Peinliche Inszenierung von Wichtigtuern

Kulturschaffende fordern den Rücktritt von Seehofer

Seehofer soll noch vor der Landtagswahl in Bayern vom Amt des Bundesinnenministers zurücktreten. Das fordern »Kulturschaffende« oder auch »Künstler«, manchmal auch »Prominente« oder »prominente Namen« genannt – oder wie sie sich selbst bezeichnen »Künstlerinnen und Künstler, Kulturschaffende, Kulturvermittlerinnen und -vermittler«. Leute also, die sich für wichtig halten und glauben, dass ihre Worte Gewicht haben und sich am besten alle unverzüglich danach richten sollen.

In der tagesschau werden sie als Stimmen der »Zivilgesellschaft« bezeichnet. Wenn das so ist, dann müssen es auch Stimmen von Bedeutung sein. Der Spiegel berichtet von diesem Ereignis, als wäre es tatsächlich wichtig, auch die Zeit, ebenso die Welt, als hätten diese Personen ein politisches Mandat, ein Mitspracherecht – als wären sie in der Position, Forderungen zu stellen.

Was sind das für Stimmen? »Unterzeichnet haben viele prominente Namen: Enthüllungsjournalist Günter Wallraff, Berlinale-Chef Dieter Kosslick, Schauspieler wie Peter Lohmeyer, Jochen Busse, Burghart Klaußner, Meret Becker und Hugo Egon Balder, die Musikerin Inga Humpe, Filmemacher wie Emily Atef, Andres Veiel und Dietrich Brüggemann.«

Die bekanntesten Namen dürften vielleicht neben Günter Wallraff der Moderator Hugo Egon Balder sein, der – wie der Spiegel schreibt – auch 17 Jahren nach dem Erfolg von Tutti Frutti, immer noch »Herr der Möpse« genannt wird, und Inga Humpe mit dem Ohrwurm: »Ich düse, düse, düse im Sauseschritt und bring die Liebe mit …« Das ist lange her. Nun düst sie wieder. Nun gehört Humpe zu den Erstunterzeichnern und Erstunterzeichnerinnen ohne Stern, zu denen sich aber noch weitere Unterzeichner*innen mit Stern hinzugesellen können.

Was steht in dem Schreiben, das den stolzen Titel »Würde, Verantwortung, Demokratie« im Wappen führt, und im Netz unter seehofermussgehen zu finden ist? Da lesen wir über Seehofer: »Sein Verhalten ist provozierend, rückwärtsgewandt und würdelos gegenüber den Menschen. So verstellt er den Weg in eine zukunftsfähige deutsche Gesellschaft.« Das sind schwere Vorwürfe, die aber gleichwohl nebulös bleiben.

Die Kulturschaffenden zeigen sich weiterhin »entsetzt« darüber, »dass der Bundesinnenminister fortwährend die Arbeitsfähigkeit der Bundesregierung sabotiere und dem internationalen Ansehen des Landes schadet; dass er die Migrationsfrage zur 'Mutter aller politischen Probleme' erklärt und damit 18,6 Millionen Menschen, die mit migrantischen Wurzeln in Deutschland leben, in Geiselhaft nimmt und als eine Ursache dieser 'Probleme' hinstellt«.

Geiselhaft für 18,6 Millionen Menschen! Gigantisch große Worte! Eine einzige Geiselhaft ist schon schlimm genug. Aber Geiselhaft für 18,6 Millionen Menschen! Wer schafft das? Seehofer, der Allmächtige!

Irgendwie hat man den Eindruck, dass sich die Kulturschaffenden nicht richtig ausdrücken können. Diesen Eindruck teilt auch der Blog Salonkolumnisten und schreiben unter der Überschrift »Betreutes Deutsch«:

»Wenn "Künstlerinnen und Künstler, Kulturschaffende, Kulturvermittlerinnen und -vermittler" entsetzt sind, leidet zuerst die Sprache. Sollte man jemals mit dem Gedanken spielen, einen offenen Brief unter der Überschrift "Würde, Verantwortung, Demokratie" zu veröffentlichen, dann ist es empfehlenswert, sich vorher über das Wort "Kulturschaffende" zu informieren, statt es fröhlich und ungeniert als Selbstbezeichnung zu verwenden. Dann würde einem nämlich auffallen, dass der Begriff vom NS-Regime geprägt wurde, dummerweise auch noch durch den von Goebbels initiierten "Aufruf der Kulturschaffenden".»

Dushan Wegner sieht das ähnlich und schreibt: »Hey Künstler, wenn ihr euch schon Merkel andient, nutzt wenigstens nicht totalitäre Sprache dabei!«

Sven von Storch

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