Papst Leo XIV. hat in einem ausführlichen Schreiben an das Presbyterium der Erzdiözese Madrid das „authentische Kernstück des Priestertums“ benannt: Der Priester sei berufen, alter Christus zu sein – ein anderer Christus. Ein Satz, der für Generationen katholischer Priester geistliche Selbstverständlichkeit war. Und doch genügte er, um umgehend Widerspruch aus progressiven theologischen Kreisen hervorzurufen.
Der vollständige Brief, veröffentlicht unter anderem bei rorate-caeli.blogspot.com, entfaltet in dichter Bildsprache die Identität des Priesters. Leo spricht nicht von Effizienz, Strukturreformen oder Pastoralstrategien. Er spricht von Eucharistie, Sakrament, Gebet, Zölibat, apostolischer Tradition. Er spricht von Konfiguration mit Christus.
Gerade das scheint für manche bereits ein Ärgernis zu sein.
Der Kern: Christusförmigkeit statt Funktionsamt
Leo XIV. beschreibt das Priestertum nicht als bloße Funktion innerhalb einer kirchlichen Organisation. Es gehe nicht darum, neue Modelle zu erfinden oder die Identität neu zu definieren, sondern „das Priestertum in seinem authentischsten Kern neu vorzulegen – alter Christus zu sein“.
Diese Formulierung ist theologisch klar verankert: Das Weihesakrament prägt einen unauslöschlichen Charakter ein und konfiguriert den Priester sakramental mit Christus, dem Haupt der Kirche. Der Priester handelt in persona Christi capitis, insbesondere in der Eucharistie.
Leo bleibt dabei ganz in der Linie der großen Tradition des Lehramts von Pius X. bis Johannes Paul II. und Benedikt XVI. Das Zweite Vatikanische Konzil selbst spricht in Presbyterorum Ordinis ausdrücklich von dieser Christusförmigkeit des Priesters.
Und doch reagiert der Liturgiewissenschaftler Andrea Grillo mit scharfer Ablehnung. Er bezeichnet die Rede vom alter Christus als theologisch spät, apologetisch gefärbt und als Ausdruck einer überholten ekklesiologischen Denkweise. Für ihn sei diese Sprache typisch für die Zeit zwischen 1870 und 1950 – für eine Kirche als „societas inaequalis“.
Hier zeigt sich die eigentliche Bruchlinie.
Baptismus gegen Weihe?
Grillo argumentiert, die eigentliche Christusförmigkeit komme aus der Taufe. Jeder Getaufte sei alter Christus; die Konzentration auf das geweihte Amt verfälsche die frühkirchliche Theologie.
Doch hier wird ein falscher Gegensatz konstruiert. Niemand bestreitet die fundamentale Würde der Taufe. Aber das sakramentale Amtspriestertum ist kein Konkurrenzmodell zum allgemeinen Priestertum der Gläubigen, sondern unterscheidet sich ihm wesensmäßig und nicht nur graduell, wie das Konzil lehrt. Wer diese Unterscheidung verwischt, relativiert nicht die Hierarchie – sondern die Sakramentalität selbst.
Leo XIV. knüpft bewusst an die sakramentale Realität an: Der Priester ist nicht Selbstzweck, nicht spiritueller Funktionär, nicht Moderator religiöser Prozesse. Er ist Zeichen und Werkzeug Christi selbst. Nicht als persönlicher Ersatz-Christus, sondern als sakramentales Werkzeug des einen Herrn.
Kathedrale als Gleichnis
Besonders aufschlussreich ist Leos Bild von der Kathedrale. Fassade, Schwelle, Säulen, Taufbecken, Beichtstuhl, Altar, Tabernakel – alles verweist auf die innere Ordnung des Priestertums. Der Priester ist sichtbar, aber nicht Selbstzweck. Er gehört ganz Gott, ohne der Welt fernzubleiben. Er ist verankert in der apostolischen Tradition, nicht in zeitgeistigen Interpretationen.
Grillo wirft dem Papst eine „selbstreferentielle“ Deutung vor. Doch in Wahrheit ist es das Gegenteil: Gerade weil der Priester alter Christus ist, verweist er radikal von sich weg – auf den, den er repräsentiert. Wer die sakramentale Differenz leugnet, macht das Amt nicht bescheidener, sondern banaler.
Eine alte Versuchung
Die eigentliche Sorge hinter Grillos Kritik ist erkennbar: die Angst vor einer klaren ontologischen Differenz zwischen geweihtem Amt und Laien. Doch die Kirche ist keine nivellierte Gemeinschaft ohne Struktur. Sie ist Leib Christi, mit Gliedern unterschiedlicher Funktion, aber gleicher Würde.
Die Versuchung der Moderne besteht nicht in zu viel Sakralität, sondern in ihrer Entleerung. Wenn der Priester nur noch „Freund des Bräutigams“ im funktionalen Sinne ist, verliert er jene sakramentale Identität, die ihm erlaubt, Christus selbst gegenwärtig zu setzen.
Leo XIV. hat mit seinem Brief keinen nostalgischen Rückgriff gewagt. Er hat an das erinnert, was das Priestertum seit jeher trägt: Eucharistie, Opfer, Anbetung, Heiligkeit. „Seid ganz sein“, zitiert er den heiligen Johannes von Ávila.
Dass eine solche Sprache heute Empörung auslöst, sagt weniger über den Papst als über den Zustand mancher theologischer Milieus aus. Wenn die Rede vom alter Christus als Provokation gilt, dann steht nicht das Priestertum zur Debatte – sondern das Verständnis der Kirche selbst.


Kommentare
Wesentliche Gedanken
Solche wesentlichen Gedanken zeigen sehr deutlich auf, was unserer Zeit im Westen fehlt und woran sie scheitert*: ein transzendental begründetes nachDenken.
*Es scheitern eben nicht die zugrundeliegenden Glaubens Ideen!
Streitigkeiten von Pharisäern
Aus dem Evangelium : In jener Zeit traten Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, zu Jesus und sagten: Meister, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst. Er antwortete: Was soll ich für euch tun? Sie sagten zu ihm: Lass in deiner Herrlichkeit einen von uns rechts und den andern links neben dir sitzen!
Jesus erwiderte: Ihr wisst nicht, worum ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde? Sie antworteten: Wir können es. Da sagte Jesus zu ihnen: Ihr werdet den Kelch trinken, den ich trinke, und die Taufe empfangen, mit der ich getauft werde. Doch den Platz zu meiner Rechten und zu meiner Linken habe nicht ich zu vergeben; dort werden die sitzen, für die es bestimmt ist.
Wie könnte es also sein ,dass sich eine Kirche oder ein kirchliches Amt mit dem CHRISTUS vergleicht oder gleichsetzt ? Eine solche KIrche hat bis heute das Wort Gottes nicht verstanden .Im besten Falle könnte sie Gottes Beispiel Folgen und wie Jesu Jünger handeln .Davon sind aber leider viele weit entfernt zudem wären genug Vergangenheitssünden aufzuarbeiten und zu bereinigen !
Ein solches Verhalten zeigt auf ,dass diese Kirche bis heute keine wahre Beziehung zu ihrem HERRN lebt ,sondern handelt wie einst die Pharisäer .Das will nicht heißen ,dass es keine wahren Christen in den Kirchen gibt .Dieses Urteil über den Einzelnen steht aber allein Gott dem HERRN zu,der über seine Braut und wahre Gemeinde weiß . Somit sind vermutlich sämtliche Institutionen nicht im Sinne Gottes und können uns auch nicht schützen oder reinigen ,dies liegt in Verantwortung jedes Einzelnen und im Leben einer Beziehung mit/zu Gott. Gemeinschaft ist gut ,darin liegt aber auch die Freiheit ! Gerade diese gibt es kaum in Institutionen oder Religionen ,welche auf dem Weg behilflich sein können ,wenn sie uns aber auch die Freiheit und Selbstbestimmung lassen .
Wer sich Jesus zugehörig weiß und ihm untersteht, für den ist ein durch den Geist der Freiheit bestimmtes Leben möglich: „Der Herr ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“ (2. Korinther 3,17).
Prüft aber alles, das Gute haltet fest! (1Kor 14,29; Phil 1,10; 1Joh 4,1)
Die Reaktion Grillos zeigt,…
Die Reaktion Grillos zeigt, wie wichtig die Ausführungen des Papstes waren, denn diese Kritik teilen nicht gerade wenige.
Ich möchte noch ein Zitat des hl. Pfarrers von Ars anführen, welcher sagte: "Würde jemand das Wesen des Priesters verstehen, so würde er sterben; nicht vor Furcht, sondern aus Liebe."
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