Ein Missverständnis

50 Jahre APO. Was ist geblieben_

Im diesem Jahr blicken wir zurück auf das legendäre Jahr 1968. Der Jahrestag des Attentates auf Rudi Dutschke war in vielen Medien Anlass, eine Bilanz zu ziehen und sich zu fragen: Was ist geblieben von der APO?

Matthias Walden hatte sich die Frage schon in seinem Buch ‚Die Fütterung der Krokodile‘, das 1981 erschienen ist, gestellt. Sie saßen ihm, wie er berichtet, direkt im Fernsehstudio gegenüber: die Alt-Stars der APO-Zeit, Rudi Dutschke und Daniel Cohn-Bendit. Die beste Gelegenheit also, die Richtigen danach zu fragen, was uns ihr Engagement gebracht hat.

Sie antworteten sinngemäß, es habe eine Veränderung der Arbeitsmoral gegeben, es habe sich eine Unlust an der Leistung breit gemacht, die Lust an der Freizeit und die unaufhaltsame Tendenz zu immer kürzeren Arbeitszeiten sei angestiegen – das seien, kurz zusammengefasst, die späten, aber reifen Früchte ihrer Auflehnung.

Der Tatbestand ist nicht zu leugnen. Da gibt es einiges, das man damals beobachten konnte: Fünf-Tage-Woche, Altersversorgung, Krankenversorgung, Verlängerung der Urlaubszeit, Arbeitslosen-Geld, Kündigungsschutz und rechtsverbindliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Doch diese Errungenschaften waren nicht oder nur zum geringen Teil der traditionellen Arbeiterbewegung zu verdanken. Mit der traditionellen Arbeiterbewegung hatten die 68er sowieso nichts oder nur sehr wenig zu tun.

Voraussetzung war die Leistungsbereitschaft der Arbeitenden gewesen, ihr Fleiß, ihr Aufwand an Arbeitszeit. Die Errungenschaften gehen weniger auf die Kampfparolen der APO zurück, als vielmehr auf die Verwöhnung durch den Wohlstand.

Sie sind erarbeitet worden. Sie sind eben nicht das Ergebnis sozialistischer Propaganda. Deshalb gab es diese Errungenschaften auch nicht in der DDR, sondern in der BRD. Sie waren Ergebnisse des erarbeiteten Wohlstandes, den der Kapitalismus ermöglicht hatte und nicht ein Ergebnis der ineffektiven, sozialistischen Arbeitswelt. Sie wurden von den westdeutschen Arbeitern mit Fleiß erarbeitet und nicht durch Parolen und lautstarke Forderungen von der Straße aus erkämpft.

Es stimmt schon. Die 68er haben die Arbeitsmoral erschüttert. Nulltarif, Tramper-Romantik und Raubdrucke kennzeichnen diese Zeit des Umbruchs. Man war nicht nur gegen das Leistungsprinzip, sondern generell gegen jede Leistung. Man war nicht gegen angebliche ausbeuterische Arbeitsbedingungen, sondern gegen Arbeit generell.

Aber: Immer weniger zu arbeiten, trotzdem steigende Löhne zu empfangen und das soziale Netz engmaschig erhalten wissen zu wollen, sind miteinander nicht zu vereinbaren, es sind wirklichkeitsfremde und letzten Endes antisoziale Begehrlichkeiten.

Das war schon in den 80er Jahren offenbar. Aktuell zeigt sich die wirklichkeitsfremde Einstellung an der Illusion, man könne einen Sozialstaat für die gesamte Welt aufrechterhalten.

Sven von Storch

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