Die FDP ist schuld. Das ist der durchgehende Tenor der Berichterstattung. Christian Lindner wird als Falschspieler dargestellt, der von Anfang an gewusst hat, dass Jamaika scheitern würde und nur noch den richtigen Moment zur bestmöglichen Inszenierung der Absage abgewartet hatte. Ihm gehe es sowieso nur um sich selbst, um seine Partei, die in einem Jamaika-Bündnis schnell unglaubwürdig geworden wäre. So lauten die Vorwürfe. Lindner stelle die Parteiinteressen über die Verantwortung für das Land. Gerechterweise müsste man ihm allerdings zugestehen, dass er von Anfang an, der Sache nur eine 50/50-Chance eingeräumt hatte.
Die Grünen sind schuld. Zwar stellen sie sich jetzt als diejenigen dar, die über ihren Schatten gesprungen sind, die echtes Entgegenkommen gezeigt hätten, aber andererseits ist auch bekannt geworden, dass insbesondere Jürgen Trittin stets eine unnachgiebige Position vertreten hatte und noch am letzten Tag der Verhandlungen ein Papier vorlegte, dass die anderen verärgert hat, weil er darin die Frage des Familiennachzugs als Frage der Menschlichkeit dargestellt hat, die nicht verhandelbar ist. Er wollte, wie leicht erkennbar war, Jamaika sowieso scheitern lassen.
Die CDU ist schuld. Genauer gesagt Angela Merkel. Warum? Weil sie nichts gemacht hat. Gerade deshalb. Man hat bei den Verhandlungen nicht gewusst, was es ist, das die CDU will. Man musste den Eindruck haben, Angela Merkel warte einfach ab, was sich bei den Verhandlungen ergeben würde, um das Ergebnis nachher als Erfolg ihrer Politik hinstellen zu können. Man kann wirklich nicht sagen, dass sie die Sondierungsgespräche geleitet, dominiert oder gar angeführt hätte. Politik durch reines Aussitzen hat in diesem Fall nicht funktioniert. Die CDU blieb zahnlos und blass. Sie hatte keinen Plan und keine Einsicht in die Fehler ihrer Politik.
Die CSU ist schuld. Hier hatten den Beobachter den Fels vermutet, an dem das stolze Schiff einer Jamaika-Koalition zerschellen würde. Hier wäre die Gelegenheit für Seehofer gewesen, sein Profil zu schärfen und sich von der Schwesterpartei abzugrenzen und zu zeigen, was denn nun das Eigene der CSU ausmacht. Warum tat er das nicht? Weil Seehofer derjenige in der Vierergruppe war, der verhandeln musste, während gleichzeitig an seinem Stuhl gesägt wurde. Er war der unsichere Kandidat. Er war derjenige, der am wenigsten Rückendeckung durch seine eigene Partei hatte. Er kriegte schon Rücktrittsforderungen zu hören, ehe er überhaupt angetreten war.
Die AfD ist schuld. Sowieso und überhaupt. Allein schon, weil es sie gibt. Weil sie den anderen Parteien Wähler weggenommen hat. Weil durch ihren Erfolg Deutschland unregierbar geworden ist. So würden es jedenfalls manche gerne hinstellen, weil sie den .Erfolg der Partei nicht als Ausdruck eines Wählerwillens sehen wollen, sondern lieber einen handlichen Sündenbock haben wollen, mit dem man es sich leicht machen kann, den man vertreiben kann, als er hätte er nichts mit dem Wählerwillen zu tun.
Letzte Frage: Ist nicht vielleicht sogar die SPD an allem schuld? Hätte sie nicht gleich am Wahlabend eine Fortsetzung der großen Koalition ausgeschlossen (die viele erwartet hatten), wäre es gar nicht erst zu den quälenden Jamaika-Verhandlungen gekommen. Nun sind die Verhandlungen gescheitert. Wie sieht es nun aus? Könnte man nun nicht einen unaufgeregten Blick auf die Rolle der SPD werfen, die gerne Verantwortung übernehmen würde? Ist es nicht vielleicht sogar genau das, was die SPD eigentlich wollte und schon am Wahlabend im Hinterkopf hatte: doch eine Neuauflage der Groko. Aber erst nachdem ein bisschen Gras über die Wahlniederlage gewachsen ist – und wenn man nach ihr als Retterin ruft.


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