Nun also doch. Erinnern wir uns. Es ist noch nicht lange her, da wurde die Existenz von so genannten No-go-Areas für Juden bestritten. Im Februar letzten Jahres berichtete die freie welt von dem Selbstversuch eines Juden, der sich tatsächlich in Gebiete gewagt hatte, die er mit erkennbaren äußeren Anzeichen, die ihn als Juden ausweisen, lieber meiden sollte. Mariam Lau von der Zeit war mit einem Rabbiner auf der Neuköllner Sonnenallee unterwegs gewesen. Ein Einzelfall. Oder zumindest ein Fall, der keine überregionale Bedeutung hat. So hatte man es damals sehen wollen.
So kann man es heute nicht mehr sagen. Eine neue Umfrage, die in 12 europäischen Ländern durchgeführt wurde, liefert ein Armutszeugnis für Europa – und ein Alarmsignal an die Politik. Besonders schlimm ist es in Frankreich und Deutschland.
Die Berliner Zeitung schreibt: »Erschreckend: In keinem Land haben so viele Juden antisemitische Belästigungen erlebt wie in Deutschland. 41 Prozent gaben an, im vergangenen Jahr eine antisemitische Erfahrung gemacht zu haben, 52 Prozent in den vergangenen fünf Jahren – beides weit über dem EU-Schnitt (28 Prozent und 39 Prozent).«
Felix Klein, Antisemitismus-Beauftragter der Bundesregierung, zeigt sich schockiert. »Dass als Juden erkennbare Menschen aus Angst vor Anfeindungen gewisse Gegenden nicht mehr betreten wollen, halte ich für alarmierend«, erklärte er gegenüber der Bild: »Vor dem Hintergrund unserer Geschichte sind antisemitische Vorfälle in Deutschland ganz besonders schwerwiegend. Wir müssen alles daran setzen, diese traurige Spitzenreiterposition wieder loszuwerden.«
Dabei spielt aber nicht nur die alte Geschichte eine Rolle, sondern auch – und zwar ganz besonders – die jüngere. Die wiederum ist gekennzeichnet von einer unkontrollierten Zuwanderung von Personen, für die Judenhass selbstverständlich ist. Bisher hieß es immer, dass die Gefahr für Juden »von Rechten« ausginge. Das kann man nun nicht weiter aufrechterhalten.
Die Umfrage zeigt es deutlich: 41 Prozent der befragten Juden in Deutschland gaben an, dass die Täter, von denen sie angegriffen wurden, einen muslimischen Hintergrund hatten. Andere politische Tätergruppen wurden deutlich seltener genannt. Rechte mit 20 Prozent, Linke mit 16 Prozent.
»Diese Daten sind ein Schlag ins Gesicht«, sagte der Historiker und Publizist Michael Wolffsohn der Bild. »Sie widerlegen die politische und mediale Gewichtung des Antisemitismus. Die Gefahr von rechts besteht, aber sie ist nicht die größte.«
Wolffsohn fordert nun: »Die Verantwortlichen müssen das Kind beim Namen nennen und endlich handeln. Die Integration von Muslimen ist eine menschliche und politische Selbstverständlichkeit. Aber von Muslimen verübte Straftaten müssen geahndet werden, nicht politisch korrekt überzuckert.«
Die tagesschau meldet aktuell, dass ab Februar antisemitische Vorfälle in einem bundesweiten Meldeportal erfasst werden sollen. Die Initiative soll dafür eine Anschubfinanzierung aus Mitteln des Bundesbeauftragten von 243.000 Euro für 2019 erhalten. Die Bundesinnenministerium hatten bundesweit allein von Januar bis September dieses Jahres 1075 Straftaten mit antisemitischem Hintergrund gezählt.


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