Studenten sind nicht mehr in der Lage, mit Literatur umzugehen

Warnung vor Dostojewski und Shakespeare

Nicht weil es ihnen zu anspruchsvoll wäre. Sondern weil Gewalt in den Texten vorkommt – und womöglich sexuelle Belästigung. Das halten Studenten heute nicht mehr aus. Deshalb fordern viele – besonders in den USA und in England –, dass die Werke der Weltliteratur mit Warnhinweisen, mit so genannten trigger warnings, versehen werden. Der Trend kommt nun auch nach Deutschland.

»Vorsicht Dostojewski« titelt die Süddeutsche und berichtet davon, dass Aktivisten fordern, dass bei der Behandlung von Werken wie etwa Ovids Metamorphosen Rücksicht genommen wird auf Studenten, die möglicherweise von Gewaltdarstellungen traumatisiert sind, damit sie rechtzeitig vorgewarnt werden und die Möglichkeit haben, sich in Sicherheitszonen, in so genannte safe spaces, zurückzuziehen.

Aktuell hatte sich die Debatte um versteckte Mikroaggressionen, die post-traumatische Störungen auslösen können, an dem Shakespeare-Drama Titus Andronicus entzündet, worüber u.a. der Guardian berichtet hatte. Safe-Spaces, die wir uns gerne so vorstellen können wie das Kinderparadies bei Ikea, sind inzwischen an den Universitäten weit verbreitet. Es gibt sogar Heulschränke, in die man sich zurückziehen kann, um sich in Ruhe auszuweinen, um danach wieder gestärkt der ach-so-grausamen Welt gegenüberzutreten.

Wir sollten das nicht belächeln. In Deutschland ist es nicht besser: Auch bei uns ist die Empfindlichkeit – genauer gesagt: die Überempfindlichkeit – die Trumpfkarte, die alles sticht.

Deshalb brauchen wir Sprachregelungen. Deshalb dürfen wir bestimmte Ausdrücke, die selbstverständlich an dieser Stelle nicht zitiert werden, nicht mehr benutzen. Um solche Verbote durchzusetzen, muss von den empfindlichen Menschen, von den so genannten snow flakes, ein ständiger Druck erzeugt werden.

Wenn man sich dem erst einmal gefügt hat, gibt es kein Halten mehr. So wird berichtet, dass eine Studentin darum gebeten hat, auch das Wort »verletzen« nicht mehr zu benutzen, nicht einmal mehr in der Formulierung »das Gesetz verletzen«, weil allein schon das Wort »verletzen« traumatisch auf sie wirke. In letzter Konsequenz führt das dazu, dass man auch vor Trigger-Warnungen warnen muss, da diese Sicherheitshinweise selber zum Auslöser von Panikattacken – zum Trigger – werden können. Man kann dann nicht mehr darüber reden, dass man nicht darüber reden kann. Da fehlen einem die Worte.

Die Nützlichkeit von Sicherheitszonen und Trigger-Warnungen ist durchaus umstritten. Das ist jetzt extra vorsichtig formuliert, damit sich die Schneeflocken nicht allzu sehr erschrecken und langsam vorbereitet werden auf die bittere Wahrheit, die nun folgt: Trigger-Warnungen verschlimmern das Problem.

Ein Team von Psychologen von der Harvard University hat dazu eine Untersuchung veröffentlicht: Die Forscher ließen Probanden Passagen aus Werken von Fjodor Dostojewski, Herman Melville und anderen Autoren lesen, in denen teilweise blutige Schilderungen auftauchen.

Wenn die Teilnehmer zuvor eine Warnung gelesen hatten, dass sie nun möglicherweise auf »verstörende Inhalte, die Angstzustände auslösen könnten«, stoßen würden, wirkte das bei manchen wie eine sich selbsterfüllende Prophezeiung. So jemand spürte nach der Lektüre größere Angst, wenn er zuvor einen Warnhinweis gelesen hatte.

Wir sollten uns über die Schneeflocken nicht täuschen. Sie geben sich schutzbedürftig. Doch von ihnen geht eine bösartige Aggression aus, sie wollen uns die Unbefangenheit und Spontanität unseres Umgangs nehmen und uns zu behinderten Leisetretern machen (falls der Ausdruck »behindert« in dem Zusammenhang überhaupt gestattet ist). Jede Schutzzone ist für sie ein Geländegewinn; jedes Sprachverbot, gegen das wir nicht aufbegehrt haben, ist ein für sie ein Etappensieg und bringt sie dem Ziel, uns zum Schweigen zu bringen, näher.

 

 

 

Sven von Storch

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