Berlin ist die Stadt der Bettler. Man kann kaum eine Kurzstrecke mit der U- oder S-Bahn fahren, ohne angebettelt zu werden. Mit oder ohne Musik. Es gehört einfach dazu. In Berlin wird man im öffentlichen Nahverkehr nicht kontrolliert (oder kaum jemals) – aber angebettelt.
Nun weht uns das Wetter frühlingshaft an. Es ist also die ideale Zeit, um entspannt draußen zu sitzen und Kaffee zu trinken. Aber »denkste!«, wie der Berliner sagt. Schon kommen sie, die Bettler. Sie sind gut organisiert, haben sich die Jagdgründe untereinander aufgeteilt – und sie haben sich kostümiert.
Es sind Szenen wie aus einem historischen Film oder aus einem Theaterstück, in dem es die Rolle des armen Bettlers gibt: Da humpelt jemand heran, der viel zu warm angezogen ist. Man vermutet, dass er auch in seinen Klamotten schläft. Man sieht regelrecht, dass die Kleider müffeln und stinken. Man sieht es, bevor man es riechen kann. Man sieht es auf Entfernung. Manche haben ein Stückchen Brot im Mund. In der einen Hand haben sie einen Plastikbecher, in dem sie Geld einsammeln wollen, in der anderen halten sie eine Gehhilfe, auf die sie sich stützen.
Daran erkennt man die Inszenierung.
Denn im Unterschied zu den Krückstöcken, die man von historischen Filmen kennt, sind die Gehhilfen, die es heute gibt, in der Größe verstellbar. Sie müssten gar nicht in gebückter Haltung herumhumpeln, als könnten sie sich nicht einmal eine Gehilfe leisten, die ihrer Größe entspricht. Sie tun es vorsätzlich. Sie haben die Höhe bewusst falsch eingestellt, weil es stärker wirkt. Es sieht erbärmlich aus. Es ist aber doch nur Theater.
Wir werden getäuscht. Unser sinnlicher Eindruck sagt uns: Hier ist Not. Hier ist deine Barmherzigkeit gefragt – aber es ist doch nur eine verlogene Mitleids-Show – eine Masche, die gerade in Berlin besonders gut zieht.


Add new comment