Kein Start möglich wegen Schneefall, kein Rücktransport ins Terminal möglich wegen fehlender Busse – und dann schlug das berüchtigte Nachtflugverbot zu: Ab Mitternacht Feierabend für das Bodenpersonal. Ein Desaster, das in keinem anderen vergleichbaren Land der Welt so passieren könnte.
Wenn Regeln wichtiger sind als Menschen
Was als normaler Abendflug begann (München nach Kopenhagen, planmäßig 95 Minuten), endete als unfreiwillige Übernachtung im kalten Rumpf eines Airbus A320neo. Passagiere saßen bereits angeschnallt an Bord, als der Schnee die Maschinen festhielt. Nach zweieinhalb Stunden Durchsagen und immer neuen Hoffnungen auf einen verspäteten Start kam um kurz vor Mitternacht die Streichung. Normalerweise rollen dann Busse vor – in München in dieser Nacht nicht.
Der Grund? Zunächst hieß es, es gebe schlicht nicht genug Vorfeldbusse. Später dann die bittere Pointe: Selbst als Kapazitäten frei wurden, waren die Busfahrer bereits nach Hause gegangen – tariflich korrekt, pünktlich um null Uhr, weil das Nachtflugverbot greift und der Flughafen offiziell „geschlossen“ ist. Keine Ausnahme, keine Reservebereitschaft, keine Notfallkette. Stattdessen: Ansage alle halbe Stunde „Wir versuchen, Busse zu organisieren“ – bis irgendwann klar war, dass niemand mehr kommt.
Kinder weinen, Senioren frieren – und es gibt nur ein paar Wasserflaschen und zu wenig Decken
An Bord einer der Maschinen befand sich eine dänische Familie, die gerade aus Thailand zurückkehrte – die Kinder klein, die Eltern am Ende ihrer Kräfte. „Weder genug zu essen noch zu trinken, keine Decken“, berichtete der Vater später. Nur ein paar Wasserflaschen wurden verteilt. Ähnlich erging es Hunderten anderen: Menschen nach Langstreckenflügen, Familien, ältere Reisende. In einem Flugzeug ohne Frischluftzufuhr wie am Gate, ohne richtige Heizung, ohne Toilettenbenutzungsmöglichkeit wie im Terminal – acht Stunden.
Das ist kein Ausrutscher oder Unfall. Das ist systemisches Versagen.
Deutschlands Spezialität: Perfektionismus, der lebensgefährlich wird
Deutschland liebt Regeln. Und zwar bis in die letzte Verästelung. Das Nachtflugverbot von 0–5 Uhr wird mit quasi-religiöser Strenge verteidigt – Lärmschutz geht vor alles. Tarifverträge regeln exakt, wann ein Busfahrer gehen darf. Sicherheitsvorschriften schreiben vor, wer wann wo fahren darf. Und wehe, jemand improvisiert.
Das Ergebnis: Eine Kette aus starren Vorschriften schafft eine Situation, die für vulnerable Passagiere (Kinder, Kranke, Ältere) potenziell gesundheits- und sogar lebensgefährlich werden kann. Keine ausreichende Notfallversorgung, keine Zwangsbereitschaftsdienste, keine pragmatische Ausnahmeregelung bei Extremwetter. Stattdessen: „Tut uns leid, die Regeln lassen das nicht zu.“
In anderen Ländern mit vergleichbarem Verkehr (London-Heathrow, Amsterdam-Schiphol, Paris-CDG, sogar in Skandinavien) hätte man in so einer Nacht zumindest provisorisch Busse samt Fahrern organisiert – per Dienst nach Plan, per Freiwilligenzuschlag, per externer Firma. In Deutschland siegt das Dickicht aus Verordnungen, Tarifdetails und Zuständigkeitsgrenzen. Und die Passagiere frieren.
Am Morgen die Erlösung - Lufthansa bedauert die "Unnannehmlichkeit"
Erst gegen 5–6 Uhr morgens rollten wieder Busse vor. Die Menschen wurden ins Terminal gebracht, auf andere Flüge umgebucht. Viele Maschinen hatten erneut Verspätung. Lufthansa spricht von „tiefem Bedauern über die Unannehmlichkeiten“, so als ob mal kurz die Kaffeemaschine ausgefallen wäre oder nur eine Toilette funktioniert hat. Der Flughafen bedauert ebenfalls. Beide verweisen auf Schnee und fehlende Kapazitäten.
Doch die entscheidende Frage bleibt: Warum muss ein hochmoderner, jahrelang als „Pünktlichkeits-Weltmeister“ gefeierter Flughafen bei absehbarem Wintereinbruch derart hilflos wirken? Warum wird ein System gebaut, das bei der ersten echten Belastung zusammenbricht und Hunderte Menschen über Nacht einsperrt?
Es ist höchste Zeit, dass Deutschland seine heilige Allianz aus überperfekten Regeln und Null-Fehler-Toleranz überdenkt – bevor das nächste Mal nicht nur eine Nacht im Flieger droht, sondern wirklich Schlimmeres passiert.


Kommentare
Diese brD ist nicht…
Diese brD ist nicht reformierbar, sie muß zusammengeklappt werden und neu geschaffen, geht aber nicht, weil eine Schicht darüber die EU gepackt wurde. 1989 kam ich aus der ddR in eine funktionierende brD, aus Hamburg sind wir längst alle rausgezogen, nach 35 Jahren muß man feststellen, daß das Land absichtlich ruiniert wurde.
... „Kein Start möglich…
... „Kein Start möglich wegen Schneefall, kein Rücktransport ins Terminal möglich wegen fehlender Busse – und dann schlug das berüchtigte Nachtflugverbot zu: Ab Mitternacht Feierabend für das Bodenpersonal. Ein Desaster, das in keinem anderen vergleichbaren Land der Welt so passieren könnte.“ ...
Ja mei - schon Emanuel Geibel wusste: „Am deutschen Wesen mag die Welt genesen“!!!
Nach Plan
Mit den Smartphonefummlern geht das selbständige Denken verloren. Jeder braucht eine Anweisung auf dem Smartphone. In ungeplanten Situationen kann sich niemand mehr zurechtfinden. Der Plan oder die Planänderung muß am Smartphone abgelesen werden können. Die mündliche Weitergabe von Informationen oder das Improvisieren ist auch gar nicht erlaubt und hat die Beendigung des Arbeitsverhältnisses zur Folge. Es tun sich Organisationsschwächen auf, die bisher so nicht bekannt waren. Es sollte der Flughafenbetrieb erst wieder aufgenommen werden, wenn man das in den Griff bekommen hat.
Winter
Der Winter darf in den meisten Ländern - natürlich nicht in Äquatornähe - schon mal in die gewohnte Lebensweise der Menschen eingreifen. Da kann es sogar geschehen, dass Verantwortlich von Flughäfen die Wetterberichte ansehen. Und wenn ein Blizzard im Anflug ist, gibt's halt keine Abflüge; allerdings eine kleine Weile, bevor der zuschlägt. Überall, nur nicht in Deutschland. Da kommt der Schnee so unverhofft wie Randale in Berlin am 1. Mai. Ach ja, Berlin. Die Passagiere hatten Glück, dass dies in München passiert ist. Am BER hätten sie keine 8 Stunden ausharren müssen, sondern 8 Tage!
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