Eine Fehlentscheidung der Unesco

Reggae wird Kulturerbe

Reggae ist nun Kulturerbe. Weil die Musik einer vielfältigen und zugleich marginalisierten Gesellschaft Ausdruck verleiht. So heißt es in der Begründung. Ein Kommentar.

Bei der diesjährigen Tagung der UN-Kulturorganisation Unesco wurde Reggae zum so genannten immateriellen Kulturerbe ernannt. »Jamaikaner haben Grund zum Feiern«, meinte die Bild, »Bob Marley wäre stolz«.

Es gibt zwei Kategorien. Es gibt Kultur- und Naturstätten, die den Rang des Weltkulturerbes haben (dazu gehört beispielsweise der Dom zu Köln), aber auch traditionelles Wissen, das von Generation zu Generation weitergegeben wird, kann zum Weltkulturerbe – zum so genannten immateriellen Kulturerbe – erklärt werden (wie zum Beispiel die Orgelbaukunst in Deutschland). In die zweite Kategorie gehört die Nominierung für Reggae.

Besonders traditionell ist die Musik, von der gesagt wird, dass sie ihre Wurzeln in den 60er-Jahren hat, allerdings nicht. Inzwischen ist sie schon wieder aus der Mode. Wie auch immer: Die Kommission begründete ihre Entscheidung damit, dass der Musikstil »wichtige Botschaften« transportiere, die sich mit »Themen wie Ungerechtigkeit, Widerstand, Liebe und Menschlichkeit« auseinandersetzten.

Das kann jeder sagen – und singen. Das sind nicht die speziellen Themen von Reggae. Die bestehen wiederum in der Lobpreisung des angeblich ewig lebenden (»ever living«) Kaisers Haile Selassi (der in Wirklichkeit längt tot ist) und in der Beschwörung der göttlichen Wirkung des Rauchens von Marijuana (was ebenfalls umstritten ist).

Deshalb ist es auch gerade die Begründung für die Nominierung, die jemanden wie Michael Klein von sciencefiles aufbringt. Er hat Beispiele herausgesucht, die zeigen, wie verlogen die Preisvergabe seiner Meinung nach ist.

So spricht die Unesco von einer Gemeinschaft, die gleichzeitig vielfältig und marginalisiert ist (»a wide cross-section of society, including various genders, ethnic and religious groups«) – einer Gesellschaft also, in der verschiedene religiöse und ethnische Gruppen zusammenfinden. Was nicht stimmt. Die Reggae-Community ist in Wirklichkeit sehr speziell. Deshalb ist sie auch marginalisiert. Sie ist auch nicht besonders friedlich gegenüber denen, die nicht dazugehören. »I don’t want no peace«, sang einst Peter Tosh.

Dann heißt es, dass Reggae seinen besonderen Wert daraus erhält, dass verschiedene »gender« einbezogen würden. Das passt nun so gar nicht zu einer Textzeile wie »A don’t want no fish/ inna mi Ital dish/ To see mi son become a father/ Mi greatest wish«, was so viel heißt wie: Ich will keinen Schwulen in meiner Familie/ Ich will sehen, wie mein Sohn Vater wird/ Das ist mein größter Wunsch.

Hier wurde nicht der tatsächliche Reggae zum Weltkurerbe erklärt, sondern ein Reggae, der so ist, wie man ihn gerne hätte. Die Preisvergabe sagt mehr über die Ideale der Unesco aus als über Reggae. Ob Bob Marley wirklich stolz wäre, ist auch noch die Frage.

Sven von Storch

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