Koopmans zieht selber den Vergleich: »In meinem Heimatland, so meinte ich, war die Integrationspolitik viel besser aufgestellt als in Deutschland. Dort war es sehr leicht, die niederländische Staatsangehörigkeit zu bekommen, Sprachanforderungen wurden kaum gestellt, die doppelte Staatsangehörigkeit war ohne Einschränkungen erlaubt, es gab das kommunale Wahlrecht für Ausländer, ethnische Selbstorganisationen wurden großzügig subventioniert, und wir hatten zusammen mit Großbritannien die strengste Antidiskriminierungsgesetzgebung Europas.«
Die Niederlande sah sich als führend in Sachen Multikulti – und war stolz darauf. Was die Kultur der zugewanderten Minderheiten anbelangte, hatten die Niederlande den Multikulturalismus regelrecht »umarmt«. An den Schulen wurden die Herkunftssprachen der größten Zuwanderergruppen unterrichtet.
»Kurz gesagt«, so Koopmans: »Die Niederlande hatten genau das gemacht, was Vertreter von ethnischen Selbstorganisationen und viele Bürger und Politiker mit ihnen meinen, das in Deutschland auch gemacht werden sollte, um die Integrationsprobleme zu lösen. Es solle Migranten doch viel einfacher gemacht werden, ein permanentes Bleiberecht zu bekommen oder Deutscher zu werden, ohne „ausgrenzende“ Sprachanforderungen, Einkommensnachweise und Integrationstests. Die Ablehnung der doppelten Staatsangehörigkeit verletze elementare Menschenrechte, schließe Menschen aus vom Wahlrecht und behindere die Integration.«
Deutschland hat die Niederlande als Vorbild gesehen. Eine Delegation nach der anderen kam auf Einladung nach Berlin. Der Ablauf solcher Begegnungen, so schreibt Koopmans, war immer gleich: Die Niederländer predigten die Segnungen ihres Integrationsansatzes, und die Deutschen glaubten es ihnen nur allzu gerne.
Doch dann sollte Koopmans für die Zeitschrift 'Migrantenstudies' einen Bericht schreiben und darin einen Vergleich zwischen Deutschland und den Niederlanden ziehen. In der vollen Überzeugung, er würde nun die empirischen Beweise für die Überlegenheit der niederländischen Integrationspolitik zusammentragen, machte er sich an die Arbeit.
Zu seinem großen Erstaunen ging der Vergleich aber in fast jeder Hinsicht zugunsten von Deutschland aus. Er musste es einsehen, die Zahlen waren deutlich: »In Deutschland waren Zuwanderer zwar doppelt so häufig arbeitslos und sozialhilfeabhängig wie Menschen ohne Migrationshintergrund, aber in den Niederlanden waren viermal so viele arbeitslos und zehnmal so viele sozialhilfeabhängig.«
Er musste auch eine Überrepräsentation von Ausländern in der Kriminalstatistik feststellen. Dabei war es doch angeblich alles so vorbildlich in den Niederlanden. Niederländische Türken konnten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk die Nachrichten auf Türkisch hören und, wenn gewünscht, konnten sie ihre Kinder in den staatlich subventionierten islamischen Religionsunterricht oder sogar auf eine islamische Schule schicken.
Doch zusammenfassend muss Koopmans festhalten: »Wie immer man diese Befunde auch deuten möchte, eines war klar: Der niederländische Multikulturalismus war keinesfalls das nachahmenswerte Erfolgsmodell, für das viele sowohl in den Niederlanden als auch in Deutschland es hielten.«
Er wundert sich. »Noch immer ist die Idee in Deutschland weitverbreitet, bedingungslose Erteilung von dauerhaften Bleiberechten, leichtere Einbürgerung, doppelte Staatsangehörigkeit, Kommunalwahlrecht für Ausländer und staatliche Anerkennung und Unterstützung für die Sprachen, Kulturen und Religion der Zuwanderer seien wegweisend für eine gelungene Integration. Umgekehrt gelten Integrationsanforderungen, Sprachtests, und Bedingungen für die Heiratsmigration für viele als „Integrationsbarrieren“.«
Schockiert war Koopmans schließlich von dem Mord an Theo van Gogh – und mehr noch von dem Umgang damit und der folgenden Deutung, die aus den Terroristen Opfer machen wollten. »Wer gedacht hätte«, schreibt er, »die Politik würde jetzt ein klares Signal für die Meinungsfreiheit und das Recht auf Religionskritik setzen, hatte sich geirrt. Premierminister Jan Pieter Balkenende besuchte zwar eine niedergebrannte islamische Schule, und Königin Beatrix ging in Amsterdam auf Teevisite in ein marokkanisches Jugendzentrum, aber die Eltern von Theo van Gogh besuchten sie nicht.«
Kommt einem das bekannt vor? Der Justizminister Piet Hein Donner plädierte sogar wenige Tage nach dem Mord im Parlament dafür, das verstaubte Gesetz gegen Gotteslästerung wieder anzuwenden. Der Terror hatte gewirkt. Der Staat knickte ein.
Dies ist ein Auszug aus seinem Buch, das in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Assimilation oder Multikulturalismus – Bedingungen gelungener Integration“ erschienen ist. Die FAZ hatte Auszüge daraus veröffentlicht.


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