Die Linke betrauert einen alten Liebling

Ein alter Rebell der Popmusik lässt seine Fans alt aussehen

Popmusik ist ein Stimmungsbarometer. Popmusik ist immer auch als Aufbegehren der Jugend gegen das Establishment gesehen worden. Doch die Jugendlichen von heute, die sich für rebellisch halten, sind zum Establishment geworden. Sie fühlen sich von einem ihrer alten Lieblinge verraten.

Freie Welt

Steven Patrick Morrissey ist ein Musterbeispiel. Er ist einer der ganz großen Helden der Popmusik den 80er Jahre, der mit der Gruppe The Smiths berühmt wurde und der – wie man in Musikerkreisen sagt: Musikgeschichte geschrieben hat. »Noch heute liegen dem Sänger viele Fans und Kritiker zu Füßen. Eigentlich ...« So heißt es bei n-tv, doch nun sorgt er mit seinen Songs und Interviews »für Entsetzen«.

Bei seinem Konzert in Berlin, von dem der musikexpress berichtet, ist es zu einem Zwischenfall gekommen: Zwischen zwei Liedern überließ Morrissey dem Publikum das Mikrofon, genauer gesagt: einem weiblichen Schreihals aus der ersten Reihe. »Fuck AfD, fuck these german Nazis, get out of our parliament«, schrie die Frau unter Jubelstürmen ins Publikum, einige Besucher stimmten sogleich »Antifascista!«-Rufe an.

Das wäre die Chance für Morrissey gewesen, sich dem Publikum anzuschließen und mit einzustimmen. Doch genau das tat er nicht. »Ihr liebt also Angela Merkel. Ihr liebt sie doch, oder?«, sagte er, als er sich wieder das Mikro geholt hatte. »Tut doch nicht so rebellisch.«

Die Verhältnisse haben sich geändert. Wer, so muss man sich fragen, ist heute das wahre Establishment? Wer ist der wahre Rebell?

Morrissey sei ein »alter, ideenloser Verschwörungstheoretiker«, schreibt die Süddeutsche. «Da inszeniert sich jemand ganz gezielt als Apologet des Rechtspopulismus«, heißt es weiter. Es klingt bitter und enttäuscht.

Man erkennt es an seiner neuen CD. In einem seiner neuen Songs heißt es: »Lehre deine Kinder, die Propaganda, die von den toten Abteilungen der Mainstream-Medien verbreitet wird, zu erkennen und zu hassen.« Und weiter: »Hört auf, Nachrichten zu schauen! Die sollen euch nur Angst machen. Damit ihr euch klein und einsam fühlt. Und damit ihr eurem eigenen Verstand nicht mehr traut.«

Das ist zu viel für die Süddeutsche: »Wer so argumentiert, der sitzt eigentlich schon neben Götz Kubitschek«, heißt es dazu. 

Es gibt noch mehr Verstöße gegen das linke Zeitgeist-Diktat. Das Brexit-Referendum nennt Morrissey den »größten demokratischen Sieg in der Geschichte der britischen Politik seit vielen, vielen Jahren«.

Oh, weh! Da ist noch mehr, das ihm die Linken nicht verzeihen: Nach dem Terroranschlag in seiner Heimatstadt Manchester kritisierte er den Londoner Bürgermeister Sadiq Khan dafür, dass er den sogenannten Islamischen Staat nicht deutlich genug verurteilte. 

Er nimmt auch die Me-Too-Kampagne nicht so richtig ernst. Er zeigt irgendwie zu wenig Verständnis für die Opfer sexueller Übergriffe in Hollywood. Auch wenn er deutlich macht, dass er richtige »Vergewaltigungen hasst«, es wird ihm nicht abgenommen, zumal er auch noch in einem Interview bei Spiegel-online die Vergewaltigungen »wegen der offenen Grenzen« beklagt.

Nachgefragt, ob er etwa gegen die Aufnahme von Flüchtlingen sei, erklärt er: »Okay, reden wir über den Multikulturalismus. Ich will, dass Deutschland deutsch ist. Ich will, dass Frankreich französisch ist. Wenn man versucht, alles multikulturell zu machen, hat man am Ende gar keine Kultur mehr.«

Sven von Storch

Ihnen hat der Artikel gefallen?
Bitte unterstützen Sie mit einer Spende unsere unabhängige Berichterstattung.

PayPal

Add new comment

CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.
This question is for testing whether or not you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.