Die übrigen Kandidaten spielen weiterhin eine Rolle, doch der grundlegende Konflikt ist inzwischen eindeutig: Brasilien entscheidet zwischen dem politischen Lager des PT und einer Mitte-Rechts-Kraft, die sich um den Namen Bolsonaro gesammelt hat.
Die jüngsten Umfragen bestätigen, wie eng diese Wahl geworden ist
In den sechs wichtigsten Erhebungen, die zwischen dem 24. und 30. September veröffentlicht wurden, liegt Lula im ersten Wahlgang teilweise knapp vor Flávio Bolsonaro, teilweise herrscht statistischer Gleichstand. Atlas/Bloomberg sieht Lula bei 45,3 und Flávio bei 42,2 Prozent. Meio/Ideia misst 39,4 zu 38,4 Prozent. Palver kommt sogar auf 44 zu 44 Prozent. Quaest sieht 39 zu 34, BTG/Nexus 42 zu 37 Prozent.
Noch deutlicher wird das Bild in den Stichwahlszenarien. Atlas/Bloomberg misst 47,7 Prozent für Flávio und 47,6 Prozent für Lula. Meio/Ideia kommt auf 48,5 zu 48 Prozent für Lula, Palver auf 47 zu 45 für Flávio, Quaest auf 42 zu 42. Auch die anderen Institute zeigen lediglich minimale Abstände innerhalb der Fehlertoleranz.
Ein am 30. September veröffentlichter Mittelwert von zwanzig Instituten sieht Lula im ersten Wahlgang bei 39,6 und Flávio Bolsonaro bei 35,5 Prozent. Die wichtigste Aussage dieser Zahlen ist jedoch nicht der Abstand von vier Punkten, sondern die Tatsache, dass eine zweite Runde zwischen beiden weiterhin völlig offen ist.
Die Vorcaro-Affäre erreicht den Obersten Gerichtshof
Gerade in dieser extrem knappen Situation ist eine Krise des Supremo Tribunal Federal, des brasilianischen Obersten Gerichtshofs, mitten in den Wahlkampf geraten.
Ausgangspunkt ist die Affäre um die Banco Master und ihren früheren Eigentümer Daniel Vorcaro. Ermittlungen und Nachrichten aus seinem Mobiltelefon brachten Verbindungen zu hochrangigen Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Justiz ans Licht.
Ein Teil des Materials betrifft den Richter Alexandre de Moraes, der seit Jahren im Mittelpunkt der schärfsten politischen Auseinandersetzungen des Landes steht.
Der Präsident des STF, Edson Fachin, eröffnete Anfang September Verfahren zur Klärung möglicher Unregelmäßigkeiten und verlangte Stellungnahmen von Moraes, von Richter André Mendonça, der Bundesstaatsanwaltschaft und der Bundespolizei. Wenige Tage später entzog Fachin Moraes zudem die Leitung des sogenannten Fake-News-Ermittlungsverfahrens, die dieser seit 2019 innehatte.
Am 15. September beschäftigte sich schließlich das Plenum des Gerichts mit einem Polizeibericht über mögliche Kontakte zwischen Vorcaro und Moraes. Über den materiellen Inhalt der Vorwürfe wurde noch nicht entschieden. Die Richter stritten zunächst darüber, ob dieses Verfahren mit einem anderen Fall gemeinsam behandelt werden sollte.
Gerade diese Abstimmung zeigte jedoch, dass der Gerichtshof intern keineswegs geschlossen auftritt.
Alexandre de Moraes und Cristiano Zanin unterstützten den Vorschlag, die Verfahren zusammenzuführen. Edson Fachin, André Mendonça, Luiz Fux und Cármen Lúcia lehnten dies ab. Flávio Dino beantragte schließlich eine Unterbrechung des Verfahrens.
Für Flávio Bolsonaro bietet die Affäre neues Material für eine Kritik, die das konservative Lager seit Jahren erhebt: Der Oberste Gerichtshof habe seine traditionelle Rolle als Verfassungsgericht verlassen und einen außergewöhnlich weitreichenden politischen Einfluss entwickelt.
Lula und seine Verbündeten vertreten die gegenteilige Position. Sie sehen die Entscheidungen des STF in den vergangenen Jahren als notwendigen Schutz demokratischer Institutionen.
Damit ist der seit Jahren schwelende Konflikt zwischen Politik und Gerichtshof selbst zu einem Wahlkampfthema geworden.
Der nächste Präsident wird zwei neue STF-Richter ernennen
Die Präsidentschaftswahl entscheidet zugleich über die künftige Zusammensetzung des Obersten Gerichtshofs. Das STF besteht aus elf Richtern. Sie werden vom Präsidenten der Republik nominiert und anschließend vom Senat bestätigt. Während der kommenden Amtsperiode von 2027 bis 2030 werden voraussichtlich zwei Richter wegen der Altersgrenze von 75 Jahren ausscheiden. Luiz Fux wird den Gerichtshof 2028 verlassen, Cármen Lúcia 2029.
Damit wird der nächste Präsident voraussichtlich zwei der elf Richter neu bestimmen können. Gerade Fux und Cármen Lúcia gehörten in der jüngsten Auseinandersetzung um den Fall Vorcaro-Moraes zu jener Gruppe, die sich gegen die von Moraes unterstützte Zusammenlegung der Verfahren stellte. Ihre künftige Ablösung erhält dadurch zusätzliche politische Bedeutung.
Und Alexandre de Moraes könnte 2027 Präsident des STF werden
Noch wichtiger ist ein weiterer Termin. Seit September 2025 steht Edson Fachin an der Spitze des Supremo Tribunal Federal. Alexandre de Moraes ist sein Vizepräsident. Fachins Amtszeit läuft bis September 2027. Traditionell wählt das STF jeweils den dienstältesten Richter zum Präsidenten, der dieses Amt noch nicht ausgeübt hat. Nach dieser seit Jahrzehnten praktizierten Regel ist Alexandre de Moraes der nächste in der Reihe.
Allerdings hat gerade die aktuelle Krise erstmals seit langer Zeit eine Debatte darüber ausgelöst, ob diese praktisch automatische Rotation tatsächlich beibehalten wird. Moraes gilt weiterhin als naheliegender Nachfolger Fachins, doch die Wahl im Sommer 2027 könnte diesmal politisch weniger selbstverständlich sein als früher.
Sollte die bisherige Tradition bestehen bleiben, ergibt sich eine politisch höchst brisante Konstellation: Im Januar 2027 beginnt eine neue Präsidentschaft. Im Februar tritt ein teilweise neu gewählter Kongress zusammen. Und im September könnte Alexandre de Moraes die Präsidentschaft des Obersten Gerichtshofs übernehmen.
Der Richter, der wie kaum ein anderer zum Symbol des Konflikts zwischen STF und Bolsonaro-Lager geworden ist, könnte also gerade dann an die Spitze des Gerichts treten, wenn sich die Machtverhältnisse in Exekutive und Legislative neu ordnen.
Die entscheidende Wahl könnte deshalb im Kongress stattfinden
Sollte am 4. Oktober kein Präsidentschaftskandidat die notwendige Mehrheit erhalten, kommt es am 25. Oktober zur Stichwahl. Für Senat und Abgeordnetenkammer gibt es dagegen keinen zweiten Wahlgang. Am Sonntag wird die Zusammensetzung des Kongresses endgültig entschieden.
Alle 513 Abgeordneten werden neu gewählt. Im Senat stehen 54 der insgesamt 81 Sitze zur Wahl — also zwei Drittel der gesamten Kammer. In jedem Bundesstaat werden die beiden Kandidaten mit den meisten Stimmen direkt gewählt.
Die Präsidentschaft kann somit am Sonntag noch offenbleiben. Der Kongress nicht.
Und gerade im Senat könnte sich eine Veränderung ergeben, die für das institutionelle Gleichgewicht Brasiliens weitreichende Folgen hätte.
Mitte-Rechts könnte im Senat stark zulegen — aber das reicht nicht für ein Impeachment
Eine detaillierte Aufzählung der zahlreichen brasilianischen Parteien führt bei ausländischen Lesern schnell in die Irre. Politisch lässt sich das Bild besser in große Lager zusammenfassen. Auf der einen Seite stehen PT und die mit Lula verbundene Mitte-Links-Koalition. Auf der anderen Seite stehen PL, Republicanos und große Teile weiterer konservativer, liberaler oder Mitte-Rechts-Parteien.
Dazwischen befindet sich das für Brasilien typische pragmatische Zentrum, dessen Abgeordnete und Senatoren ihre Position häufig nicht nur nach ideologischen Gesichtspunkten, sondern auch nach regionalen und machtpolitischen Interessen bestimmen.
Eine Projektion des Fachportals Congresso em Foco kam auf der Grundlage regionaler Umfragen zu dem Ergebnis, dass Parteien der Rechten und Mitte-Rechts ab 2027 auf etwa 40 der 81 Senatoren kommen könnten. Damit läge dieses Lager sehr nahe an der einfachen absoluten Mehrheit von 41 Sitzen. Für ein mögliches Amtsenthebungsverfahren gegen einen Richter des STF ist dies jedoch nicht genug.
Hier liegt ein entscheidender Punkt.
Für eine endgültige Verurteilung und Amtsenthebung eines STF-Richters ist eine Zweidrittelmehrheit im Senat erforderlich. Bei 81 Senatoren bedeutet das 54 Stimmen. Die Schwelle liegt also deutlich über einer normalen parlamentarischen Mehrheit. Selbst ein starker Wahlerfolg des Mitte-Rechts-Lagers würde keineswegs automatisch bedeuten, dass Alexandre de Moraes seines Amtes enthoben werden könnte. Im aktuellen politischen Streit wird genau diese Zahl — 54 Senatoren — als entscheidende Schwelle genannt.
Diese Tatsache verändert die Perspektive grundlegend.
Das realistischere politische Ziel einer veränderten Senatsmehrheit wäre zunächst nicht die sofortige Absetzung von Moraes. Es wäre die Veränderung des institutionellen Umfelds, in dem solche Verfahren überhaupt behandelt werden.
Der Präsident des Senats wird deshalb entscheidend
Gegen Alexandre de Moraes wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Impeachment-Anträge eingereicht — in der politischen Debatte ist häufig von rund sechzig Anträgen die Rede. Sie führten bisher nicht zu einem Verfahren, das seine Amtsenthebung realistisch in Reichweite gebracht hätte. Dabei besitzt der Präsident des Senats erheblichen Einfluss auf die Behandlung solcher Anträge.
Der derzeitige Senatspräsident Davi Alcolumbre wird deshalb von der Opposition regelmäßig dafür kritisiert, Verfahren gegen Moraes nicht voranzutreiben. Das könnte sich 2027 ändern.
Nach dem Zusammentritt des neuen Senats wird dessen Präsidium neu gewählt. Alcolumbre bleibt zwar Senator, seine Wiederwahl zum Präsidenten ist jedoch keineswegs automatisch. Eine neue Mehrheit könnte deshalb zunächst einen neuen Senatspräsidenten bestimmen, der bereit wäre, Anträge gegen STF-Richter überhaupt institutionell voranzutreiben. Das wäre etwas anderes als eine erfolgreiche Amtsenthebung. Für diese bliebe die hohe Hürde von 54 Stimmen bestehen.
Gerade diese Unterscheidung ist wichtig: Ein Wahlerfolg der Mitte-Rechts-Kräfte könnte den politischen Stillstand bei solchen Verfahren durchbrechen. Er würde aber noch lange keine Zweidrittelmehrheit garantieren.
Auch im Abgeordnetenhaus bleibt die Linke voraussichtlich in der Minderheit
Auch in der Câmara dos Deputados, der brasilianischen Abgeordnetenkammer, deuten die Projektionen darauf hin, dass die Linke keine eigene Mehrheit erhalten wird.
Eine im September veröffentlichte Projektion des parlamentarischen Analyseinstituts DIAP sieht beispielsweise im Mittel 107 Sitze für die Föderation PP/União, 91 für die PL, 87 für die Föderation PT-PCdoB-PV, 52 für die PSD und 48 für Republicanos.
Die brasilianische Parteienlandschaft ist dabei zu beweglich, um alle diese Mandate einfach einem ideologischen Block zuzuschlagen. Dennoch ist die Grundtendenz klar: Mitte, Mitte-Rechts und Rechte werden voraussichtlich erheblich stärker vertreten sein als die eigentliche PT-Linke.
Das bedeutet auch: Selbst ein erneuter Wahlsieg Lulas würde ihm keine automatische parlamentarische Mehrheit verschaffen. Ebenso müsste Flávio Bolsonaro im Falle eines Wahlsiegs erst aus einem sehr heterogenen Mitte-Rechts-Lager eine handlungsfähige parlamentarische Mehrheit formen. Gerade darin liegt der Unterschied zwischen einer zahlenmäßig konservativen Mehrheit und einer politisch geschlossenen Mehrheit.
2027: Drei Machtzentren werden gleichzeitig neu geordnet
Brasilien könnte damit 2027 in eine institutionell ungewöhnliche Situation eintreten.
Ein wiedergewählter Lula oder ein neuer Präsident Flávio Bolsonaro zieht in den Palácio do Planalto ein. Ein weitgehend neu zusammengesetzter Kongress nimmt seine Arbeit auf. Der Senat wählt einen neuen Präsidenten. Alexandre de Moraes könnte wenige Monate später die Leitung des STF übernehmen. Und in den folgenden beiden Jahren wird der Staatspräsident voraussichtlich zwei neue Mitglieder des Obersten Gerichtshofs ernennen.
Die Wahl von 2026 ist deshalb nicht einfach die Frage: Lula oder Bolsonaro?
Sie entscheidet zugleich darüber, wer die Exekutive kontrolliert, welche politische Mehrheit den Kongress prägt, wer den Senat führt, wie stark dieser Senat gegenüber dem STF auftreten wird, und wer zwei der nächsten elf Richter des Obersten Gerichtshofs nominieren darf.
Es geht um das Kräftegleichgewicht im brasilianischen Staat
Für die brasilianische Mitte-Rechts und Rechte geht es deshalb längst nicht mehr nur um einen Regierungswechsel
Seit Jahren lautet ihr Vorwurf, der Supremo Tribunal Federal und vor allem Alexandre de Moraes hätten Kompetenzen übernommen, die in einer klassischen Gewaltenteilung Parlament, Regierung und Ermittlungsbehörden zukommen müssten. Das PT-Lager weist diese Darstellung zurück. Es argumentiert, das Gericht habe demokratische Institutionen gegen Angriffe des Bolsonarismus schützen müssen.
Hinter diesem Konflikt steht zugleich eine breitere politische Auseinandersetzung in Lateinamerika.
Konservative Kräfte betrachten den PT weiterhin als einen zentralen Bestandteil jenes politischen Netzes, das sich seit Jahrzehnten um das Foro de São Paulo gebildet hat. Lula und seine Verbündeten bestreiten dagegen, dass daraus eine institutionelle Strategie zur Kontrolle des brasilianischen Staates abgeleitet werden könne.
Diese gegensätzlichen Deutungen werden auch nach der Wahl bestehen bleiben. Doch eines lässt sich bereits heute feststellen:
Der außergewöhnlich starke politische Einfluss des Supremo Tribunal Federal ist selbst zu einem zentralen Gegenstand der brasilianischen Politik geworden. Deshalb könnte die politisch folgenreichste Entscheidung vom 4. Oktober nicht allein die Präsidentschaftswahl sein.
Lula und Flávio Bolsonaro werden wahrscheinlich noch drei weitere Wochen um den Palácio do Planalto kämpfen.
Der Kongress wird dagegen bereits am Sonntag feststehen.
Dann wird entschieden sein, welche 513 Abgeordneten und welche 54 neu gewählten Senatoren im Februar 2027 ihre Mandate antreten. Eine Mitte-Rechts-Mehrheit allein würde Alexandre de Moraes nicht aus dem Amt entfernen können. Dafür wären 54 Senatoren und damit zwei Drittel des Hauses erforderlich.
Sie könnte aber etwas anderes bewirken: einen Senat hervorbringen, der bereit ist, seine verfassungsmäßigen Befugnisse gegenüber dem Obersten Gerichtshof erheblich offensiver auszuüben als bisher. Und genau darin könnte eine der tiefgreifendsten Folgen dieser brasilianischen Wahl liegen.


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