliche Wahl, sondern eine Antwort auf „die leisen Anrufe des Heiligen Geistes“, wie er in seiner Predigt formulierte.
Eine stille Bewegung
Was sich in London abzeichnet, ist Teil eines breiteren Phänomens. In verschiedenen westlichen Ländern berichten Diözesen seit einigen Jahren von wachsenden Zahlen erwachsener Konversionen. Während traditionelle Milieus schrumpfen, entdecken Menschen außerhalb kirchlicher Strukturen den katholischen Glauben neu.
Auffällig ist dabei, dass viele Konvertiten nicht aus kulturellen Gründen kommen, sondern aus intellektueller und spiritueller Suche. Sie stoßen auf die Kirche oft über Philosophie, Liturgie oder eine Sehnsucht nach metaphysischer Orientierung in einer zunehmend fragmentierten Welt.
Gerade in Großbritannien, das seit der Reformation eine komplizierte Beziehung zum Katholizismus hat, wirkt diese Entwicklung besonders bemerkenswert.
Ein Zeichen gegen den Zeitgeist
Die Zahlen aus London sind kein massiver Umbruch, aber sie sind ein Signal. In einer Gesellschaft, die Religion meist als Relikt der Vergangenheit betrachtet, entscheiden sich hunderte Erwachsene bewusst für eine Kirche, die Anspruch auf Wahrheit, Tradition und Sakramentalität erhebt.
Vielleicht liegt gerade darin ihre Anziehungskraft.
Denn während der Zeitgeist ständig neue Identitäten und Ideologien produziert, bietet die Kirche etwas völlig anderes: eine zweitausendjährige geistige und liturgische Kontinuität.
Und offenbar entdecken immer mehr Menschen genau darin eine Antwort auf die Fragen ihrer Zeit.


Kommentare
... „Während Europa gern als…
... „Während Europa gern als postchristlich beschrieben wird, zeichnet sich in London ein anderes Bild ab. Hunderte Erwachsene bereiten sich darauf vor, in der Osternacht in die katholische Kirche aufgenommen zu werden.“ ...
Im Glauben dieser so intellenten Briten dessen, dass Josua den ihm angeblich ereilten göttlichen Bannbefehl in Kürze vollstreckt???https://www.erf.de/lesen/glaubens-faq/ist-gott-ein-moralisches-monster/33618-6
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