Das Gefängnis macht sie zu Terroristen. So war es bei Anis Amri, dem Attentäter vom Berliner Weihnachtsmarkt aus dem Jahre 2016. Auch im Falle des bisherigen Kleinkriminellen und mutmaßlichen Attentäters von Straßburg, Chérif Chekatt, wird von den Ermittlungsbehörden ebenfalls eine mögliche Radikalisierung während der Haft in Betracht gezogen.
Es ist eine trostlose Erkenntnis; denn der Strafvollzug in Deutschland ist hoffnungslos überfordert und nicht in der Lage, dem entgegenzuwirken. In einem Interview, das René Müller, der Vorsitzende des Bundes der Strafvollzugsbediensteten, für die Deutsche Welle gegeben hat, wird das mehr als deutlich.
Auf die Frage, ob die finanzielle und personelle Ausstattung reicht, um Radikalisierungen, die während der Haft entstehen, in den Griff zu bekommen, antwortet er mit einem klaren Nein:
»Ganz klar Nein! Wir können seit zwei, drei Jahren mit dem drastischen Anstieg in den Justizvollzugsanstalten nicht Schritt halten, was die Personalsituation anbelangt. Uns fehlen nach wie vor 2.000 Bedienstete, um die notwendigsten Aufgaben erledigen zu können.«
Dabei wurde ein zentrales Problem noch nicht einmal angesprochen: die Sprachbarriere. Man kann von den Beamten schließlich nicht erwarten, dass sie das Verhalten der Gefangenen einschätzen, wenn sie die Sprache nicht verstehen. Sie können nicht anders: Sie müssen sich mit stümperhaften Methoden behelfen. Was sollen sie tun? Sie beobachten die Gefangenen und ziehen ihre Schlüsse.
»Wenn jemand in der Zelle relativ gut ausgestattet ist, also beispielsweise eine Playstation und bestimmte Zeitschriften hat und man nach einiger Zeit feststellt, dass der Haftraum immer spartanischer und übersichtlicher wird, dann ist das ein Indiz.«
Ein Indiz. Mehr nicht. Oder: »Sie finden vielleicht noch den Koran. Sie merken, dass sich der Gefangene körperlich verändert, indem er sich einen Bart wachsen lässt … und wenn man dann noch beobachtet, dass sich ein Gefangener mit anderen zusammentut …« Was dann? »Dann schaut man genauer hin.«
Der Strafvollzug ist nicht einfach nur personell unterversorgt – er steht auf verlorenem Posten. Er hat keine Chance. Die Aufgaben, die ihm zufallen, sind nicht zu lösen. Denn wie kann man jemanden resozialisieren, der nie sozialisiert war? Wie soll man jemanden strafen, der bereits im Gefängnis sitzt?


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