Der Westen analysiert den Iran wie einen gewöhnlichen Staat – und genau darin liegt sein folgenschwerer Irrtum. Militärische Stärke, wirtschaftlicher Druck, diplomatische Signale: All das wird in den üblichen Kategorien durchgerechnet. Doch diese Kategorien greifen zu kurz.
Wie Msgr. Michael Nazir-Ali in seiner Analyse für den National Catholic Register deutlich macht, folgt das iranische Regime einer Logik, die sich nicht allein politisch erklären lässt. Sie ist religiös geprägt – und zwar in einer Weise, die dem westlichen Denken weitgehend fremd geworden ist.
Eine Theologie des Leidens
Im Zentrum steht eine spezifisch schiitische Deutung von Geschichte und Glauben. Das Martyrium gilt nicht als tragisches Scheitern, sondern als geistlicher Triumph. Leiden wird nicht vermieden, sondern aufgeladen – als Weg, der eine höhere Ordnung vorbereitet.
Nazir-Ali verweist auf historische Erfahrungen, die diese Haltung geprägt haben. Die Erinnerung an den Tod Husseins, des Enkels Mohammeds, ist bis heute ein kollektives Ereignis, das durch Rituale des Leidens und der Identifikation wachgehalten wird.
Diese Tradition hat über Jahrhunderte hinweg ein Bewusstsein geformt, in dem Opferbereitschaft nicht als Verlust erscheint, sondern als Teilnahme an einer größeren Geschichte.
Politik im Schatten des Glaubens
Wer diese religiöse Dimension ausblendet, versteht auch das politische Handeln des Regimes nicht. Entscheidungen werden nicht nur nach strategischer Nützlichkeit getroffen, sondern im Horizont einer eschatologischen Erwartung.
Die Vorstellung, dass Leiden und Kampf die Wiederkehr des Mahdi beschleunigen können, verleiht selbst militärischen Rückschlägen eine eigene Bedeutung. Niederlagen verlieren ihren abschließenden Charakter, weil sie in einen größeren Zusammenhang eingeordnet werden.
Das erklärt, warum äußerer Druck nicht automatisch zu einem Einlenken führt. Was von außen als Eskalation erscheint, kann innen als Bestätigung gedeutet werden.
Die Illusion schneller Lösungen
Gerade hier liegt eine der größten Fehleinschätzungen westlicher Politik. Die Annahme, ein Regime werde unter genügend Druck zusammenbrechen, setzt ein bestimmtes Verständnis von Rationalität voraus.
Doch wenn Opfer als sinnvoll interpretiert werden, verändert sich diese Rechnung grundlegend.
Nazir-Ali erinnert an den Iran-Irak-Krieg, in dem selbst Jugendliche in den Kampf geschickt wurden – nicht trotz, sondern im Namen dieser religiösen Überzeugung. Der Tod wurde nicht verschwiegen, sondern öffentlich gedeutet und in einen größeren Sinnzusammenhang gestellt.
Ein System, das so denkt, reagiert anders auf Bedrohung.
Instrumentalisierte Frömmigkeit
Hinzu kommt, dass diese religiösen Motive gezielt politisch genutzt werden. Das Regime hat die Symbolik des Martyriums systematisch in seine Machtstruktur integriert. Organisationen wie die Basij greifen diese Ideen auf und setzen sie in konkretes Handeln um.
Das Ergebnis ist eine Verbindung von religiöser Überzeugung und politischer Kontrolle, die sich gegenseitig verstärken.
Dabei entsteht ein Spannungsverhältnis, das auch Nazir-Ali betont: Der Anspruch, für Gerechtigkeit einzutreten, steht im Kontrast zur Unterdrückung im eigenen Land. Doch gerade diese Spannung wird nicht als Widerspruch aufgelöst, sondern innerhalb des Systems interpretiert.
Ein Konflikt mit anderer Logik
Der Konflikt mit dem Iran ist daher nicht nur ein geopolitischer, sondern auch ein weltanschaulicher. Er folgt nicht den gewohnten Mustern, in denen Interessen klar gegeneinander abgewogen werden.
Es geht um unterschiedliche Auffassungen davon, was Erfolg bedeutet, was Opfer wert sind und wie Geschichte verstanden wird.
Wer diese Unterschiede nicht ernst nimmt, läuft Gefahr, falsche Schlüsse zu ziehen. Strategien, die auf kurzfristige Effekte setzen, greifen ins Leere, wenn die Gegenseite langfristig und in anderen Kategorien denkt.
Die eigentliche Herausforderung
Die Analyse von Nazir-Ali führt zu einer unbequemen Einsicht: Der Westen steht einem Gegner gegenüber, dessen Handeln aus Quellen gespeist wird, die er selbst weitgehend verloren hat.
Das bedeutet nicht, diese Logik zu übernehmen. Aber es bedeutet, sie zu verstehen.
Denn ohne dieses Verständnis bleibt jede Politik blind für die eigentliche Dynamik des Konflikts. Und eine solche Blindheit kann sich in einer Situation, die ohnehin von Unsicherheit geprägt ist, als fatal erweisen.
Der Iran ist kein gewöhnlicher Gegner. Und genau deshalb braucht es mehr als die üblichen Antworten.


Kommentare
... „Das niederländische…
... „Das niederländische Parlament hat mit knapper Mehrheit ein Verbot der Muslimbruderschaft gefordert. Es ist ein Schritt, der lange als politisch unmöglich galt und nun Realität geworden ist“!
...
Was in Deutschland scheinbar schon deshalb schier unmöglich ist, weil unsere(?) protestantische Göttin(?) längst diktierte, dass der Islam zu Deutschland gehört!!! https://www.welt.de/politik/deutschland/article12701606/Integration-Fuer-Angela-Merkel-gehoert-der-Islam-zu-Deutschland.html
Vielleicht sogar darum, weil es ein Iraner war https://de.wikipedia.org/wiki/Madjid_Samii der mir einst - nach einem extremen Unfall - das Leben rettete!?
Passio( n)
Das Leiden als transzendentale Intervention in die Wirklichkeit...
Betrachtet man hingegen den säkularisierten Westen, der sich jeden Weg zu einer gültigen Transzendenz qua Materialismus verschließt und der darüber selbst die Ratio in ihrer Grundlegung verliert, dann wird sie unter einer Lupe die kulturelle Schwäche des Westens sehr deutlich!
Der Islam gehørt nicht zu…
Der Islam gehørt nicht zu Deutschland. Der Islam kan im Iran bleiben dort wo er hingehørt.
Er ist nicht kompatibel mit unserer christlichen Kultur.,
So ist es! ....
@Karla
So ist es! Allerdings sollte man den Iran mit seiner, dieser islamischen Religion bzw. Ideologie einfach in Ruhe lassen! Keiner hat das Recht, einem anderen Land seine Religion/seine gelebte Ideologie abzusprechen und von außen in ein solches Land einfach einzufallen, nur, weil es demjenigen nicht gefällt, wer, was und wie dort regiert oder herrscht wird. Allein ein Volk eines islamischen - oder sonstigen - Landes hat das Recht daran etwas zu ändern, wenn es das will!
Und von uns, einem christlich geprägten, europäischen Land hat sich der Islam daher ebenso gefälligst fernzuhalten wie wir von diesem.
Und wenn uns aber unsere Regierenden diesen Islam aufdrängen und aufdrücken - was sie sichtbar seit langem tun - begehen sie an uns, an unserem Volk ein Verbrechen!!
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